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Interview

"70 Prozent der Schlaganfälle verhindern wäre kostenneutral"

In Brüssel trafen sich Ende November die Mitglieder der Arbeitsgruppe Vorhofflimmern zum ersten Mal, um das epidemiologische Problem auf europäischer Ebene anzugehen. Die "Ärzte Zeitung" sprach mit dem Gründungsmitglied Professor Karl-Heinz Kuck aus Hamburg.

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Professor Karl-Heinz Kuck

© Thomas Hauss / DGK

Aktuelle Position: Leitender Arzt in der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg

Werdegang/Ausbildung: Der Elektrophysiologe und Rhythmologe ist ein Pionier der transluminalen Aortenklappenimplantation (TAVI).

Karriere: Präsident der European Heart Rhythm Association (EHRA) und einer der Experten in der "Arbeitsgruppe Vorhofflimmern" (Afib Task Force) im Europäischen Parlament.

Ärzte Zeitung: Welche Ziele verfolgt die AFib-Task-Force?

Professor Karl-Heinz Kuck: Wir möchten ein breites Bewusstsein für die Bedeutung des Vorhofflimmerns in der Bevölkerung schaffen.

Ärzte Zeitung: Wie kann die Therapie von Patienten mit Vorhofflimmern verbessert werden?

Kuck: Eine Erhebung des deutschen Kompetenznetz Vorhofflimmern ergab, dass in Deutschland nur 70 Prozent der Patienten mit Vorhofflimmern, die ein hohes Schlaganfallrisiko haben, auch adäquat antikoaguliert werden.

Auf der anderen Seite werden von denen, die mit einem CHADS2-VASC-Score von 0 oder 1 ein niedriges Schlaganfallrisiko haben und nicht antikoaguliert gehören, 40 Prozent trotzdem antikoaguliert. Diese Patienten setzt man einem unnötigen 3,5-prozentigen Risiko schwerer Blutungen aus. Hier bedarf es einer besseren Aufklärung der Ärzte.

Ärzte Zeitung: Kann eine verbesserte Versorgung von Schlaganfall patienten überhaupt noch finanziert werden?

Kuck: Wir glauben, dass eine Verbesserung der Versorgung von Patienten mit Vorhofflimmern die Kosten im europäischen Gesundheitswesen senkt, weil gerade die schweren Schlaganfälle verhindert werden können.

Durch die neuen Thrombinhemmer können wir noch effizientere Therapien anbieten als mit Marcumar. Wenn die Patienten mit Vorhofflimmern adäquat behandelt werden würden, könnten 70 Prozent der Schlaganfälle in dieser Patientengruppe verhindert werden.

Das wäre ein Einsparungspotential von etwa sieben Milliarden Euro pro Jahr bei den Schlaganfallpatienten. Damit könnte die verbesserte Therapie von Patienten mit Vorhofflimmern zumindest kostenneutral finanziert werden.

Ärzte Zeitung: Können die Patienten etwas tun?

Kuck: Ja, jeder kann eigenständig seinen Puls fühlen und Unregelmäßigkeiten erkennen. Die Diagnose wird dann vom Arzt durch das EKG gesichert .

Ärzte Zeitung: Warum leiden immer mehr Menschen an Vorhofflimmern?

Kuck: Bei den unter 65-Jährigen tritt diese Erkrankung nur selten auf. Ab dem 60. Lebensjahr wird jedoch jedes Jahr etwa 1 Prozent der Herzmuskulatur zu Bindegewebe umgebaut. Das Bindegewebe führt häufig zu Leitungsverzögerungen und Blockierungen der Erregungsleitung.

Die steigende Lebenserwartung und die immer höhere Überlebensrate von Patienten mit Grunderkrankungen wie Hypertonie, Herzinsuffizienz oder KHK begünstigen das Vorhofflimmern. Die Krankenkassen schätzen, dass sich die Prävalenz des Vorhofflimmerns in den kommenden 40 Jahren verdoppelt.

Das Interview führte Michaela Barlach

Lesen Sie dazu auch: Immer mehr Menschen mit Vorhofflimmern

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