Kommentar

Es geht um Respekt und Anerkennung

Von Wolfgang van den BerghWolfgang van den Bergh Veröffentlicht:

Der gesundheitspolitische Aufgabenkatalog wird immer dicker. Die dürren zehn Seiten dazu im Koalitionsvertrag bilden maximal den groben Rahmen, den es mit konkreten Inhalten zu füllen gilt. Das ist bei der Eröffnung des 121. Deutschen Ärztetags in Erfurt deutlich geworden.

Und die wichtigen Themen finden längst nicht nur unter den großen Überschriften wie sektorübergreifende Versorgung, mehr Engagement für die Pflege, eine bessere Versorgung für Menschen in strukturschwachen Gebieten, mehr Pflichtstunden in Praxen oder eine gerechtere Vergütung statt.

Vielmehr geht es um die Neujustierung von Werten, es geht um Daseinsvorsorge, um Respekt und um Anerkennung, vielleicht sogar um einen weltweiten Wertewandel.

Es ist schick und cool zu provozieren

Wie selbstverständlich werden vor laufenden Kameras Tabus gebrochen, begründet mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Es ist schick und cool zu provozieren. Die Hemmschwellen sinken gefährlich schnell.

Davor warnten Gesundheitsminister Jens Spahn und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zu Recht: "Wer einen Arzt, eine Krankenschwester, einen Feuerwehrmann, einen Polizisten oder einen Bundeswehrsoldaten angreift, greift uns an."

Ein Grundbekenntnis, das Demokraten eint. Ramelow weiter: Die Weimarer Reichsverfassung sei nicht an den Nazis oder den Kommunisten gescheitert, sondern an einem Mangel an Demokraten.

Ramelow, Spahn und Montgomery haben mit ihren starken politischen Äußerungen einem ganzen Berufsstand hohe Wertschätzung gezollt, deutlich prononcierter als üblicherweise auf Ärztetagen.

Kein Streit, sondern wertvolle Diskussion

Das mag dann auch die Steilvorlage für weitere Ausführungen zu den gesundheitspolitischen Kernthemen gewesen sein. Ein neuer Minister fordert den intensiven Dialog und wehrt sich vehement dagegen, dass unterschiedliche Auffassungen zwischen Politikern und Ärzten sogleich als Streit und nicht als wertvolle Diskussion um die Sache qualifiziert werden.

Das gilt für die Pflichtstunden in der Praxis genauso wie für die Besetzung der Kommissionen, die Zukunftspläne für die sektorübergreifenden Versorgung und eine gerechtere Vergütung erarbeiten sollen.

Der neue Minister nimmt das Raunen unter den 1000 Delegierten und Gästen sehr wohl zur Kenntnis. Er bleibt ruhig und sachlich, reagiert diplomatisch souverän. Auch im Interview mit der "Ärzte Zeitung" verrät Spahn nicht die Besetzung der Kommissionen. Spahn: "Das verrate ich Ihnen bei Gelegenheit . . ."

Auftakt zu einer neuen Gesprächskultur? Der Minister zeigt sich als Pragmatiker mit viel Schwung. Das muss nichts Schlechtes für die Ärzte bedeuten. Fakt ist: Das System wird sich verändern, weil Spahn nicht locker lassen wird.

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