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INTERVIEW

750 000 Windpocken-Kranke pro Jahr sind ein guter Grund für eine Impfempfehlung

Die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Krankenkassen kritisiert die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zum generellen Windpockenschutz und lehnt eine Kostenerstattung ab. Mit 750 000 Kranken jährlich sind aber Windpocken die häufigste Krankheit bei Kindern, gegen die es einen Impfschutz gibt, hat STIKO-Vorsitzender Professor Heinz-Josef Schmitt aus Mainz im Gespräch mit Wolfgang Geissel von der "Ärzte Zeitung" gesagt.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Herr Professor Schmitt, die Gesetzlichen Krankenkassen bezweifeln die Zahlen der STIKO zu Komplikationen und Todesfällen durch Windpocken. Was sagen Sie zu der Kritik?

Schmitt: Natürlich bin ich enttäuscht über die Haltung der Gesetzlichen Krankenkassen. Der wichtigste Grund für die generelle Windpocken-Empfehlung war aber nicht die Komplikationsrate, sondern die Zahl von etwa 750 000 Windpocken-Kranken pro Jahr.

Das Infektionsschutzgesetz fordert zudem, daß Kinder mit Windpocken aus Gemeinschaftseinrichtungen ausgeschlossen werden, solange Ansteckungsgefahr besteht. Wenn der Staat von Familien die Betreuung der kranken Kinder verlangt, muß er auch einen wirksamen und gut verträglichen Windpocken-Impfstoff öffentlich empfehlen.

Ein weiterer Grund für die aktuelle Impfempfehlung waren auch die guten Erfahrungen aus den USA. Dort wird der Windpockenschutz seit acht Jahren für alle Kinder empfohlen. Es gibt keinen Beleg für ein Nachlassen der Wirksamkeit des Impfstoffs. Auch die Zahl der Zoster-Erkrankungen ist bei Geimpften niedriger als bei Ungeimpften, und in der Gesamtbevölkerung hat die Zahl der Zoster-Patienten nicht zugenommen.

In Deutschland verursachen Windpocken im Vergleich zu der von den Kassen bezahlten Tetanus-Impfung einige tausend Mal mehr Erkrankungen und auch mehr Hospitalisierungen und schwere Komplikationen.

Ärzte Zeitung: Von den Gesetzlichen Krankenkassen wird bezweifelt, daß in Deutschland die erforderlichen Impfraten gegen Windpocken von über 85 Prozent erreicht werden können.

Schmitt: Jedes Kind profitiert individuell von der Windpocken-Impfung, weil es nicht krank wird und weil es Komplikationen nicht befürchten muß. Auch bei Masern werden seit 30 Jahren in West-Deutschland die angestrebten Impfraten nicht erreicht. Deshalb ändern wir aber doch nicht unsere Impfempfehlungen.

Der beste Weg zu guten Impfraten bei Windpocken ist die Kostenerstattung durch die Gesetzlichen Krankenkassen.

Ärzte Zeitung: Was sagen Sie zu der Kritik, die von der STIKO genannte Komplikationsrate bei Windpocken sei nicht nachzuvollziehen?

Schmitt: Wir zitieren hierzu in unserer Stellungnahme zur Impfempfehlung Studien aus Fachzeitschriften mit peer review. Jede Studie hat aufgrund ihrer Methodik Stärken und Schwächen. Die Erfassungseinheit für seltene Pädiatrische Erkrankungen in Deutschland (ESPED) hat nur die sehr seltenen schweren Komplikationen erfaßt. Kinder mit einer Grundkrankheit waren prinzipiell von der Auswertung ausgeschlossen. Die Studie der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten definiert auch Otitis media, Pneumonie und Bronchitis als Komplikation und erfaßte vor allem Patienten aus dem ambulanten Bereich - und registrierte dementsprechend auch eine Komplikationsrate von etwa fünf Prozent.

Ärzte Zeitung: Angezweifelt werden auch die genannten Zahlen von 25 bis 40 Todesfällen durch Windpocken pro Jahr in Deutschland.

Schmitt: Die genannten Zahlen wären zu erwarten nach Inzidenzen in jenen Ländern, die Windpockenkomplikationen besser erfassen als Deutschland. ESPED alleine hatte im Jahr 2003 vier Todesfälle in Kinderkliniken erfaßt. Die deutsche Todesursachenstatistik weist dagegen insgesamt nur zwischen 0 und 10 Windpockentote pro Jahr aus. Bei diesen Zahlen ist aber von einer starken Untererfassung auszugehen, denn wenn ein Kind Leukämie hat und an Windpocken stirbt, wird bei uns als Todesursache mit hoher Wahrscheinlichkeit nur die Leukämie erfaßt.

Der Punkt ist aber: Wieviele Windpocken-Todesfälle wäre man denn bereit zu akzeptieren und ab welcher Zahl würde eine Impfung befürwortet? Darauf habe ich keine Antwort. Und noch einmal - mit 750 000 Erkrankungen sind Windpocken die häufigste impfpräventable Krankheit bei Kindern in Deutschland.

Lesen Sie dazu auch: Weil Kassen nicht zahlen, machen Eltern in Praxen ihrem Ärger Luft



Was macht eigentlich die STIKO?

Nach Schätzungen des Deutschen Hausärzteverbandes werden gegenwärtig etwa 90 Prozent aller Schutzimpfungen in Deutschland von niedergelassenen Ärzten gemacht.

Bei der Entscheidung, gegen welche Krankheiten geimpft werden soll, ist die Arbeit der Ständigen Impfkommission (STIKO) von besonderer Bedeutung. Mit dem Ziel, den Gesundheitsbehörden der Länder eine fachlich-wissenschaftliche Unterstützung bei der Formulierung öffentlicher Impfempfehlungen zu geben, ist die STIKO vor Jahren am damaligen Bundesgesundheitsamt etabliert worden. Nach der Neustrukturierung der Bundesinstitute wurde die STIKO am Robert-Koch-Institut angesiedelt. Grundlage ihrer Arbeit ist das Infektionsschutzgesetz (IfSG).

Der Kommission gehören Vertreter aus Wissenschaft und Praxis mit besonderen Erfahrungen auf dem Gebiet der Schutzimpfungen an.

In der Regel finden zweimal jährlich Sitzungen der STIKO statt. Die Arbeitsergebnisse des Gremiums werden in den STIKO-Empfehlungen zusammengefaßt. Sie werden meist jährlich aktualisiert.

Diese Empfehlungen werden den obersten Landesgesundheitsbehörden als fachliche Grundlage ihrer öffentlichen Impfempfehlungen zur Verfügung gestellt.

Die STIKO-Empfehlungen sind eine wesentliche Informationsquelle für impfende Ärzte, sie gelten als medizinischer Standard auf dem Gebiet des Impfens.

Auf der Grundlage der jeweiligen STIKO-Empfehlungen sollen die obersten Landesgesundheitsbehörden öffentliche Empfehlungen für Schutzimpfungen aussprechen (§ 20 Abs. 3 IfSG). Das ist mit Blick auf das STIKO-Votum für eine erweiterte Windpocken-Impfung allerdings noch nicht überall geschehen. (fuh)

 

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