Ärzte Zeitung, 18.07.2014

Viele Kreuze

Aut-idem-Manipulation in Bremen?

Bremer Ärzte sind Spitzenreiter beim Aut-idem-Kreuz. Einige Praxen kommen gar auf eine 100-Prozent-Quote. Jetzt wollen die Kassen prüfen, ob Manipulation im Spiel ist. Im Visier: die Praxissoftware.

Von Christian Beneker

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158 Betriebsstätten mit auffälliger Aut-idem-Quote zählt die KV Bremen, es gibt aber auch 469 Praxen mit geringer Quote.

© Schilddrüsen-Initiative Papillon

BREMEN.Zu hohe Aut-idem-Raten: Mehrere Bremer Krankenkassen wollen Ärzte des Landes überprüfen, weil diese - so die Vermutung - per Praxissoftware automatisch Aut-idem-Kreuze auf die Rezepte drucken.

Hintergrund ist eine Auswertung des Beratungsunternehmens IMS Health. Das Unternehmen hat dafür mit Hilfe des IMS Contract Monitor® den generikafähigen Markt im vergangenen Jahr untersucht.

Dabei zeigte sich, dass Vertragsärzte in Bremen bei fast 21 Prozent aller Verordnungen die Substitution durch den Apotheker verbieten und ein Aut-idem-Kreuz setzen - der Spitzenplatz in Deutschland.

Das Problem: "Einige Ärzte in Bremen scheinen standardmäßig anzukreuzen", sagt Christoph Fox, Sprecher der KV Bremen (KVHB), zur "Ärzte Zeitung". So seien bei der pharmazeutischen Beratungs- und Prüfungsstelle im Land Bremen vielfach Rezepte aufgefallen, auf denen nur ein Präparat verordnet wurde aber alle möglichen Aut-idem-Kreuze gesetzt waren.

"37 Betriebsstätten im Land Bremen haben im vergangenen Jahr bei 75 bis 100 Prozent aller Rezeptzeilen ein Aut-idem-Kreuz gesetzt", sagt der Beratungsapotheker der Beratungsstelle, Dr. Gerd Kotzke.

33 Praxen haben das bei mindestens jeder zweiten Zeile getan, so die KV Bremen. Und 88 Praxen haben in 25 bis 49,9 Prozent aller Fälle die Substitution von Arzneimitteln ausgeschlossen.

In Bremen glaubt man bei den stark betroffenen Praxen an einen Automatismus. "Wir vermuten, dass verschiedentlich Praxissoftware eingesetzt wird, die automatisch ankreuzt", sagt Christoph Fox.

Aber ein Praxisverwaltungssystem, das automatisch Aut-idem-Kreuze setze, widerspreche den Vorgaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) "und ist deshalb illegal", so die KVHB. Die KV hat ihren Mitgliedern nahe gelegt, ihre Praxissoftware zu prüfen und gegebenenfalls etwaige Funktionen auszuschließen.

Manipulation fast unmöglich

Andreas Kassner, Geschäftsführer der Bundesverband Gesundheits-IT (BVIGT) GmbH, erklärt: "Dass Software ein Rezept automatisch mit Aut-idem-Kreuzen versieht, kann kein Problem aller Hersteller oder zentraler Fehler bestimmter Systeme sein, da die Software-Systeme zum großen Teil im ganzen Bundesgebiet vertrieben werden. Man hätte dann auch bei Praxen außerhalb Bremens die Aut-idem-Ankreuzungen finden müssen."

Jürgen Veit von der Firma Medistar sagt immerhin, dass man "Missbrauch der Medistar-Software nicht hundertprozentig ausschließen" kann. "Aber unsere Software ist zertifiziert und geschützt.

Der Aufwand, um sie automatisch Aut-idem-Kreuze setzen zu lassen, wäre gigantisch. Die Software ließe das mit einem vertretbaren Aufwand gar nicht zu."

Könnte also trotz allem an mancher Praxissoftware manipuliert worden sein? Die Bremer Kassen wollen der Sache nachgehen. "Aut-idem-Kreuze sollen nur in begründeten Ausnahmefällen gesetzt werden, zum Beispiel bei Unverträglichkeiten eines andernfalls verordneten Präparates", sagt Jörn Hons, Sprecher der AOK Bremen/Bremerhaven.

Die Bremer Kassen wollen nun die Praxen, die mehr als 50 Prozent aller Rezeptzeilen mit einem Kreuz versehen haben, anschreiben. "Das SGB fordert eine rationelle Verordnung als wirtschaftliche Pflicht", sagt Hons. "Wir behalten uns eine Prüfung der Praxen vor."

Allerdings, auch darauf wies die KVHB hin, 435 Bremer Praxen setzen nur in bis zu 9,9 Prozent aller Fälle ein Kreuz. Und 34 Bremer Betriebsstätten verzichteten 2013 ganz darauf, die Substitution von Arzneimitteln auszuschließen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
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