Ärzte Zeitung, 23.05.2012

Künftig mit Sammeltaxi und Ruf-Bus zum Doktor?

Mit dem Auto - so kommen die meisten Patienten zur Klinik und zur Arztpraxis. Doch das könnte sich ändern, lautet das Fazit einer Tagung über die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum.

Von Christian Beneker

Künftig mit Sammeltaxi und Ruf-Bus zum Doktor?

Taxi statt Privatwagen - eine Alternative für Patienten.

© Benshot / fotolia.com

DELMENHORST. Geht es nach dem Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/ Niederachsen (ZVBN), werden Patienten in Zukunft immer häufiger Busse und Sammeltaxis nutzen, um ins Krankenhaus oder zum Arzt zu kommen.

Allerdings werden sich auch die Praxen umstellen müssen und zum Beispiel die Terminvergabe mit dem Fahrplan koordinieren.

"Die niedergelassenen Ärzte werden mehr und mehr in den Mittelzentren ihre Praxen betreiben und die Patienten vom Land müssen sich auf den Weg machen", prognostiziert der Bremer Fachanwalt Dr. Hubertus Baumeister. "Gerade bei alten und immobilen Patienten ist das eine große Herausforderung an den öffentlichen Personen Nahverkehr."

Auf der Tagung "Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum" der Gesundheitswirtschaft Nordwest e.V. in Delmenhorst bei Bremen stellte Baumeister eine Analyse der Bedingungen vor, wie "die verschiedenen Welten" Öffentlicher Personen Nahverkehr (ÖPNV) und Gesundheitssystem zueinanderfinden können.

Transportbedarf muss jede Praxis selbst feststellen

Krankenhäuser werden derzeit zu fast 100 Prozent mit dem Auto angefahren. Der Grund: Oft liegen die Haltestellen der Busse zu weit vom Klinikum weg, und an Wochenenden fahren einfach zu wenige Busse. Bessere Informationen, etwa ein Link auf der Klinik-Homepage zum Fahrplan, könnten erste Abhilfe schaffen.

Vor allem Hausarztpraxen brauchen eine flexible Anbindung an den ÖPNV, etwa durch Sammeltaxis. Allerdings ist die Datenlage für die Praxen der Niedergelassenen noch dünn, und der Bedarf muss für die Praxen einzeln erhoben werden.

Die Planer brauchen Anzahl der Patienten und ihre "Quellorte", um den Transportbedarf besser erkennen zu können.

 "Per Sternfahrt könnten die Patienten zur Dialyse oder zum Hausarzt gebracht werden", sagt Burmeister. "Allerdings müssten die Praxen dann auch intensiv informieren und bei der Terminvergabe mit dem ÖPNV zusammenarbeiten." So eine Planung könne letztlich nur mit einer Einsatzzentrale funktionieren, erklärte Baumeister.

Pilotprojekt in Niedersachsen

In jedem Fall kommen auf die Transportunternehmen erhebliche Investitionen zu. "Der ÖPNV müsste eine ganze Flotte neuer Neunsitzer auf die Straße bringen", sagte Baumeister. Das kostet. Die Idee wirft aber auch Geld ab, meint der Anwalt.

So könnten die an Wochenenden schlecht ausgenutzten ÖPNV-Netze durch Mitarbeiter und Besucher von Krankenhäusern besser ausgelastet werden. Und die Kassen können unter Umständen viel Geld sparen, wenn sie ÖPNV-Betreiber als Generalunternehmer für den Patiententransport einsetzen. "

Immerhin gibt allein die AOK Niedersachsen jährlich 40 Millionen Euro nur für Krankenfahrten mit dem Taxi aus", sagt Baumeister, "alle niedersächsischen Kassen zusammen zahlen dafür pro Jahr 120 Millionen Euro."

Von Kassenseite sei also unter Umständen mit Zuschüssen zu rechnen. "Auch Kliniken würden etwas zahlen, wenn sie merken, dass sie durch den ÖPNV mehr Patienten bekommen und dadurch rentabler arbeiten", sagt Baumeister.

Ende des Jahres soll in einer ausgesuchten Region Niedersachsen das neue Konzept in einem Pilotprojekt erprobt werden.

Dabei kooperiert der ZVBN unter anderem mit der AOK Niedersachsen und der KV Niedersachsen. Von dem Ergebnis könnten alle ländlichen Gegenden in Deutschland profitieren, meint Baumeister.

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