Ärzte Zeitung online, 27.01.2014

Wissenschaftsrat

Kopfschmerzen in Mannheim, Zahnschmerzen an der Saar

Der Wissenschaftsrat stellt die Zukunft der Universitätsmedizin in Homburg und Mannheim grundsätzlich nicht in Frage. Doch beim Blick auf die Details zeigt sich Verbesserungsbedarf - vor allem in Mannheim.

Von Michael Kuderna und Anno Fricke

Kopfschmerzen in Mannheim, Zahnschmerzen an der Saar

Uniklinikum Mannheim: Der Wissenschaftsrat verlangt eine stärkere Ausrichtung in Richtung Wissenschaft.

© Frank May / dpa

SAARBRÜCKEN/MANNHEIM. Aufatmen in Homburg: Die saarländische Universitätsmedizin ist bei einer Begutachtung des Wissenschaftsrates positiv bewertet worden. Sie dürfte damit von den bevorstehenden Einschnitten im saarländischen Hochschulsystem nicht mehr betroffen sein.

Skeptisch sieht der Wissenschaftsrat allerdings das Bau- und Sanierungskonzept für das Klinikum, vor allem die auf mehr als 100-Millionen-Euro angesetzte Investition für einen Neubau der Inneren Medizin. Die soll vom Klinikum mitgetragen werden.

"Wir machen uns Sorgen darum, ob das überhaupt geht", sagte Ratsvorsitzender Wolfgang Marquardt am Montag in Berlin. Insgesamt könne der Sanierungsbedarf des Klinikums sogar die Leistungsfähigkeit des Landes insgesamt übersteigen.

Die Diskussion um die Zukunft der Universitätsmedizin im Saarland vollzieht sich vor dem Hintergrund des Tauziehens um Einsparungen im Wissenschaftsbudget der Landesregierung. Im Rahmen des Globalhaushaltes werden die Zuschüsse des Landes an die Universität bis zum Jahr 2020 auf knapp 180 Millionen Euro pro Jahr festgeschrieben.

Dies sind über zehn Millionen weniger als 2013. Da dies nach Einschätzung aller Experten nur durch den Rückbau ganzer Studiengänge aufzufangen ist, drohte immer wieder auch der Medizin der Rotstift.

Universitätsmedizin an der Saar gilt als leistungsfähig

Der Wissenschaftsrat bezeichnete sie nun aber in seinem am Montag in Berlin vorgestellte Gutachten neben Informatik, Materialwissenschaften und dem Bio-Med-Bereich als besonders leistungsfähig.

Trotz bescheidener finanzieller Ausstattung habe sie vor allem mit ihrem Forschungsschwerpunkt Molekulares Signaling "ein international sichtbares Profil" ausgebildet.

Außerdem zeichne sie sich durch eine enge Anbindung in Forschung und Lehre an die Universität sowie Kooperationsaktivitäten in der das Saarland, Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und Wallonien umfassenden Großregion aus. Berücksichtigt habe der Wissenschaftsrat auch die Tatsache, dass die Universitätsmedizin einer der größten Arbeitgeber der Region noch vor der Automobilindustrie sei, sagte Marquardt.

Allerdings fordert das Gutachten auch weitere Bemühungen und Verbesserungen in der Lehre. Dazu zähle eine stärkere Einbindung der klinischen Forschung in die Grundlagenforschung, die Einbeziehung außeruniversitärer Einrichtungen in einen neuen Profilbereich der Wirkstoffforschung und größere Anstrengungen bei der Anwerbung und Bindung exzellenter Nachwuchskräfte. Weiter wird empfohlen, die Aufgabe nur schwach nachgefragter Organtransplantationen zu erwägen.

Zahnmedizin in Homburg steht auf der Kippe

Die größte Brisanz liegt in den Bemerkungen zur Zukunft der Zahnmedizin. Hier empfehlen die Experten entweder eine Vergrößerung - gegebenenfalls durch Kooperationen mit anderen Einrichtungen in der Großregion - oder alternativ die Schließung.

Tatsächlich hat die Zahnmedizin in Homburg mit nur 26 Studienplätzen und derzeit nur 13 Abschlüssen auch nach Meinung von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer eine "kritische Größe".

Auf der anderen Seite ist sie ein Beispiel für den schwierigen Abwägungsprozess, ob eine mögliche Kürzung an einem vernetzten Teilbereich tatsächlich mehr Nutzen als Schaden mit sich bringt. Bei Schließung würde man nach ersten Schätzungen kumuliert bis 2020 nur rund eine Million Euro sparen.

Zudem ist die saarländische Zahnmedizin nach den Worten von Unipräsident Professor Volker Linneweber als einzige in Deutschland in einen Sonderforschungsbereich involviert. Dabei geht es um die "Physikalische Modellierung von Nicht-Gleichgewichtsprozessen in biologischen Systemen".

Auch wäre ein Kopfzentrum ohne zahnmedizinischen Sachverstand nur schwer vorstellbar. Schließlich wurde gerade erst in der letzten Woche ein neuer Professor berufen, der über Biomaterialien forscht und die Brücke zum hochgelobten NanoBioMed-Bereich der Saar-Uni schlägt.

Kommune versus Forschung: Mannheim muss reagieren

Völlig andere Vorzeichen gelten nach Auffassung der Ratsmitglieder für die Universitätsmedizin in Mannheim (UMM). Die Qualität sei "in Butter", das Klinikum schreibe schwarze Zahlen, der Case Mix sei zwar an der unteren Grenze, aber in Ordnung, betonte Marquardt.

Die medizinische Fakultät Mannheims macht sich das forschungsstarke Umfeld der Metropolregion Rhein-Neckar zu nutze. Vier Forschungsschwerpunkte zu verfolgen sei nur möglich, weil die UMM mit den in der Region vorhandenen anderen lebenswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen zusammenarbeite. Seit 2003 habe die Fakultät die Drittmittel dafür nahezu verdreifacht, hat der Wissenschaftsrat bei seiner Analyse festgestellt.

Dennoch goss der Aachener Ingenieurswissenschaftler und designierte Leiter des Forschungszentrums Jülich, Wolfgang Marquardt, Wasser in den Wein. Die Strukturen des UMM müssten überarbeitet werden.

Die UMM sei als Einrichtung der Universität Heidelberg in Trägerschaft der Stadt Mannheim ein Unikat. Die Konstruktion leide daran, dass es keinen gemeinsamen Struktur- und Entwicklungsplan gebe.

Die Entscheidungsbefugnisse in der Geschäftsführung müssten stärker an den Erfordernissen eines Universitätsklinikums ausgerichtet sein, empfiehlt der Rat. Zudem solle die wissenschaftliche Seite gegenüber der Stadt im Aufsichtsrat substanziell gestärkt werden.

Im Augenblick gebe es im Klinikum wenig Probleme, weil sich die handelnden Personen einig seien. Dies könne aber nicht für alle Zukunft angenommen werden.

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