Ärzte Zeitung online, 21.07.2018

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Ein Besuch auf der Messe "Medicare Taiwan"

Made in Taiwan: Taiwans Medizintechnikunternehmen gelten innerhalb Asiens als ein Powerhouse der Branche. Sie suchen angesichts des Demografiewandels den Schulterschluss mit internationalen Partnern. Die "Medicare Taiwan" dient dabei als zentraler Branchentreff – ein Fachmessebesuch in Taipeh.

Von Matthias Wallenfels

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Eröffnung der Fachmesse Medicare Taiwan im Beisein von Journalisten im Juni in Taipeh. Mit Herz und Verstand soll die Branche internationale Partnerschaften angehen. TAITRA

© TAITRA

TAIPEH. Taiwans Medizintechnikbranche genießt weltweit bereits einen sehr guten Ruf, das medizinische Versorgungsniveau im Land gilt in der Region als eines der besten. Doch damit will sich die halbstaatliche Handelsförderungsorganisation Taiwan External Trade Development Council (TAITRA) noch nicht zufriedengeben.

Die "Medicare Taiwan"

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Sie sieht noch großes Absatzpotenzial für die teils hoch spezialisierten Anbieter von Medizintechnik- und Health-IT-Lösungen, die im Vergleich zu den großen Playern der Branche mit deutlichen Kostenvorteilen aufwarten können.

Deshalb hat TAITRA 2010 das neue Messeformat "Medicare Taiwan – Taiwan International Medical & Healthcare Exhibition" ins Leben gerufen – als Networking-Plattform und Business-Drehscheibe für die meist mittelständisch geprägten Unternehmen der beiden Branchen. Fachforen über Auslandsmärkte geben Ausstellern wie Besuchern die Möglichkeit, sich über länderspezifische Marktgegebenheiten zu informieren.

Angesprochen werden auch Branchenvertreter aus Europa und den USA, um die Messe international stärker zu positionieren. So vermittelt TAITRA ausländischen Unternehmen nach konkreten Produktanfragen Ansprechpartner, die die Vertreter der Firma auf Einladung der Organisation dann auch vor Ort im Rahmen der Messe treffen können.

Damit sich auch die Fachmedien einen persönlichen Eindruck des innovativen Health-Sektors in Taiwan verschaffen können, hat TAITRA Ende Juni eine Handvoll Fachjournalisten zur diesjährigen Auflage der Medicare Taiwan in den Taipei World Trade Center eingeladen – darunter für Europa die "Ärzte Zeitung".

Demografiewandel im Fokus

Im Fokus stand dieses Jahr unter anderem die Chance, die der Demografiewandel den Medizintechnik- und Health-IT-Unternehmen bietet – auf dem einheimischen Markt wie auch weltweit. Erst im März ist das ehemalige Formosa, nach den Maßgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit 14,05 Prozent Seniorenanteil offiziell zur alternden Gesellschaft geworden – mit einer Geburtenrate von 1,2 Kindern je Frau.

Taiwans Vize-Gesundheitsminister Jui-Yuan Hsueh appellierte bei der Eröffnungszeremonie der Medicare Taiwan in Taipei an die einheimische Medizintechnikindustrie sowie die gesamte Gesundheitswirtschaft, den Demografiewandel als Chance zu begreifen und verwies auf das Potenzial, das sich ergebe, sollte die alternde Bevölkerung in Taiwan und weltweit angemessen und komfortabel medizinisch wie pflegerisch versorgt werden.

Big Data und KI – die Zukunftstrends

Aber nicht nur die Demografie gibt der Gesundheitswirtschaft positive Impulse. Da-Wei Hsu, im Wirtschaftsministerium Vizegeneraldirektor des Außenhandelsbüros, schwörte die taiwanesische Medizintechnik- und Health-IT-Branche darauf ein, die vielversprechenden Zukunftstrends wie Big Data und Künstliche Intelligenz ernstzunehmen und die Chancen auszuloten, die diese Technologien für die medizinische und pflegerische Versorgung bieten. Die Unternehmen seien hier durch ihr großes Know-how bestens aufgestellt – auch im internationalen Wettbewerb.

Wie TAITRA-Präsident Walter Yeh in seiner Eröffnungsrede betonte, seien bereits viele taiwanesische Medizintechnik- und Healthcare-IT-Unternehmen weltweit gut vernetzt. Sie sollten aber die Medicare Taiwan als Fachforum nutzen, um weitere internationale Partner für ihre Geschäftsideen und Produkt- sowie Servicelösungen zu gewinnen – und sich so neue Märkte zu erschließen.

Sie sollten dabei den Fokus nicht nur auf Forschungs- und Entwicklungspartner aus der Region – und damit den aufstrebenden ASEAN-Staaten – richten. Yeh forderte die einheimischen Unternehmen auf, Innovationstreiber zu sein. So sei die Branche durch ihre Affinität zum Digitalen bereits auf dem wichtigen Feld Smart Health international sehr weit vorne.

Smart Health als Innovationstreiber

Das spiegelte sich auch bei den Ausstellern wider. So präsentierte Richard Chung bei dem auf Healthcare-IT spezialisierten Unternehmen Medwel Director New Business Development, ein gestikgesteuertes OP-Managementsystem.

Die Operateure könnten sich mit einfachen Handbewegungen die Kontrolldaten des Patienten auf den Bildschirm rufen, die berührungslose Bedienung beuge so einer potenziellen Infektionsquelle vor und trage zu einer beschleunigten Op-Prozedur bei. Für die Zukunft sei auch die Steuerung des Systems über die Mimik geplant, so Chung.

Ein weiteres Standbein des Anbieters ist das Klinikmanagement. Mit seiner Lösung checke der Patient an einem Terminal ein, bekomme eine Systemnummer, die dann wiederum die Zuordnung zu einem verfügbaren Spezialisten organisiert und auf einem zweiten Terminal auf Station über die Wartezeiten informiert, die in Taiwan in der Regel recht kurz sind.

Die Daten würden vom behandelnden Arzt direkt in die elektronische Patientenakte (ePA) eingespeist, die im Krankenhausinformationssystem integriert ist. So werde der Papieraufwand reduziert.

Für Kliniken setzt der IT-Spezialist Britemed auf seine elektronischen Patientennachttische, die mit Monitoren ausgestattet sind, die zum Beispiel im Zuge der ärztlichen Visite die ePA vorhält. Der Datenzugang basiert auf der RFID-Technik. Eines der Produkt-Highlights des Unternehmens soll vor allem im häuslichen Umfeld Gebrauch finden: das digitale Thermometer.

Britemed, setzt dabei, wie Senior Marketing Manager Kelly Wang erklärte, auf die Nahfeldkommunikation (Near Field Communication/NFC). So erfolge die Temperaturmessung binnen acht Sekunden, das Ergebnis werde umgehend über NFC auf einen großen Monitor übertragen. Zudem könnten die Messergebnisse in einer cloudbasierten Gesundheitsakte als Verlaufskurve hinterlegt und dort behandelnden Ärzten zugänglich gemacht werden, so Wang.

Automatischer Fieberalarm

Das digitale Thermometer sei mit einem automatischen Fieberalarm ausgestattet, der beim Überschreiten der Körpertemperatur von 37,8 Grad Celsius ausgelöst werde – und bei Bedarf zum Beispiel an Verwandte oder auch Ärzte gesendet werden könne. So sollen Betroffene zum Beispiel rechtzeitig Anzeichen einer Influenza erkennen können.

Auf das nicht-invasive, cloudbasierte persönliche Gesundheitsmanagement setzt auch Zcon Telehealth. In Taipeh stellte Firmenchef Bob Pan die entsprechende digitale Lösung vor. Sie besteht aus Geräten zur drahtlosen Messung von Körpertemperatur, Blutdruck, Blutzucker, Puls, Sauerstoffsättigung, Blutflussgeschwindigkeit sowie Hämoglobin.

Die Nutzer könnten ihre Daten in der Health Cloud des Unternehmens speichern sowie Verlaufsdiagramme erstellen. Würden bei den Werten Normabweichungen festgestellt, so alarmiere die App automatisch via SMS oder E-Mail vorher festgelegte Personen, wie zum Beispiel Verwandte oder auch Ärzte. Die Gerätelösung kostet, so Bob Pan, 25.600 Neue Taiwan Dollar – umgerechnet rund 720 Euro – und könne von bis zu zehn Personen genutzt werden.

Ebenfalls für das häusliche Umfeld und das Alltagsleben konzipiert sind die medizinischen Textilien des Anbieters Nam Liong, der unter anderem auf individuelle Schuheinlagen für Diabetiker aus dem 3D-Drucker setzt. Neu im Sortiment sind spezielle Diabetikerschuhe, die durch besonders geeignetes Material Abschürfungen verhindern sollen. Wie der Verkaufsmanager Scott Yu betont, habe sein Unternehmen damit vor allem den US-Markt im Blick.

In Taiwan gilt eine Krankheit oft auch als Makel. Viele Taiwanesen vermeiden es, darüber zu reden. Für das häusliche Umfeld sei es daher wichtig, den Krankheitszustand soweit es geht auszublenden, um soziale Kontakte beizubehalten, betont Yi Fen Tsau von Green May Industrial. Daher habe sich ihre Firma dem Bau elektrisch verstellbarer Krankenbetten verschrieben, die für Besucher vom Look her durch den Einsatz von Holzmaterialien im Blendenbereich den Eindruck einer normalen Schlafstätte verschaffen soll.

Mit 9,5 km/h durchs Leben fahren

Auf ästhetisch ansprechende und technisch gut ausgestattete, elektronische Rollstühle – vor allem auch für den US-Markt – setzt der Anbieter DK City. Die Rollstühle lassen sich binnen zweier Sekunden für den Transport zum Beispiel im Auto zusammenfalten, wie die beiden Account Manager Amberley Liu und Emily Li am Messestand eindrucksvoll demonstrierten. Mit dem leistungsstärksten Modell können laut Anbieter Geschwindigkeiten von bis zu 9,5 Stundenkilometer erreicht werden.

Um Pflegekräfte bei der Verlagerung der Patienten vom Bett auf den Rollstuhl oder eine andere Sitzgelegenheit zu entlasten bedarf es belastbarer und sicherer Lösungen. Hier hat Apexcare eines seiner Standbeine gefunden. Wie Marketing Manager Renaud Kuo im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" hervorhob, offeriere sein Unternehmen als einziger Anbieter weltweit einen Patientenlifter, der Personen mit einem Gewicht von bis zu 425 Kilogramm sicher verlegen könne.

Wie Kuo betonte, trete Apexcare im südostasiatischen Raum unter seiner eigenen Marke auf, international fungiere das Unternehmen dagegen als Erstausrüster (Original Equipment Manufacturer/OEM). Ebenfalls als OEM außerhalb Südostasiens tritt der Mittelständler St. Francis Medical Equipment auf. So habe seine Firma bereits LED-OP-Leuchten für einen großen Systemanbieter aus Deutschland gefertigt, wie Marketing Manager Chris Hong verdeutlichte, der zugleich auch als Vorsitzender der Taiwan Medical and Biotech Industry Association fungiert.

Die LED-Lampen verringerten die Temperatur, die die Leuchten im Vergleich zu konventionellen Lösungen auf den Köpfen der Operateure erzeugen, wesentlich. Als einzigartig bezeichnete er einen OP-Tisch seines Unternehmens, bei dem die Liegefläche nicht nur vor- und rückwärts, sondern auch nach links und rechts verschoben werden können – das erlaube den Operateuren mehr Flexibilität.

Preisgekrönter Schlafhelfer

International renommiert ist bereits das taiwanesische Unternehmen Somnics. Für sein CE-zertifiziertes Schlaftherapiesystem iNAP erhielt Somnics 2016 beim Kongress der European Respiratory Society (ERS) in London den Product of Outstanding Interest (POINT) Award für Therapiegeräte.

Bei Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe (OSA) erzeuge iNAP One im Mundraum ein leichtes Vakuum zur Stabilisierung der Zunge und Freilegung der Atemwege und erlaube somit einen ungestörten Schlaf, da die Gerätelösung ohne Gesichtsmaske auskomme und mit einem diskreten, elastischen Mundstück sowie einer Konsole im Taschenformat arbeite. Das System verfüge über eine intuitive Benutzeroberfläche mit eingebautem Akku sowie einem leicht zu reinigenden Speichelbehälter, so der Wissenschaftler und Chief Technology Officer Chen-Ning Huang in Taipeh.

TAITRA ist als Handelsförderungsorganisation nicht nur in Taiwan aktiv, um die Medizintechnik- und Healthcare-IT-Branche bei der Kunden- und Partnerakquise zu unterstützen. So wird sie auch in diesem Jahr wieder bei der Medica in Düsseldorf ausgewählte Unternehmen unter den rund 300 Ausstellern des Landes im Rahmen einer groß angelegten Pressekonferenz der Weltöffentlichkeit präsentieren. Dieses Format hatte auch im vergangenen Jahr großen Anklang gefunden.

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