Ärzte Zeitung online, 14.04.2014

EU-Finanzvergleich

Deutsche Kliniken spitze

Die Beratungsgesellschaft Accenture hat Finanzberichte von 1522 Kliniken aus neun europäischen Ländern unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind teils erschreckend.

Von Christoph Winnat

Deutsche Kliniken im europäischen Finanzvergleich spitze

Finanzen unter der Lupe: Vielen Krankenhäusern in Europa geht es miserabel.

© Eisenhans / fotolia.com

KRONBERG IM TAUNUS. Fast die Hälfte aller Krankenhäuser Kontinentaleuropas befinden sich in wirtschaftlicher Schieflage. Bei nahezu 20 Prozent besteht sogar ein hohes Insolvenzrisiko.

Das ist das Ergebnis einer Auswertung von Klinik-Jahresabschlüssen aus 2011. Erstellt hat die Studie die Beratungsgesellschaft Accenture in Zusammenarbeit mit dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).

Untersucht wurden die Bilanzen von 1522 Krankenhäusern in neun europäischen Ländern: Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Norwegen, Österreich, Portugal, Spanien und der Schweiz.

Im Fokus der Erhebung standen die Kriterien finanzielle Leistungsfähigkeit in Gestalt der EBITDA-Marge (Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) sowie die Kreditwürdigkeit einer Klinik, die mittels einer Adaption des sogenannten MORE (Multi Objective Rating Evaluation)-Modells ermittelt wurden.

Mit 513 Finanzberichten kamen allein ein Drittel aller analysierten Jahresabschlüsse von deutschen Kliniken.

Kaum Insolvenzrisiken für deutsche Häuser

Anders als es die jüngsten Wasserstandsmeldungen zur wirtschaftlichen Lage der Häuser hierzulande nahelegen, erscheinen die stationären Einrichtungen aus Deutschland im europäischen Vergleich als gesund: Sowohl hinsichtlich der eigenen Finanzkraft als auch ihrer Kreditwürdigkeit rangieren sie in der Accenture-Studie unter den Top drei.

So beträgt der Durchschnittswert für die Ausfallwahrscheinlichkeit nur 0,6 Prozent und liegt damit im Bereich niedrigen Risikos. Besser sieht es lediglich bei den Eidgenossen aus (0,5 Prozent). Auch belgische Kliniken zählen zu den zahlungsfähigsten (0,8 Prozent Ausfallwahrscheinlichkeit).

"Nur in Deutschland, der Schweiz und Belgien befindet sich die große Mehrheit der Krankenhäuser im wirtschaftlich gesunden Spektrum", heißt es in einer Mitteilung von Accenture.

Das Ende der Fahnenstange belegen Häuser in Frankreich und Portugal: Mit Werten von 3,6 beziehungsweise 8,7 Prozent werden dem stationären Sektor dort hohe Insolvenzrisiken attestiert. "Während in Portugal fast 60 Prozent der Krankenhäuser finanziell angeschlagen sind", gebe es "in Deutschland und der Schweiz bis zu 80 Prozent gesunde Krankenhäuser".

Auch bei der Ertragskraft müssen sich deutsche Krankenhäuser nicht verstecken: 8,5 Prozent durchschnittliche EBITDA-Marge bedeuten Platz drei im europäischen Vergleich. Operativ verdienen nur die Häuser in Italien (12,1 Prozent Marge) und Frankreich (10,7 Prozent Marge) besser.

Erfolgsfaktoren: Spezialisierung, Verbundbildung, Qualität

Wobei nach Steuern in hiesigen Häusern immerhin noch zwei Prozent Marge ermittelt werden konnten. Zum Vergleich: In Italien waren es 3,1 Prozent und in Frankreich hieß es nach Steuern 2011 durchschnittlich 1,2 Prozent Verlust.

Insgesamt schrieben 33 Prozent der europäischen Krankenhäuser 2011 rote Zahlen, 46 Prozent befanden sich laut Accenture wirtschaftlich auf dem absteigenden Ast.

"Die finanzielle Schräglage vieler Krankenhäuser in Europa ist häufig strukturbedingt. Diese Krankenhäuser müssen nun gezielt ihr Verbesserungspotential ermitteln, um wettbewerbsfähig zu werden", erklärt Studienautor Sebastian Krolop.

Krolop weiter: "Spezialisierung, Verbundbildung und Qualität sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren. Unsere Studie zeigt, dass die europäischen Gesundheitssysteme dringend die Fragen bezüglich adäquater Finanzierung, Krankenhausstruktur und Qualität beantworten müssen."

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