Ärzte Zeitung online, 15.08.2013
 

Ab ins MVZ

Sahnehäubchen vor dem Ruhestand

Nach dem Verkauf seiner Praxis arbeitet der 70-jährige Allgemeinarzt Dr. Jörg Stüber im MVZ seines Sitzerwerbers, einer Klinik. Alle sind mit der Situation zufrieden - auch die Patienten.

Von Dirk Schnack

Sahnehäubchen vor dem Ruhestand?

Allgemeinarzt Dr. Jörg Stüber arbeitet nach dem Verkauf seiner Praxis in seinen alten Räumen - nun ein MVZ.

© Dirk Schnack

GEESTHACHT. Erst Einzelkämpfer, dann Praxisgemeinschaft, jetzt angestellt im MVZ: Dr. Jörg Stüber hat die Entwicklungen in Kooperation und Organisation der vergangenen Jahre im deutschen Gesundheitssystem mitgemacht.

Der Allgemeinmediziner aus dem schleswig-holsteinischen Geesthacht hält den Trend nicht für schädlich - wenn man sich seine Partner mit Bedacht aussucht.

Der heute 70-jährige Hausarzt hat mit seiner Wahl Glück gehabt: Mit dem hausärztlichen Internisten Dr. Hartmut Klaus arbeitete er schon Jahrzehnte lang erfolgreich in einer Praxisgemeinschaft zusammen, bevor beide ihre Sitze in ein neu gegründetes MVZ des örtlichen Johanniter Krankenhauses einbrachten.

Heute, rund acht Monate nach dem Start, ist er überzeugt, erneut richtig entschieden zu haben. Das liegt auch daran, dass sich für die Patienten der Praxis nicht viel geändert hat.

Ihre Ärzte sind am gleichen Standort am Rande der Fußgängerzone geblieben, die Ärzte haben ihre insgesamt zwölf Mitarbeiterinnen behalten und ihre Sprechstundenzeiten sind nicht eingeschränkt worden.

Allerdings ist ein dritter Arztsitz hinzugekommen: Dr. Thomas Gätke, zuvor Klinikarzt im Johanniter, hat sich zum Angiologen fortgebildet und gehört nun zum MVZ-Ärzteteam.

Bereits vier MVZ-Betreiber in der Kleinstadt

Das örtliche Krankenhaus ist nach dem privaten Klinikkonzernen Helios und Asklepios und einem Laborbetreiber schon der vierte MVZ-Betreiber in der 29.000 Einwohner Stadt an der Elbe. Bis zu sieben Arztsitze umfassen die Versorgungszentren.

Klinik- und MVZ-Geschäftsführer Carsten Schwaab betonte, dass er mit dem MVZ nicht das Ziel verfolgt, im ambulanten Bereich neue Konkurrenz für die niedergelassenen Ärzte zu schaffen. 

Deshalb war auch die Verlegung der Praxis an die Klinik kein Thema. Die Patienten sollten ihren gewohnten Weg in die Praxis nicht aufgeben müssen und niedergelassene Ärzte nicht befürchten, dass die Klinik in großem Umfang zum Mitbewerber im ambulanten Bereich wird.

"Uns geht es um die Aufrechterhaltung der Patientenströme. Die Praxis hat in der Vergangenheit viele Patienten in unser Haus eingewiesen, und wir hoffen, dass es so bleibt", sagte Schwaab.

Ein Automatismus ist das allerdings nicht, wie Stüber klar stellt. "Ich nehme mir die Freiheit, das weiterhin selbst zu entscheiden. Ich arbeite gut mit dem örtlichen Krankenhaus zusammen und weise ein. Es gibt aber Fälle, in denen ich mich bewusst anders entscheide, und das wird auch so bleiben", sagt der Hausarzt.

Er arbeitet als Einweiser mit sieben Krankenhäusern in der Region am Hamburger Stadtrand zusammen.

Weniger Bürokratie für den Hausarzt

Der Wechsel in das Angestelltenverhältnis hat für Stüber eine Reihe von Vorteilen. Er konnte seinen Kassenarztsitz verkaufen, muss sich weniger um administrative Dinge kümmern als zuvor, erhält bei Bedarf Unterstützung durch die EDV-Abteilung des Krankenhauses, und ihm wird beim Einkauf etwa von Medizintechnik geholfen.

Wichtig ist Stüber aber auch, dass er mit dem Verkauf an das Johanniter Krankenhaus dazu beitragen kann, das örtliche Krankenhaus zu stützen. Die Konkurrenz in der Region ist groß, was auch die hohe Zahl an MVZ belegt. Rund die Hälfte aller niedergelassenen Ärzte am Ort ist in einem der vier MVZ tätig.

Die Ärzte selbst sehen das heute deutlich entspannter als noch vor einigen Jahren. Damals befürchtete man, dass die Kliniken mit Konkurrenzangeboten niedergelassenen Ärzten das Leben schwer machen könnten.

Die KV Schleswig-Holstein rückt heute einen anderen Aspekt in den Vordergrund: "Die MVZ haben sich als zusätzliche Form ambulanter Versorgung etabliert. Die KVSH betreibt eine gute, kooperative Zusammenarbeit mit den MVZ", hieß es aus Bad Segeberg.

Der Vorteil für die Klinik: Ex-Praxischefs bleiben den Johannitern beim Überweisen treu

Das Johanniter Krankenhaus hat die Gründung des MVZ bislang nicht bereut. Hätten Stüber und Klaus ihre Sitze an Kollegen verkauft, die bislang enge Verbindungen zu einem der Konkurrenzhäuser gepflegt haben, wären vermutlich weniger Patienten in das Johanniter Krankenhaus eingewiesen worden.

Die Zuweisungen der beiden früheren Praxisinhaber haben nicht nachgelassen und Gätke sorgt für eine positive Entwicklung der Angiologie. Eine Ausweitung des MVZ ist aktuell nicht geplant, ein Diabetologe wäre den Partnern allerdings willkommen.

Das Krankenhaus verfügt über 270 Betten, beschäftigt 448 Vollzeitkräfte und behandelt im Jahr rund 11.700 Patienten stationär und rund 15.000 ambulant.

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