Ärzte Zeitung online, 07.09.2018

Schweiz

Zulassungsstopp im ambulanten Sektor

Die Schweiz kämpft mit steigenden Gesundheitskosten - viele sehen das im Wildwuchs von Zulassungen im ambulanten Bereich begründet. In den Kliniken bieten sich indes Chancen für Ärzte aus Deutschland.

Von Matthias Wallenfels

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Ob sie weiteren Ärzten aus dem Ausland die Niederlassung in ihrem Hoheitsgebiet erlauben, wollen die Schweizer Kantone mitentscheiden.

© rsiel / Getty Images / iStock

NEUCHâTEL/BERN. Im vergangenen Jahr waren insgesamt 36.900 Ärzte in der Schweiz berufstätig – gegenüber 2016 ein Zuwachs um 725 Personen, wie aus der aktuellen Medizinerstatistik des Schweizer Berufsverbands der Ärzte FMH hervorgeht.

51,1 Prozent der Ärztinnen und Ärzte arbeiteten 2017 laut FMH im ambulanten Sektor und 47,3 Prozent im stationären, die restlichen 1,6 Prozent entfielen auf einen nicht näher definierten Bereich außerhalb der beiden Sektoren.

Im Vergleich zum Vorjahr betrage die Zunahme im ambulanten Sektor 2,1 Prozent und zwei Prozent im stationären – im dritten Sektor sei ein Rückgang um 1,2 Prozent zu verzeichnen gewesen.

Vor allem die kontinuierliche Steigerung im ambulanten Sektor ist seit mehr als einem Jahrzehnt ein großes Politikum bei den Eidgenossen, wird dort die Wurzel allen Übels der ständig steigenden Gesundheitskosten verortet – der stationäre Sektor ist in der virulenten Diskussion außen vor.

Übergangslösung bis Juni 2019

Im Jahr 2002 hat der Schweizer Bundesrat eine Verordnung über die Einschränkung der Zulassung von Leistungserbringern zur Tätigkeit zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) erlassen.

Für die Umsetzung dieser Beschränkung waren die Kantone zuständig. Sie war ursprünglich auf drei Jahre befristet.

In der Folge wurde sie für Grundversorger – Vertreter der Allgemeinmedizin, der Inneren Medizin, der Allgemeinen Inneren Medizin sowie der Kinder- und Jugendmedizin, aber auch praktische Ärzte sowie Gruppenpraxen – bis zum 31. Dezember 2009 und für Spezialärzte bis zum Jahresende 2011 verlängert.

Nach einem vorübergehenden Zeitraum ohne Zulassungsbeschränkung wurde, wie das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) hinweist, zum 1. Juli 2013 eine flexiblere Form der Zulassungssteuerung eingeführt.

Ausgenommen von der Regelung sind demnach Ärzte, die mindestens drei Jahre an einer anerkannten schweizerischen Weiterbildungsstätte gearbeitet haben. Diese Übergangslösung endet am 30. Juni 2019. Für ihre Umsetzung sind die Kantone zuständig.

Das Obsan, das Bund, Kantone und weitere Institutionen im Schweizer Gesundheitswesen bei deren Planung, Entscheidungsfindung und in derem Handeln unterstützt, hat in seinem Bulletin zum "Zulassungsstopp für Ärztinnen und Ärzte in Praxen" die Entwicklung der Gesundheitskosten im ambulanten Sektor nach Ende des Zulassungsstopps und in der Zeit nach seiner Wiedereinführung unter die Lupe genommen.

Unter anderem waren folgende Trends zu erkennen:

- Konzentration auf wenige Fachgebiete: "Nicht alle Spezialisierungen sind gleich stark vom Ende des Zulassungsstopps betroffen. Während der Ärztebestand bei einigen Spezialisierungen stark wächst, stagniert er bei anderen oder geht sogar zurück", heißt es im betreffenden Bulletin.

Fast zwei Drittel der Ärzte, die sich nach dem Auslaufen der Zulassungsbeschränkung niedergelassen haben, praktizieren laut Obsan in fünf Fachdisziplinen – der Psychiatrie und Psychotherapie, der Ophthalmologie, der Anästhesiologie, der Gynäkologie und Geburtshilfe sowie der Dermatologie und Venerologie.

"Ob in der Schweiz in Bezug auf diese Spezialisierungen eine Unterversorgung geherrscht hat, ist schwer abzuschätzen", heißt es einschränkend. Allerdings sei aufgefallen, dass diese neuen Spezialärzte ihre Praxis eher in Kantonen eröffneten, die bereits eine hohe Ärztedichte aufwiesen.

- Fünf Fachdisziplinen als Kostentreiber: Betrachte man die OKP-Kosten pro versicherte Person, so sei das OKP-Kostenwachstum sämtlicher Spezialärzte nach dem Wegfall des Zulassungsstopps wiederum zu zwei Dritteln fünf Fachdisziplinen zuzuschreiben – der Ophthalmologie, der Psychiatrie und Psychotherapie, der Radiologie, der Gynäkologie und Geburtshilfe sowie der Gastroenterologie.

Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) drängt indes auf eine rasche Lösung der Frage des Zulassungsstopps und erhebt Gestaltungsansprüche. "Angesichts ihrer Versorgungsverantwortung ist es für die Kantone von Bedeutung, grundsätzlich über die Möglichkeit zu verfügen, auch die ambulante Versorgung bei Bedarf in eigener Kompetenz gezielt steuern zu können", mahnt GDK-Präsident Dr. Thomas Heiniger im Obsan-Bulletin.

Kliniken buhlen weiter um Fachärzte

Unabhängig von der Entwicklung im ambulanten Sektor ist in der stationären Versorgung die Nachfrage nach Fachärzten aus dem Ausland anhaltend hoch.

Laut FMH-Ärztestatistik stammten 2017 mit 12.570 Medizinern 34,1 Prozent der berufstätigen Ärzteschaft in der Schweiz aus dem Ausland oder hatten ihr Medizinstudium im Ausland abgeschlossen.

Aufgrund der fehlenden Sprachbarriere und der anerkannt guten Ausbildung hierzulande haben Ärzte aus Deutschland auf dem Schweizer Krankenhausarbeitsmarkt gute Karten.

So verwundert es auch nicht, dass 54,4 Prozent der ausländischen ärztlichen Fachkräfte aus Deutschland stammten – 2016 waren es noch 53,6 Prozent. Im vergangenen Jahr folgten den Deutschen weit abgeschlagen an zweiter Stelle mit 8,6 Prozent Ärzte aus Italien.

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