Ärzte Zeitung online, 17.07.2018

Was junge Ärzte denken

Gibt's die "Niederlassungsbremse Budgetierung"?

KBV und Berufsverbände arbeiten sich an der Budgetierung ab. Die DEGAM mahnt derweil, das Gesamtbild nicht aus den Augen zu verlieren. Und die Jungen selbst? Die verweisen auf andere drängende Probleme.

Von Anne Zegelman

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Angemessene Honorare sind beim medizinischen Nachwuchs definitiv ein Thema — aber nicht nur.

© Andrei Tsalko / Fotolia

Seit nunmehr 26 Jahren lebt die Ärzteschaft mit der 1992 vom damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) installierten Budgetierung der Ausgaben für Kliniken, Arzthonorare und Arzneimittel. Durch die Forderung des neuen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU), die Mindestsprechstundenzeit von 20 auf 25 Stunden pro Woche ohne Anpassung der Vergütung auszuweiten, hat die Diskussion in diesem Jahr allerdings eine neue Schärfe gewonnen.

Das zeigt auch eine jüngst verschickte Mitteilung der KBV. Es muss "endlich Schluss mit ideologisch motivierter Kontrollwut und Regulierungswahn" sein, heißt es dort. Schon einige Tage zuvor hatte KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen gedroht, "dass Politik und Krankenkassen auf dem besten Weg sind, es sich mit der gesamten niedergelassenen Ärzteschaft Deutschlands zu verscherzen."

"Das ist nicht zu vermitteln!"

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Das sieht auch der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa) so. Die vom GKV-Spitzenverband zusätzlich geforderten Sprechzeiten von grundversorgenden Haus- und Fachärzten an Wochenenden oder am Abend seien eine Kampfansage an die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, formulierte es der Vorstandsvorsitzende Dr. Dirk Heinrich: "Grundsätzlich ist die bestehende Budgetierung endlich aufzuheben." Es sei keinem grundversorgenden Haus- oder Facharzt zu vermitteln, dass durchschnittlich elf Prozent aller erbrachten ärztlichen Leistungen nicht vergütet würden.

Immer wieder werden auch Rufe laut, die Budgetierung sei direkt verknüpft mit dem Nachwuchsmangel im hausärztlichen Bereich. Die KBV sieht in den Regulierungen ganz klar eine Niederlassungsbremse: "Mit fehlendem Respekt gegenüber der ärztlichen Arbeit wird kein Nachwuchs zu gewinnen sein", hieß es. Doch wie sehen die Angesprochenen selbst eigentlich dieses Thema?

BVMD: Nur eines von vielem Anliegen

Der Bundesverband der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) benennt den Budgetdeckel nur als eines von vielen Problemen — Priorität haben andere Themen. "Ergebnisse von Medizinstudierendenbefragungen zeigen, dass Studierenden vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine flexible Arbeitszeitgestaltung wichtig ist", sagt Sprecherin Carolin Siech. Sie bezieht sich auf die Studie Berufsmonitoring Medizinstudenten der KBV von 2014, für die 11.462 Medizinstudierende (13,5 Prozent aller Studierenden in Deutschland) befragt wurden.

Gegen eine Niederlassung sprachen damals in den Augen der Jungen vor allem ein hohes finanzielles Risiko, eine unangemessene Honorierung, ein hohes Maß an medizinfremden Tätigkeiten und Bürokratie. Die BVMD fordert die verantwortlichen politischen Stellen auf, an diesen Punkten zu arbeiten, um die Niederlassung für Medizinstudierende attraktiver zu machen.

Die Junge Allgemeinmedizin Deutschland (JADE), eine bundesweit vernetzte Arbeitsgemeinschaft junger Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, teilt mit, man halte es "für wichtig, Hürden zur Niederlassung zu senken und auch finanzielle Unsicherheiten zu nehmen." Ob eine Entbudgetierung der beste Weg sei, will die JADE hingegen nicht bewerten.

Arbeitsbedingungen, Planbarkeit, Perspektive

Anders als der Hartmannbund: "Ganz sicher ist die Budgetierung eines der Hemmnisse für die Niederlassung. Deshalb bleibt die Forderung nach deren Abschaffung unverändert richtig", so der Vorsitzende Dr. Klaus Reinhardt. Mit einer zu starken Fokussierung auf diesen Aspekt springe man allerdings zu kurz: "Es geht eben auch um die tägliche Arbeitssituation, es geht um Planbarkeit und Perspektive."

Es entsteht generell der Eindruck, dass viele Junge, egal ob berufspolitisch organisiert oder nicht, anderen Themen eine größere Bedeutung beimessen. "Mich hält die Budgetierung auf keinen Fall von der Niederlassung ab und auch viele andere, die ich kenne, nicht", sagt eine Ärztin in Weiterbildung aus Hessen der "Ärzte Zeitung". "Die Work-Life-Balance ist auf jeden Fall viel besser als in der Klinik — und rechnet man das auf die Arbeitsstunden herunter, ergibt sich da doch ein deutlich besserer Verdienst." Ihr Kollege fühlt sich vor allem von der Praxis-Bürokratie gehemmt.

Auch die DEGAM sieht viele andere Baustellen. "Die Probleme im Deutschen Gesundheitssystem lassen sich nicht durch Entbudgetierung lösen, sondern nur durch grundlegende Strukturänderungen", sagte Präsidentin Erika Baum der "Ärzte Zeitung".

Die Vorschläge des Sachverständigenrats gingen dabei in die richtige Richtung. "Reine Entbudgetierungen ohne strukturelle Eingriffe hingegen führen dazu, dass sich die Schere zwischen Über- und Unterversorgung weiter öffnet und wir noch mehr Fehlversorgung bekommen als wir schon haben", mahnt Baum.

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