Ärzte Zeitung online, 27.03.2018

Arzt sein im postfaktischen Zeitalter

Von Ärzten und Einhörnern

Wenn im Behandlungszimmer rational-wissenschaftliches Denken auf postfaktische Pseudo-Argumente trifft, stößt so mancher Mediziner an seine Grenzen. Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler kennt das aus der Praxis.

Von Ärzten und Einhörnern

Mythische Einhörner: Symbol des postfaktischen Zeitalters?

© s_lena / stock.adobe.com

Einhörner erobern die Kinderzimmer. Ich habe drei Töchter, ich weiß das. Aber warum sind gerade Einhörner so in Mode? Ich glaube, weil sie die Wappentiere des postfaktischen Weltbildes darstellen: Es gibt sie zwar nicht, aber das ist zweitrangig, denn es sollte sie geben und es tut gut, wenn sie mit populistischem Glitzerstaub alle Wünsche erfüllen.

Ganz ehrlich, im Kinderzimmer stören mich die Einhörner nicht, schließlich ist entwicklungspsychologisch eine magische Phase auf dem Weg zum rationalen Denken durchaus normal, schon Pippi Langstrumpf hat sich die Welt so gemacht, wie sie ihr gefällt.

Schwieriger wird es, wenn ich die Einhörner im Sprechzimmer treffe: Patienten, die davon überzeugt sind, jede Form der Befindlichkeitsstörung müsse sich mit einer suboptimal eingestellten Hashimoto thyreoiditis erklären lassen, oder es stecke sicher eine dieser Nahrungsmittelunverträglichkeiten dahinter, nach dem Motto:"Ich trinke schon lange glutenfreies Wasser, nichts hilft". Meist begleitet von der Aussage: "Davon verstehen Sie nichts".

Wenn Fakten stören

Ist klar, auf meinem Schild steht auch ein Dr. med. das bedeutet, bei mir gibt es in erster Linie Schulmedizin. Die ist nicht unempathisch aber wissenschaftlich fundiert – und wen Fakten stören, der kann genau damit nichts anfangen.

Die nackten Fakten berücksichtigen die Gefühlskomponente nicht, der postfaktische Mensch empfindet wissenschaftliche Aussagen als Lüge ("auch wenn es draußen nicht kalt ist, friere ich, wenn ich aus der Sauna komme"). Für den Wissenschaftler hingegen sind nicht auf Tatsachen beruhende Aussagen, die dem Gefühl mehr Ausdruck verleihen, eine Lüge ("wenn die Umgebung zu warm ist, muss ich frieren"). Das führt potentiell zu Missverständnissen in der Kommunikation.

Ich sage den Patienten, dass die evidenzbasierte Herangehensweise in der Schulmedizin lediglich ein Instrument darstellt. Es hilft der Medizin, Vorhersagen zu treffen. Allerdings nur über große Menschengruppen, die Vorhersagekraft für den Einzelnen bleibt eingeschränkt.

Dr. Jessica Eismann-Schweimler

Medikamentennamen – für mich ein Buch mit sieben Siegeln

© Antoinette Steinmüller

Dr. Jessica Eismann-Schweimler, geb. 1979, ist Weiterbildungsassistentin in einer allgemeinmed. Praxis, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie ist seit 2005 Ärztin und bloggt für die "Ärzte Zeitung" über Höhen und Tiefen der Weiterbildungsabschnitte auf dem Weg zum Allgemeinmediziner sowie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

 Es ist zum Beispiel sehr unwahrscheinlich, dass ein Impfschaden entstehen wird, dennoch ist es für das einzelne Individuum nicht ausgeschlossen, der Patient muss ja vor jeder Impfung auch einen Aufklärungsbogen unterschreiben.

Auf tönernen Füßen

Natürlich empfehle ich meinen Patienten, sich impfen zu lassen. Dennoch, rein wissenschaftlich ist es nicht gut zu widerlegen, ob alle Erkrankungen, die dem Impfen zugeschrieben werden wie Enzephalomyelitis disseminata, Autismus, ADHS, etc. wirklich nicht durch das Impfen ausgelöst werden, denn mithilfe einer Korrelationsanalyse bleibt das Ganze unsicher, und eine Fall-Kontroll-Studie wäre ethisch überhaupt nicht vertretbar.

Allerdings ist solch ein Impfschaden sehr unwahrscheinlich und passt überhaupt nicht zu unseren bisherigen – gut belegten – Theorien.

Auf die Nachfrage, wie gefährlich das Impfen sei, antworte ich, dass ich noch nie einen Impfschaden erlebt hätte. Das ist wahr, aber statistisch betrachtet ist diese Aussage aufgrund der geringen Beobachtungszahl natürlich auf tönernen Füßen.

Weiter sage ich, ich habe aber schon Patienten erlebt, die nicht geimpft waren und schwer krank wurden und zum Beispiel an Wundstarrkrampf erkrankt sind, kein schöner Tod. Neulich antwortete mir ein Patient darauf, dass er trotzdem nicht glaube, dass es Erreger in der Erde gäbe und er sich lieber nicht impfen lasse.

Was soll ich dazu sagen? Mir reicht's, komm, Einhorn, wir gehen!

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[29.03.2018, 09:24:32]
Stephanie Baehr 
Die Vorhersagekraft für den Einzelnen bleibt eingeschränkt
"Patienten, die davon überzeugt sind, jede Form der Befindlichkeitsstörung müsse sich mit einer suboptimal eingestellten Hashimoto Thyreoiditis erklären lassen......"
Leider eine sehr pauschale Aussage zu Lasten der Patienten.
Fakt ist, dass es bis heute kein geeignetes Messinstrument gibt, um den individuellen Setpoint/ Wohlfühlbereich eines Patienten zu bestimmen. Nicht zu vergessen, dass die Schilddrüsenhormone in einem komplexen Zusammenspiel auf jede Zelle des Körpers einwirken.
Der Normbereich ist aus einer Gaußen Normalverteilung der Bevölkerung enstanden und deswegen sehr weit gefächert. So kann es vorkommen, dass der einzelne Patient unter Umständen mit Werten im Normbereich nicht mehr in seiner persönlichen Wohlfühlzone liegt. Normwerte sind nicht gleich Wohlfühlwerte. Daher fände ich es tragisch, wenn der Arzt eine Dosierung vorgibt und der Patient diese nur noch abnicken darf. Leider passiert das in der Realität viel zu häufig. Bestehende Beschwerden werden als psychosomatisch abgehandelt.
Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass die individuelle Hormondosis sehr viel am Wohlbefinden ausmacht und es bei schlechter Einstellung trotz Normwerten zu Herzrasen, Depressionen, Konzentrationsproblemen und Augenproblemen kommen kann. Diese "Befindlichkeitsstörungen" können so weit gehen, dass der Job und damit die Existenz gefährdet ist.
Warum also nicht einfach den Patienten - immerhin ein Experte für seinen Körper- bei der individuellen Dosisfindung miteinbeziehen/ unterstützen. Mein Wunsch wäre, dass Ärzte das Befinden Ihrer Patienten ernst nehmen,dass sie Zwischendosierungen nicht ablehnend gegenüberstehen, und dass regelmäßig Wertekontrollen mit TSH, ft3 und ft4 gemacht werden.
Kein Arzt hat eine Kristallkugel und kann dem Patienten im Vorfeld genau sagen, welche Dosierung die "Richtige" ist. So bleibt dem Patienten oft nur, sich durch "Versuch und Irrtum" an seine optimale Dosierung heranzutasten.
Wie die Autorin selber sagt:
"Ich sage den Patienten, dass die evidenzbasierte Herangehensweise in der Schulmedizin lediglich ein Instrument darstellt. Es hilft der Medizin, Vorhersagen zu treffen. Allerdings nur über große Menschengruppen, die Vorhersagekraft für den Einzelnen bleibt eingeschränkt."
Und genau das gilt auch für die individuelle Hormondosis.


Freundliche Grüße
Stephanie Baehr
- Morbus Basedow Patentin – die nach Ihrer RJT zu tief eingestellt worden war
- Laborantin zum Beitrag »
[28.03.2018, 14:21:10]
Rudolf Hege 
So manches Einhorn entpuppt sich als Schimmel...
Alle paar Jahre werden angebliche Einhörner zu Schimmeln befördert - und so mancher Schimmel wird zum Einhorn degradiert.

Kürzlich hat es die arthroskopische Knorpelglättung erwischt - offensichtlich auch nur ein Einhorn, wenn auch ein lukratives.

Andererseits haben sich Generationen von Naturheilkundlern auslachen lassen müssen, wenn sie auf den Darm als Ursache vieler Störungen hinwiesen und diesen "sanieren" wollten. Inzwischen wächst die Flut an Veröffentlichungen über den Darm ständig an und Stuhltransplationen & Co. erleben einen Boom.

Deshalb wäre es manchmal einfach wünschenswert, die Keule "Einhorn" stecken zu lassen. Im Zweifel ist ja der Patient, der entscheidet, was er akzeptiert und was nicht. Ist ja auch sein Leben und seine Gesundheit.

 zum Beitrag »
[28.03.2018, 14:17:29]
Irene Gronegger 
Hashimoto ist kein Einhhorn
Hashimoto ist ein sehr schlecht gewähltes Beispiel: Viele Betroffene sind tatsächlich schlecht eingestellt und eher unterdosiert. Manche Ärzte richten sich aus Budget-Gründen allein nach dem TSH-Wert und ändern die Dosis nur in großen 25-er Schritten, was aber nicht bei allen Menschen zu guten Resultaten führt. Kein Wunder - in den Zellen wirken ja die freien Hormone, das TSH ist nur ein Pi-mal-Daumen-Wert. Mancher Arzt scheint aber zu glauben, dass er mit einem Bein im Knast steht, wenn er ein niedrig-normales (oder gar leicht erniedrigtes) TSH toleriert.

Schlecht eingestellte Patienten suchen im Internet weniger nach rosa glitzernden Einhörnern, sondern eher nach nüchternen Apps und Formeln, die ihnen bei der Hormondosierung und beim Erreichen guter Schilddrüsenwerte helfen sollen. Aber darauf ist leider auch kein Verlass, weil nicht jeder Mensch dieselben Optimalwerte hat und es viele verschiedene Referenzbereiche gibt.

Hier wären besser informierte Ärzte und Betroffene gefragt, die ein Verständnis für die Zusammenhänge entwickeln möchten. Ärztliche Arroganz hilft jedenfalls nicht weiter.

Freundliche Grüße
Irene Gronegger
Ratgeber-Autorin
www.schilddruesen-unterfunktion.de zum Beitrag »
[28.03.2018, 08:31:12]
Dr. A. Constantin Rocke 
Das Beispiel Autoimmunthyreoiditis
Leider besteht gerade beim Thema Autoimmunerkrankungen eine frappierende Unkenntnis auf ärztlicher Seite - wer zB immer noch meint, die Autoimmunthyreoiditis liesse sich ausschließlich durch Gabe von T4 behandeln, wird m.E. seinen leidenden Patienten nicht gerecht werden. Wer zB immer noch behauptet, adäquat dosierte Mikronährstofftherapie sei unnötig oder gar schädigend (Onkologie!) kennt die Mechanismen und Fakten schlichtweg nicht. Wir sollten demütiger werden auch in der Auslegung von Studienergebnissen und scheinbar belegten Empfehlungen, sowohl als Weiterbildungsassistentin, als auch als Leitlinienautor - und bei Letzterem stets nach Interessenkonflikten fragen. zum Beitrag »
[27.03.2018, 13:01:04]
Gertrud Rust 
Das Recht auf subjektive Entscheidungen
Liebe Frau Dr. Eismann-Schweimler,
sagen Sie doch einfach: "Ihre Entscheidung", schließlich ist es das ja, oder auch: "Ihre Verantwortung".

Gertrud Rust zum Beitrag »
[27.03.2018, 12:38:14]
Prof. Dr. Norbert Schmacke 
Keep cool!
Es ist (leider?) ein Irrtum anzunehmen, dass gute Argumente immer wirksamer sind als Glaube und Aberglaube. Das ist weder im genrellen Alltag so noch in der Medizin. Manchmal hilft es, nach den Gründen für die Ablehnung vernünftiger medizinischer Ratschläge zu fragen, und manchmal hilft nichts. Wir müssen als Ärztinnen und Ärzte nicht "siegen" oder "gewinnen" sondern überzeugen. Und man muss wohl auch sagen: das Erlernen gelingender Gesprächsführung ist noch nicht so sehr lange Bestandteil des Medizinstudiums.

Norbert Schmacke (Herausgeber von "Der Glaube an die Globuli", suhrkamp 2015) zum Beitrag »

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