Ärzte Zeitung, 08.10.2015

Arztberuf ade

Neuanfang als Chance

Für Dr. Stefanie Walther war die Arbeit als Ärztin mit zu viel Bürokratie verbunden. Sie wechselte in die Wirtschaft - und steht bis heute zu ihrer Entscheidung.

Von Ilse Schlingensiepen

Neuanfang als Chance

Dr. Stefanie Walther kümmert sich um kranke Menschen - obwohl sie nicht mehr als Ärztin arbeitet.

© Ilse Schlingensiepen

NEUSS. Am Anfang stand ein klares Ziel: Dr. Stefanie Walther wollte zu Beginn ihres Studiums Neurochirurgin werden.

Erst viel später, in der AiP-Zeit wurde der jungen Chirurgin klar, dass ihre Zukunft nicht im Krankenhaus liegt. Geplant war es anders. Heute leitet die 39-Jährige den Bereich Health Outcome Management beim forschenden Pharmaunternehmen Janssen in Neuss.

Wie es dazu kam, hat Walther im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" berichtet. "Das Studium in Freiburg war super": Walther ging während der Zeit ins Ausland, auf die Philippinen, nach New York und Hawaii.

Das Interesse am menschlichen Körper, am Kontakt mit den Patienten blieb, nach der Neurochirurgie rückte zunächst die plastische Chirurgie in den Mittelpunkt.

Mit 26 beendete sie das Studium, dann kam das Praktische Jahr. "Das war eine tolle Erfahrung. Ich durfte an vielen spannenden Operationen teilnehmen."

Doch mit dem AiP wurde alles anders. Sie musste viel Zeit mit administrativen Dingen verbringen, allen voran der Dokumentation.

"Was mich in der Klinik aber vor allem frustriert hat, war die geringe Wertschätzung der ärztlichen Arbeit", sagt Walther. Irgendetwas stimme nicht im Verhältnis von denen, die Patienten versorgen, und denen, die für die Verwaltung zuständig sind, findet sie.

Ein Schritt weg vom Patienten

Die ehrgeizige junge Frau, deren Berufsziel immer Chefärztin war, musste sich neu orientieren. "Die Überlegung war: Ich wechsele das Land oder ich wechsle die Branche."

Ins Ausland gehen wie viele ihrer Kommilitonen mochte Walther nicht. Es blieb die inhaltliche Neuausrichtung. Sie fiel ihr nicht leicht.

"Ich habe wirklich gern operiert. Den Schritt weg vom Patienten fand ich schwierig." Aber die Ärztin wusste, dass sie nicht länger 60 Prozent ihrer Zeit mit Dingen verbringen wollte, die ihr keinen Spaß machen. "Ein Ende der Durststrecke war nicht abzusehen."

Bereits in der Zeit als ÄiP war Walther dann an der Gründung eines Unternehmens beteiligt. Es hat einen Vorläufer der heutigen Tablet-Computer entwickelt, der für die Unterstützung der Patienten-Information und Aufklärung vor plastisch-chirurgischen Operationen eingesetzt werden sollte.

"Das Produkt war fantastisch, aber keiner wollte es für den Preis kaufen, den wir uns überlegt hatten", sagt sie selbstkritisch.

Walther kam auf diesem Weg in Kontakt mit betriebswirtschaftlichen Herausforderungen, sie lernte, einen Businessplan zu schreiben, die Marktchancen zu evaluieren und Verkaufsgespräche zu führen. "Das war eine spannende Erfahrung."

Die Chirurgin entschied sich schließlich für einen Job in der Unternehmensberatung. "In die Forschung wollte ich nicht."

Sie wurde Strategieberaterin im Healthcare-Sektor bei der Boston Consulting Group. Aus den geplanten zwei Jahren dort werden neun. Walther war für Kunden aus verschiedenen Bereichen tätig: Pharmafirmen, Krankenkassen, Medizintechnikhersteller.

Zu Janssen gewechselt

2013 war dann Janssen die nächste Station. Bei dem Arzneimittelhersteller, bei dem rund 50 Ärzte beschäftigt sind, übernahm sie Mitte 2014 die Leitung der neu gegründeten Abteilung Health Outcome Management. Aufgabe ist es, gemeinsam mit Ärzten und Krankenkassen die Versorgungsstrukturen zu verbessern, erläutert sie.

"Wir analysieren Patientenpfade und die Bedürfnisse der Patienten und prüfen, wo Schnittstellen und Barrieren in der Versorgung sind." Das Team mit zwölf Leuten konzentriert sich dabei auf die vier Schwerpunkte der Janssen-Forschung: Immunologie, Infektiologie, Onkologie und Neurologie.

Bevor Walther zu Janssen kam, hat das Unternehmen mit Kliniken ein Entlassmanagement für Patienten mit Schizophrenie entwickelt.

Jüngst kam ein Bewegungsprogramm für Menschen mit Psoriasis und gleichzeitigem Übergewicht auf den Markt. Insgesamt hat die Abteilung im ersten Jahr vier Versorgungskonzepte erarbeitet, im zweiten Jahr sollen vier weitere folgen.

Die Arbeit sei nur dann erfolgreich, wenn ihr ein tiefes Verständnis dessen zugrunde liegt, was die Patienten brauchen, sagt die Ärztin. Sie kümmert sich also nach wie vor um kranke Menschen, hat im Gegensatz zu früher aber keinen direkten Kontakt zu ihnen. "Der Wirkungskreis ist größer geworden."

"Das macht uns schon stolz"

Die Projekte werden evaluiert, Walther und ihr Team können stets sehen, ob die Richtung stimmt. Durch das Entlassmanagement im Bereich der Schizophrenie habe sich die Dauer der Krankenhausaufenthalte für die Patienten um 44 Prozent senken lassen, berichtet sie. "Das macht uns schon stolz."

Den Wechsel in die Wirtschaft hat Walther nicht bereut. Dazu trägt die Vielseitigkeit der Tätigkeit bei. "Jeder Tag ist hier anders, während der Arbeit lernt man immer etwas Neues."

Außerdem kann sie Familie und Beruf besser unter einen Hut bringen, als es in der Klinik möglich wäre. Die Arbeitszeiten bei Janssen sind familienfreundlicher.

Walther ist verheiratet und hat zwei Kinder, die zwei und fünf Jahre alt sind. Die Ärztin arbeitet Vollzeit, freitags aber von zu Hause aus.

 Sie kann sich vorstellen, für Janssen später einige Zeit mit der Familie ins Ausland zu gehen. "Aber jetzt baue ich erst mal den Bereich Health Outcome Management weiter auf."

[08.10.2015, 21:20:50]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Jedenfalls kümmert sich Dr. Stefanie Walther NICHT mehr um "kranke Menschen",
wie es und dem Foto steht.
Dann sollte man auch nicht so tun. zum Beitrag »
[08.10.2015, 20:52:12]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
@ PD Dr. Ole-A. Breithardt - bitte nicht auf Stammtisch-Niveau!
Die Kollegin, die ich im Übrigen nicht kenne, hat doch ihre Motivation und Einstellung erläutert und ihren medizinischen Berufsweg gefunden. Das könnten Sie doch einfach so stehen lassen!

Aber nein, sie müssen sich ja auch noch selbst entlarven und vielleicht blamieren: "Die Medizin braucht durchschnittlich intelligente Handwerker!"

Wie soll das mit den Nobelpreisträgern für Medizin, gerade eben in Schweden geehrt, bloß gelaufen sein? Wie mit anderen medizinischen Erfindern und Entdeckern oder Kolleginnen und Kollegen, die Symposien abhalten, Lehrbücher schreiben bzw. druckreif Wissen vortragen und vermitteln können?

Medizin ist sicherlich mindestens 70 Prozent Transpiration und hoffentlich bis zu 30 Prozent Inspiration. Behalten Sie letztere auch für sich selbst.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[08.10.2015, 09:01:10]
PD Dr. Ole-A. Breithardt 
Fehlentscheidung Medizinstudium
Patientenarbeit ist ihr zu bürokratisch wegen der administrativen Arbeit und dann wechselt sie ins "Health Outcome Management" und optimiert das Patientenmanagement? Ich wette die Kollegen am Patienten haben nach ihrer Optimierung noch mehr administrative Dokumentationsarbeit ...
Ja, familienfreundlichere Arbeitszeiten - das hätten nun viele am Patienten arbeitende Ärzte(innen) auch gerne - geht leider nicht so einfach - so einfach kann man es sich machen. Nachts weiteroperieren können dann die anderen Kommillitonen. Leider war das Medizinstudium für Frau Walther offensichtlich eine Fehlentscheidung die man auch manch anderen Schulüberfliegern ersparen sollte, die es für selbstverständlich halten mit 1,0 im Abi Medizin zu studiern und dann entäuscht werden. Die Medizin braucht durchschnittlich intelligente Handwerker! zum Beitrag »

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