Ärzte Zeitung online, 27.06.2017
 

Transnationale Forschung

Das höchste Gut für europäische Neurologen

Der Präsident der European Academy of Neurology sieht die EU-Staaten stärker in der Pflicht, die grenzüberschreitende Neurologieforschung zu fördern. Multicenterstudien gäben für die klinische Praxis Impulse für die optimierte Versorgung, wie die Kardiologie zeige.

Von Matthias Wallenfels

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Forschen über die Grenzen hinweg, lautet das Credo der europäischen Neurologen.

© kasto/stock.adobe.com

Missstände bei der Förderung transnationaler Forschung moniert die European Academy of Neurology (EAN). "90 Prozent der grenzüberschreitenden Forschungszusammenarbeit wird durch die EU finanziert. Leider sind nur wenige öffentliche Förderstellen bereit, transnationale Projekte zu dotieren. Das ist sehr bedauerlich", echauffierte sich EAN-Präsident Professor Günther Deuschl im Umfeld des derzeit in Amsterdam stattfindenden 3. Kongresses der Gesellschaft.

In Anspielung auf die gesamteuropäische politische Wetterlage prangert der Direktor der Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, den schwindenden europäischen Gedanken an: "Ich bin besorgt über antieuropäische Tendenzen und eine kurzsichtige Beschränkung auf nationale Interessen, insbesondere bei Forschungsprojekten."

Tendenzen konterkarieren Handlungsbedarf

Diese Entwicklungen konterkarierten den wissenschaftlichen Handlungsbedarf, der sich angesichts der weltweiten Zunahme neurologischer Erkrankungen ergebe. Letztere setzt er auf eine Stufe mit dem Klimawandel – eine Herausforderung, die von keinem Land allein bewältigt werden könne.

Daten des European Brain Council zufolge, so die EAN, leiden insgesamt 220,7 Millionen Menschen in Europa an mindestens einer neurologischen Erkrankung. Kopfschmerzen stünden mit 152,8 Millionen Betroffenen an erster Stelle der häufigsten neurologischen Leiden, gefolgt von Schlafstörungen und -erkrankungen (44,9 Millionen), Insult (8,2 Millionen) und Demenzerkrankungen (6,3 Millionen).

Viele neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Demenz oder Morbus Parkinson haben eine Alterskomponente, ihre Häufigkeit nimmt also mit steigendem Alter deutlich zu. Laut Eurostat wird sich in der EU der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung Jahren bis zum Jahr 2060 auf rund 30 Prozent verdoppeln. Das sollte aus Sicht der Fachgesellschaft per se gesundheits- und forschungspolitischen Handlungsbedarf signalisieren.

Neulogische Krankheiten mit hohen Kosten

Denn neurologische Erkrankungen belasten die nationalen Gesundheitssysteme erheblich. Laut EAN belaufen sich die jährlichen direkten und indirekten Kosten neurologischer Erkrankungen in Europa auf mehr als 336 Milliarden Euro – zum Vergleich: Der Bundeshaushalt für 2017 ist auf 329,1 Milliarden Euro taxiert. Die drei teuersten neurologischen Krankheitsbilder in Europa seien Demenz (105 Milliarden Euro), gefolgt von Schlaganfall (64 Milliarden Euro) und Kopfschmerzen (43 Milliarden Euro).

Von den 336 Milliarden Euro jährlichen direkten und indirekten Kosten neurologischer Erkrankungen in Europa entfielen rund 122 Milliarden Euro jeweils auf Behandlungs- und direkte nichtmedizinische Kosten und 93 Milliarden Euro auf indirekte Kosten, die beispielsweise durch Krankenstände und Frühpensionierungen entstehen.

Auch gemessen in behinderungsbereinigten Lebensjahren (Disability Adjusted Life Year/DALY) seien neurologische Erkrankungen ein erheblicher Faktor. 2,2 Millionen DALYs in Europa gingen auf das Konto von Demenzerkrankungen, 1,6 Millionen DALYs seien durch Schlaganfälle verursacht, 640.000 DALYs durch Parkinson und 260.000 DALYs durch Epilepsie.

Plädoyer für europäischen Schulterschluss

In Amsterdam hielt der EAN-Präsident denn auch ein flammendes Plädoyer für den europäischen Schulterschluss in puncto neurologischer Forschung. "Forschung per se steht und fällt mit internationaler Zusammenarbeit.

Für die forschungsintensive Disziplin Neurologie gilt dies in besonderem Maße. Nur mit grenzüberschreitenden Anstrengungen lassen sich Krankheiten wie Schlaganfall, Demenz oder Parkinson besser verstehen und neue präventive, diagnostische, therapeutische und rehabilitative Antworten finden", so Deuschl.

Ernüchternd seien jedoch Zahlen eines Berichts der Strategieberatung Deloitte aus dem Jahre 2015, wonach von den 1,4 Billionen Euro , die in den 28 EU-Staaten für Gesundheitsversorgung ausgegeben werden, nur vier Prozent in die Gesundheitsforschung fließen.

Des Weiteren kämen lediglich zwei Prozent der Forschungsausgaben von EU-Fonds. Immerhin, werde der Löwenanteil dieser EU-Gelder in transnationale Forschungsarbeit investiert.

Wie die EAN betont, bestätigten viele Wissenschaftler, wesentliche Anregungen durch grenzüberschreitende Forschungszusammenarbeit zu erhalten und von den Ansätzen und Erfahrungen anderer sehr zu profitieren.

Objektivierbar sei der Nutzen von Multicenterstudien bereits in der Kardiologie: Ihr Impact-Faktor sei im Vergleich zu Singlecenterstudien mehr als doppelt so hoch. Auch wissenschaftliche Gründe sprächen für multinationale Forschungsnetzwerke: Multicenter-Studien ließen sich besser realisieren und lieferten wesentliche Erkenntnisse über die klinische Praxis.

"Ich hoffe für die Zukunft auf eine adäquat dotierte Forschungsförderung, die den Blick über den nationalen Tellerrand nicht nur erlaubt, sondern offensiv einfordert", gab sich Deuschl in Amsterdam optimistisch.

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