Ärzte Zeitung, 23.09.2009

Sechs Mediziner verzichten für ihre Patienten auf den Ruhestand

Gotha leidet unter aktuem Ärztemangel. Sechs ehemalige Praxischefs - allesamt älter als 65 Jahre - gehen das Problem jetzt auf ihre Weise an: Sie teilen sich die Arbeit in einer von der KV Thüringen betriebenen Hausarztpraxis.

Von Katlen Trautmann

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Jenseits der Altersgrenze noch als Pioniere tätig: das Seniorenteam aus dem "Knevelshaus" mit den Arzthelferinnen.

Foto: tra

Im ersten Halbjahr 2009 drohte in Gotha am Rande des Thüringer Waldes akuter Ärztemangel: Sechs Hausärzte in der seit neun Jahren ohnehin schwach versorgten Region gingen in Pension. Ärztlicher Nachwuchs ist nicht in Sicht. Jetzt schließen sechs Mediziner jenseits des Rentenalters - allesamt ehemalige Praxisinhaber - diese Lücke auf ungewöhnliche Weise: Die Kollegen, zwei Frauen, vier Männer, teilen sich seit dem 1. Juli die Arbeit in einer von der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KV) betriebenen Hausarztpraxis in Gotha.

"Wir wollen unter einem Hut arbeiten, solange es jemanden gibt, der sich den Hut aufsetzt", spricht Allgemeinmediziner Dr. Schumann für das Team. Das Arbeitszeitmodell ist originell. Die Ärzte halten an je zwei Wochentagen in der Woche Sprechstunden und fahren Hausbesuche. Die KV hat sich dafür "den Hut aufgesetzt": Sie richtete die 170-Quadratmeter-Praxis unter dem Dach eines sanierten Altbaus komplett ein und kümmert sich um das Personal sowie die Betriebskosten.

Schumann hatte zum Ende des ersten Quartals an seiner eigenen Praxis den Schlüssel zum letzten Mal rumgedreht. "Wie viele Kollegen habe ich leider keinen Nachfolger gefunden", sagt er mit Wehmut in der Stimme. Der 65-jährige hält nun montags und donnerstags Sprechstunde im so genannten "Knevelshaus" in der Huttenstraße und besucht Patienten zu Hause. An den anderen Tagen übernehmen die Kollegen, darunter eine Chirurgin und ein Internist. Zwei 65-jährige Ärzte sind die "Jüngsten", die älteste Kollegin feierte ihren 70. Geburtstag. "Jeder von uns ist hochmotiviert", berichtet Schumann. Auch die Arzthelferinnen auf zweieinhalb Stellen ziehen mit.

Am Tag nach der Eröffnung kamen 185 Patienten. "Sie schätzen unsere Arbeit als hohe Tugend", sagte Dr. Schumann. Kollegen spenden reichlich Lob und Ermutigung. "Hört bloß nicht auf, wir schaffen es ohne euch nicht, sagen sie", berichtet Schumann.

"Wir sind sehr dankbar für das Engagement der älteren Kollegen, die im Sinne der Patienten ihre Verantwortung auch nach dem Eintritt ins Rentenalter wahrnehmen", sagt KV-Vorsitzende Regine Feldmann. Die Verträge für die Hausärzte sind zunächst auf zwei Jahre befristet. Schumann sieht die Arbeit des "Sixpacks" eher als Übergangs- denn als Dauerlösung. "Wir arbeiten in der Hoffnung, dass jemand früher oder später die Praxis übernimmt."

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