Ärzte Zeitung, 10.07.2008

Medizintechnik auf Innovationskurs

Fehlende Erstattungsfähigkeit neuer Verfahren im ambulanten Bereich kann auch als Entwicklungsbremse wirken

BERLIN (maw). Die Vertreter der Medizintechnik-Branche ärgern sich: Von den Kostenträgern werde Medizintechnik oft als reiner Kostentreiber angesehen. Zudem werde nicht genügend wahrgenommen, dass innovative Lösungen der Branche sogar zu Einsparungen im Gesundheitswesen führen könnten - zum Beispiel durch kürzere Liegezeiten oder die Verringerung von Personal- oder Materialkosten.

Moderne Medizintechnik wie ein Fußersatz kann das Leben von Patienten erleichtern. Vom Nutzen der Produkte müssen die Kostenträger aber erst überzeugt werden, bevor sie den Weg in die Kostenerstattung freigeben.

Foto: Otto Bock Healthcare GmbH

Den Unmut der Branchenvertreter brachte Sven Behrens, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrieverbands für optische, medizinische und mechatronische Technologien (SPECTARIS), auf den Punkt.

In der Regel dauere es mehrere Jahre, bis eine medizintechnische Innovation von den Kassen im ambulanten Bereich erstattet werde - wenn überhaupt, sagte er auf der zweiten WirtschaftsWoche-Tagung Medizintechnik in Berlin. Dieses Verhalten der Kostenträger könnte auch dazu führen, dass sich Innovationen für die MedTech-Unternehmen in Deutschland nicht mehr lohnten.

Die moderne Medizintechnik eröffne neue Diagnose-, Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten. Durch sie könnten viele Krankheiten besser oder überhaupt erst geheilt werden, betonte Behrens. Trotz dieser an sich positiven Ausgangslage drücke die Branche gewaltig der Schuh.

Denn Medizintechnik werde oft als reiner Kostentreiber im Gesundheitswesen gesehen, da die Anschaffung neuer Technik mitunter sehr viel Geld koste. Vom Mehrwert der Innovationen - beispielsweise langfristige Kosteneinsparungen oder eine verbesserte Compliance der Patienten - seien die Kostenträger oft nur schwer zu überzeugen.

Wie innovativ die deutsche Medizintechnik-Branche tatsächlich ist, zeigen auch aktuelle Zahlen. Im vergangenen Jahr wurde rund ein Drittel des Gesamtumsatzes in Höhe von 17,32 Milliarden Euro mit Produkten erzielt, die höchstens drei Jahre alt waren. Der Inlandsanteil am Umsatz belief sich mit 6,19 Milliarden Euro auf etwa 35,7 Prozent. Die Forschungsausgaben der 1246 erfassten Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern betrugen 8,8 Prozent des Umsatzes.

Diese Angaben macht SPECTARIS mit Verweis auf das Statistische Bundesamt. Dass die Branche innovativ ist, lässt sich nicht zuletzt auch an den Anmeldungen beim Europäischen Patentamt im Jahr 2006 ablesen. Die Medizintechnik führt auf technischem Gebiet mit 15 752 Patentanmeldungen die Top-Ten-Liste an - vor der elektronischen Nachrichtentechnik mit 13 488 und der Datenverarbeitung mit 8969 Anmeldungen.

Die Interessenvertretung der verschiedenen MedTech-Unternehmen übernehmen die vier Großverbände SPECTARIS, Bundesverband Medizintechnologie (BVMed), Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH) sowie der Fachverband Elektromedizinische Technik des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI).

Die deutsche Medizintechnikbranche

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gab es im vergangenen Jahr in Deutschland 1246 Medizintechnikunternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten (2006: 1234). Deren Gesamtumsatz belief sich auf 17,32 Milliarden Euro (2006: 16,2 Milliarden). Der Inlandsanteil am Umsatz betrug 35,7 Prozent (2006: 35,6 Prozent).

Insgesamt beschäftigten die Unternehmen der Medizintechnik-Branche 94 700 Mitarbeiter (2006: 90 100) in Deutschland. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung beliefen sich auf 8,8 Prozent des Gesamtumsatzes, der Anteil der in Forschung und Entwicklung beschäftigten Mitarbeiter betrug 14,6 Prozent.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Innovationskraft muss sich auszahlen

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