Sektorenübergreifende Versorgung

Systempartnerschaft – ein Zauberwort?

Können Systempartnerschaften von Unternehmen aus dem Gesundheitswesen und der Wirtschaft die Versorgung aufwerten? Dieser Frage ging eine Diskussionsrunde beim Hauptstadtkongress nach.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 07.06.2018, 11:15 Uhr

BERLIN. Krankenhäuser und Kassen haben schon erste Erfahrungen damit, niedergelassene Ärzte tun sich noch schwer. Die Rede ist von Kooperationen wirtschaftlicher Einheiten des Gesundheitssystems mit der Industrie.

Bei der Veranstaltung "Sektorübergreifende Versorgung durch gelebte Systempartnerschaften – welche Rahmenbedingungen brauchen wir?", erhielt dieser Versorgungsansatz Vorschusslorbeeren. Peter Jan Chabiera, Vizepräsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bmvd) traut Systempartnerschaften sogar zu, den Landärztemangel zu überwinden. "Die Leute gehen dann aufs Land, wenn sie dort aktiv sein können, wenn sie nicht nur in der Praxis sitzen, sondern das Land mitgestalten können", sagte Chabiera.

Qualitäts- statt Preiswettbewerb

Professor Roger Jaeckel, Director Market Access bei Baxter, unterfütterte die These des Nachwuchsmediziners. Deutschland leide unter der Verordnung von Gesundheitsversorgung. Die solle besser einem Versorgungswettbewerb weichen. Systempartnerschaften seien das Korrektiv, das ruinöse Wettbewerbsstrukturen verhindern helfe. Um den Umstieg vom Preis- auf Qualitätswettbewerb zu schaffen, müsse allerdings die Vorstellung einer Welt, die zwingend in ambulanten und stationären Sektor eingeteilt sei, aus den Köpfen, sagte Jaeckel.

Für personalisiertes Diabetesmanagement von gesetzlich Versicherten haben sich die AOK Hessen und Roche Diabetes Care zusammengetan. Dr. Isabella Erb-Herrmann von der AOK beschrieb die daraus rührende Win-win-win-Situation. Hausärzte und Diabetologen profitierten von einer verbesserten Einstellung des Blutzuckers der Patienten, von den Schulungen und einer höheren Vergütung. Die AOK wiederum profitiere von der Risikominimierung, die ein virtuelles Budget für Blutzuckerteststreifen biete. Und Roche ziehe zum Beispiel Vorteile daraus, dass das Unternehmen Marktanteile optimieren könne. Alle miteinander wiederum könnten sich zudem als "Innovationsführer" begreifen.

"Innovationsfonds macht Hoffnung"

Dr. Florian Frensch von Philips stellte seinen Zugang zum Thema unter den Titel "Vernetzte Versorgung gehört in die Regelversorgung". Nur damit erhielten Systempartnerschaften die nötige Investitionssicherheit für längerfristige Zusammenarbeit. "Der Innovationsfonds macht Hoffnung", sagte Frensch, schob aber ein großes "Aber" nach. Es sei unklar, was an dem Tag passiere, wenn die Förderung ausläuft.

Gemeinsam mit der AOK Nordost, der TK und dem Universitätsklinikum Rostock ist Philips an dem Projekt des Innovationsfonds "HerzEffekt Mecklenburg-Vorpommern" mit 3000 Patienten mit Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern beteiligt. Dabei soll untersucht werden, wie sich Behandlungs- und Medikationskosten verringern lassen. Frensch entwarf für die Selektivversorgung das "Doppelte kritische Masse-Problem". Ärzten fehle der Anreiz, für einen Bruchteil ihrer Patienten Versorgungsprogramme anzubieten. Krankenkassen erwarteten aber eine möglichst breite Abdeckung der Ärztebasis. Deshalb müsse die vernetzte Versorgung Teil der Regelversorgung werden.

Der Mangelernährung im Krankenhaus will das Universitätsklinikum Tübingen durch eine Zusammenarbeit mit der B. Braun Melsungen AG begegnen. "Fast jeder zweite Patient verliert während eines Krankenhausaufenthalts zusätzlich an Gewicht", sagte Privatdozent Michael Adolph. Mit einem vom Unternehmen unterstützten Ernährungsmanagement gehen die Systempartner die durch den Gewichtsverlust beeinträchtigten Heilungschancen an. B. Braun und das Klinikum arbeiten auch im Entlassmanagement zusammen. Und das mit Erfolg, wie Adolph berichtete. Im Vergleich mit einem anderen Krankenhaus konnte Tübingen die Liegezeiten verringern.

In einer sich vernetzenden Welt ändere sich die Rolle des Arztes: "Vom Halbgott zum Health Guide – das tut weh!", sagte Professor Tobias Gantner, Arzt, Philosoph und Gesundheitsökonom – sowie Unterstützer von Start ups im Gesundheitswesen. Mit Unterstützung der Bundesanstalt für Ernährung baut Gantner drei "OhneArzt-Praxen" auf. Dabei handelt es sich um Fernbehandlungs- und Diagnostikzentren in Regionen, in denen es keine Ärzte mehr gibt. Gleichzeitig dienen sie zur Erprobung telemedizinischer Innovationen.

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