Ärzte Zeitung online, 04.12.2017

Ärztekammer Sachsen

Junge Ärzte in Polen bekommen drei Euro pro Stunde

Mitglieder der Sächsischen Ärztekammer haben sich in Breslau über die Situation junger Kollegen in Polen informiert. Deren Berichte zeichnen ein desolates Bild.

Junge Ärzte in Polen: Drei Euro pro Stunde

Für junge Ärzte in Polen sind die Arbeitsbedingungen schlecht, das Gehalt niedrig.

© Bernd Wüstneck / dpa-Zentralbild / ZB / picture alliance

DRESDEN/WROCLAW. Für junge Ärzte in Polen sind die Arbeitsbedingungen schlecht, das Gehalt niedrig. Das wurde bei einem Besuch von Mitgliedern der Sächsischen Landesärztekammer bei der Niederschlesischen Ärztekammer in Wroclaw (Breslau) deutlich.

Der polnische Arzt Michael Pardel berichtete bei der Vorstandssitzung der Kammer von der Situation von jungen Ärzten nach dem Studium. In Polen schließt sich dann die sogenannte Residentur an, eine einjährige Ausbildung nach dem Studienabschluss. In dieser Zeit wird ein Lohn gezahlt, der umgerechnet 600 Euro netto pro Monat entspricht. Da eine Arbeitszeit von 48 Stunden pro Woche vorgesehen ist, entspricht dies einem Stundenlohn von drei Euro.

Pardel verglich diesen Stundenlohn mit dem Gehalt für einen Informatiker in Wroclaw, das bei knapp 18 Euro liege. Ein Servicetechniker für Hausgeräte in der Region erhalte sogar 35 Euro pro Stunde.

Er verwies zudem auf die hohen Mietpreise in Wroclaw: Für eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit 47 Quadratmetern werde eine Monatsmiete von insgesamt 700 Euro verlangt: Das sind 100 Euro mehr als das Monatsgehalt eines jungen Mediziners. Junge Ärzte in Polen kämen finanziell nur über die Runden, indem sie einen Zweitjob haben, beispielsweise als privat tätiger Arzt, wurde erläutert.

Im Oktober sind Assistenzärzte in einer Warschauer Klinik aus Protest gegen ihre Arbeitsbedingungen in den Hungerstreik getreten.

Denn polnische Kliniken umgingen nicht selten das Arbeitszeitgesetz der Europäischen Union. Dabei gründeten Ärzte eine private Firma, über die Krankenhäuser dann Ärzte anstellten. So komme es zu Wochenarbeitszeiten von teilweise 80 bis 120 Stunden, berichtete die Niederschlesische Ärztekammer.

Außerdem reiche das Geld, das aus dem staatlichen Gesundheitsfonds zur Verfügung gestellt werde, nur für ein halbes Jahr. Deshalb würden Patienten auch nur von 8 bis 12 Uhr auf Kassenkosten behandelt und müssten sehr lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Wer schneller behandelt werden möchte, könne nachmittags kommen – und müsse dies dann aus der eigenen Tasche bezahlen. Dieses System existiere bereits seit 1989. Polen stelle in der EU den geringsten Anteil des Bruttoinlandsproduktes für Gesundheit zur Verfügung, erläuterte die Ärztekammer in Breslau.

Der polnische Arzt berichtete weiterhin über die schwierige Lage junger Ärzte in der Residentur: Weder gebe es eine Erstattung der Kosten für Fachbücher und Kurse noch für Schulungen. Zusätzlich fehlten generell Stellen für die Residentur. Die Kapazitäten reichten nur für rund 70 Prozent der jungen polnischen Ärzte.

Dabei würden dringend junge Ärzte in Polen gebraucht, da das Durchschnittsalter sehr hoch ist: Mehr als 60 Prozent der Ärzte in Polen sind älter als 50 Jahre. Pardel erläuterte, dass für viele junge Ärzte in Polen die Konsequenz aus den schlechten Bedingungen darin bestehe, andernorts ihr Glück zu versuchen. Er selbst sucht aktuell in Deutschland eine Weiterbildungsstelle. (sve)

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