Ärzte Zeitung, 20.06.2012

Das Leben als Landarzt - zu Unrecht in Verruf

Er kennt jeden seiner Patienten genau. Das schätzt Stefan Höhne an der Tätigkeit als Landarzt. Doch er verschließt die Augen nicht vor den Schattenseiten.

Von Antonia von Alten

Das Leben als Landarzt - zu Unrecht in Verruf

Arztpraxis auf dem Land: Damit assoziieren viele Nachwuchsmediziner viel Arbeit, wenig Geld. Doch die Realität ist vielschichtiger.

© imago / NBL

ZEHDENICK. Als "extrem vielseitig" empfindet Stefan Höhne, Facharzt für Allgemeinmedizin, die Tätigkeit als Landarzt. 2010 hat sich der 39 Jahre alte Arzt in Zehdenick im Landkreis Oberhavel niedergelassen.

Sein Fazit im zweiten Jahr: 60 Kilometer nördlich von Berlin sieht der Alltag eines Allgemeinmediziners vollkommen anders aus als in der Stadt.

"Ich kann meine Patienten oft nicht an ein einen Spezialisten weiter überweisen", berichtete Höhne nach einer Pressemitteilung der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) während des Hauptstadtkongresses.

Viele Vorurteile bei angehenden Medizinern

Der nächste Kardiologe ist in der unterversorgten Region in Brandenburg 45 Kilometer entfernt - das macht die Arbeit für Höhne so vielschichtig und abwechslungsreich. Denn: "Das diagnostische Spektrum ist größer als bei einem Allgemeinarzt in der Stadt."

Dazu kommt, dass man als Hausarzt oft die ganze Familie betreut und sie über Jahre hinweg begleitet. "Ich kenne die Lebensumstände und Krankheitsverläufe und kann viel häufiger präventiv wirken."

Viele Nachwuchsmediziner hätten eine falsche Vorstellung von der Tätigkeit als Landarzt. "Kein Wunder," sagt Höhne, "denn die Blockpraktika finden nicht in der Allgemeinmedizin auf dem Land statt".

So erklärt sich Höhne auch Vorurteile wie "hohe Arbeitsbelastung, schlechtes Einkommen, eintönige Tätigkeit".

Als bedrohlich wird Höhne zufolge von jungen Ärzten auch das Regressrisiko eingeschätzt. "Hier müsste man den Nachwuchs bereits im Studium heranführen", so der Landarzt. Denn viele seien von der Verantwortung abgeschreckt und ließen sich lieber in einem MVZ anstellen.

Vereinfachte Kooperationen gefordert

"Ärzte Zeitung" und AOK suchen einen Landarzt

Das Leben als Landarzt - zu Unrecht in Verruf

Gibt es wirklich keine jungen Ärztinnen oder Ärzte, die aufs Land gehen wollen, oder ist es letztlich eine Frage der Kommunikation der Vorzüge des Landarztlebens? Das wollen "Ärzte Zeitung" und der AOK-Bundesverband in einer gemeinsamen Aktion ausloten.

Für die Kleinstadt Woldegk in Süd-Mecklenburg wird ein Arzt gesucht, um die dort drohende Ärzteknappheit abzuwenden. Woldegk ist landschaftlich schön gelegen und bietet einen hohen Freizeitwert und wirtschaftlich für Ärzte ein sicheres Auskommen. KV und Kommune sind bereit, eine Niederlassung zu fördern.

Weitere Informationen zur Aktion "Landarzt gesucht": www.aerztezeitung.de/landarzt oder über Hotline (tagsüber): 0 61 02 / 50 61 06

Die Nachteile des Landarztberufs will Höhne nicht verschweigen: "Wir sind Einzelkämpfer", gibt er zu. "Die Patienten sind auf ihren Arzt angewiesen. Da überlegt man als Arzt zweimal, ob man die Praxis wegen Krankheit oder eines wichtigen Termins zumacht."

Der Landarzt fordert: "Hier müssen Ansätze entwickelt werden, wie die Versorgung in strukturschwachen Gebieten flexibler organisiert werden kann."

Auswege aus dem Einzelkämpferdasein sind Höhnes Ansicht nach die Kooperationen. Sie müssen allerdings "deutlich einfacher werden". Viele Lösungen seien zu komplex, und "die Begrenzung durch Regelleistungsvolumina und Fallzahlbegrenzungen steht im Weg".

Landärzten fehle häufig schlichtweg die Zeit, sich in die rechtlichen Details einzuarbeiten und eine Kooperation auf die Beine zu stellen.

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