Ärzte Zeitung online, 08.06.2017

Doku-Hilfe

Radiologe entwickelt Befund-Navigator

Eine schnellere, aber vor allem leitliniengerechte und strukturierte Befundung in der Radiologie – das waren die Antriebsfedern für den Münchener Oberarzt Professor Wieland Sommer, eine eigene Befundsoftware zu gestalten. 1700 Ärzte nutzen diese bereits.

Von Kerstin Mitternacht

Radiologe entwickelt Befund-Navigator

Der Radiologe wird mithilfe von Entscheidungsbäumen durch die Befundung navigiert.

© Smart Reporting/anekoho - Fotolia

MÜNCHEN. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 100 Millionen radiologische Untersuchungen für die unterschiedlichsten medizinischen Fragestellungen durchgeführt – Tendenz steigend. Die dazugehörigen Befunde werden von den Radiologen meist frei diktiert. Dementsprechend unterschiedlich sind sie. Bereits seit Jahren gibt es daher Bestrebungen, Methoden zur Standardisierung zu etablieren.

Professor Wieland Sommer, Oberarzt am Institut für Klinische Radiologie im Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat hierfür eine digitale Lösung entwickelt: Eine Software, mit der Radiologen standardisierte Befunde erstellen können. "Medizinische Befundberichte können mit dieser Software innerhalb kurzer Zeit strukturiert, eindeutig und unter Einhaltung geltender Leitlinien verfasst und kommuniziert werden", so der Radiologe.

Per Sprachsteuerung zum Bericht

Sommer hat nach seinem Medizinstudium ‚Public Health‘ in Harvard studiert und ist dort auf das Thema Standardisierungen von Befunden aufmerksam geworden. Vor zweieinhalb Jahren hat er das Start-up "Smart Reporting" gegründet: Mithilfe von Entscheidungsbäumen wird der Arzt durch die Befundung navigiert. Das System fragt relevante medizinische Fakten für die jeweilige Befundungssituation ab, die vom Arzt per Mausklick oder Sprachsteuerung beantwortet werden. Da Ärzte Befunde gewöhnlich diktieren, sei die Sprachsteuerung leicht in den Arbeitsalltag integrierbar. Dabei genügen kurze Sprachbefehle. Das System erstellt auf Basis dieser dann automatisch einen Vorschlag für den Befundtext.

"Die Software ist quasi ein intelligenter Assistent für Ärzte, eine Art Navigationsgerät. Das System entlastet Ärzte bei ihrer Dokumentationsarbeit", sagt Sommer. Zudem können die Befunde per Mausklick in verschiedene Sprachen, wie Englisch, Italienisch oder Spanisch, übersetzt werden. "Die Hoheit über die Befunderstellung verbleibt zu jedem Zeitpunkt beim Arzt und die Texte können individuell angepasst werden."

Schnittstelle zu Praxis- und Klinik-EDV

Eine Herausforderung für Gründer Sommer waren die vielen verschiedenen EDV-Systeme, mit denen Arztpraxen und Krankenhäuser arbeiten und mit denen die Software kompatibel sein soll: "Unsere Software lässt sich über eine Standard-Schnittstelle in radiologische Informationssysteme einfügen und wir haben bereits Kooperationen mit mehreren großen Herstellern dieser Informationssysteme, damit unser System komplett integrierbar ist", sagt Sommer. Um die Qualität der Befundvorlagen kümmern sich festangestellte Ärzte oder Kooperationspartner wie Radiologie-Experten.

Das Thema Datenschutz nimmt Sommer sehr ernst. Krankenhäuser und Ärzte können das System integrieren, wobei keine Daten nach außen übertragen werden. Zudem kann das System flexibel als Cloud-Lösung – ebenfalls unter Einhaltung des Datenschutzes – genutzt werden.

"Derzeit sind etwa 1700 Nutzer auf Smart Reporting registriert, das sind etwa 25 Prozent der Radiologen in Deutschland. "Wir bekommen viele positive Rückmeldungen und die Nachfrage von Kliniken steigt", berichtet Sommer. Die Basisversion mit limitierter Befundanzahl ist online kostenfrei zugänglich. Die Professional Version mit Spracherkennung kostet Ärzte monatlich ca. 70 Euro.

Möglichkeiten zur Standardisierung ergeben sich jedoch nicht nur in der Radiologie. "Das System ist beispielsweise auch für die Notaufnahme oder Innere Medizin interessant. Hier haben wir bereits einige Anfragen bekommen und das erste Förderprojekt für die Traumatologie in der Notaufnahme gestartet, bei dem mit mobilen Geräten und Sprachsteuerung gearbeitet wird", erklärt Sommer.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Vom Chefarzt zum Hausarzt-Assistenten

Selten dürfte es sein, wenn nicht einmalig: Dr. Roger Kuhn hat seinen Chefarztposten im Krankenhaus aufgegeben, um in einer Hausarztpraxis zu arbeiten – als Assistent. mehr »

Keine Notdienstpflicht für ermächtigte Krankenhausärzte

Muss ein ermächtigter Klinikarzt auch KV-Notdienst leisten? Nein, hat das Bundessozialgericht jetzt entschieden. mehr »

Wenn die Depressions-App zweimal klingelt

Smartphone-Apps könnten helfen, eine beginnende Depression oder ein hohes Suizidrisiko aufzuspüren. Lernfähige Algorithmen könnten ein verändertes Nutzerverhalten erkennen – und notfalls Alarm schlagen. mehr »