Ärzte Zeitung, 13.05.2009

"Herr Doktor from Germany" ist in Großbritannien nicht mehr so gerne gesehen

Seit dem Tod eines 70-jährigen Patienten durch eine irrtümlich verabreichte Überdosis Schmerzmittel hagelt es auf der Insel Kritik an den deutschen Vertretungsärzten.

Von Arndt Striegler

"Herr Doktor from Germany" ist in Großbritannien nicht mehr so gerne gesehen

Vertretungsdienste in Großbritannien sind bei deutschen Ärzten beliebt, da sie die Möglichkeit bieten, relativ viel Geld dazu zu verdienen.

Foto: BilderBox

In Großbritannien ist eine gesundheitspolitische Debatte um die Zukunft der primär- und fachärztlichen Vertretungsdienste innerhalb des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) entbrannt. Aktueller Anlass ist der tragische Tod eines 70-jährigen NHS-Patienten (wir berichteten). Der Patient war nach einer irrtümlich von einem deutschen Vertretungsarzt verabreichten Überdosis Schmerzmittel gestorben.

Der Fall des Vertretungsarztes aus Witten sorgt in Großbritannien weiterhin für Schlagzeilen. Die auflagenstarke Tageszeitung "Daily Telegraph" berichtete unter der Überschrift "Müder ausländischer Arzt hätte niemals unseren Vater behandeln dürfen" ausführlich über den Tod des im Februar 2008 gestorbenen Patienten aus der Grafschaft Cambridgeshire (Südost-England). Die Überschrift zitiert Kinder des Verstorbenen. Sie kündigten inzwischen eine zivilrechtliche Klage an. Es war der erste Vertretungsdienst des deutschen Arztes im Königreich.

Der relativ neue Prüfungsausschuss "Care Quality Commission" (CQC) ist in den Fall involviert und untersucht die genauen Umstände. Der CQC hat die Aufgabe, sicherzustellen, dass NHS-Vertretungsdienste qualitativ einwandfrei sind. Das Gremium hat in jüngster Zeit zusehens an Wichtigkeit gewonnen, da immer mehr Primärarztpraxen des staatlichen Gesundheitsdienstes dazu übergehen, die Vertretungsdienste an Sonn- und Feiertagen sowie nachts auszusourcen. Das kostet die Praxis zwar Etatgelder, spart allerdings Arbeitszeit.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums verzichten landesweit inzwischen rund 95 Prozent aller Hausarztpraxen darauf, eigene Wochenend- und Feiertagsdienste anzubieten. Das ist seit 2004 leichter möglich, da das Gesundheitsministerium damals die entsprechenden Bestimmungen änderte, um so den Hausarztberuf wieder attraktiver zu machen. Lange Arbeitszeiten waren bis 2004 einer der Hauptgründe, warum Jung-Akademiker im Königreich nicht Hausarzt werden wollten. Umgekehrt gilt: Vertretungsdienste im Königreich sind bei deutschen Ärzten beliebt, bringen sie doch die Möglichkeit, an Wochenenden relativ viel Geld zu verdienen. Dafür nehmen dutzende deutsche Ärzte lange Anreisen und ermüdende Schichtdienste in Kauf.

Im Fall des kürzlich von einem deutschen Gericht verurteilten Vertretungsarztes aus Witten bedeutete dies, dass der Arzt in der Nacht vor seinem Dienst lediglich drei Stunden schlief. In Großbritannien herrscht die Meinung vor, dass die Müdigkeit des Arztes ein entscheidender Faktor war, der zum Tod des Patienten führte.

95 Prozent der englischen Hausärzte lassen sich inzwischen vertreten.

"Ausländische Ärzte kommen oftmals bereits übermüdet in Großbritannien an", so eine Sprecherin des britischen Ärztebundes (British Medical Association, BMA) gegenüber der "Ärzte Zeitung" in London. "Das ist nicht gut und gefährdet die Patientenversorgung." Die BMA unterstützt Forderungen, die Auflagen, die deutsche und andere ausländische Ärzte erfüllen müssen, bevor sie in Großbritannien Vertretungsdienste übernehmen dürfen, zu erhöhen. Eine Forderung lautet, ausländische Ärzte vor ihrer ersten Vertretungsschicht genauer als bisher auf deren berufliche Qualifikationen hin zu untersuchen.

Doch das ist längst nicht alles: Gesundheitspolitische Beobachter wollen in jüngster Zeit einen Stimmungswandel festgestellt haben. Das Klima sei "deutlich fremdenfeindlicher" geworden, so Sam Lister ("Times"). Und: "Großbritannien sollte weniger Vertretungsärzte aus dem Ausland anfordern und stattdessen wieder mehr Eigenverantwortung bei der primärärztlichen Versorgung übernehmen."

Professionelle Vertretungsdienste, die die Vermittlung ausländischer Ärzte nach Großbritannien auf Teilzeitarbeitsbasis zu ihrem Geschäft gemacht haben, weisen dagegen auf die Vorteile des Services hin. "Ohne deutsche Vertretungsärzte gingen im staatlichen Gesundheitsdienst an Wochenenden und an Feiertagen schlicht und ergreifend die Lichter aus", so ein Sprecher eines Ärztevermittlers.

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