Direkt zum Inhaltsbereich

Überdosis

Akute Hepatitis durch zu viele Energydrinks?

Ein 50-jähriger Bauarbeiter hatte noch einmal Glück: Mehrere Dosen Energydrinks am Tag hatten seine Leber fast ruiniert. Grund ist wohl die fatale Kombination des Getränks mit einer Infektion.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Können Energydrinks eine akute Hepatitis auslösen?

Können Energydrinks eine akute Hepatitis auslösen?

© FikMik /iStock/ Thinkstock

GAINESVILLE/USA. Die Annahme, Kräuter und Vitamine seien bedingungslos gesund, hält sich hartnäckig in der Bevölkerung und gibt immer wieder Anlass, den Schweizer Arzt und Mystiker Paracelsus mit seinem "alles ist Gift, allein die Dosis macht's" zu zitieren.

Seinen Paracelsus nicht gelesen hat offenbar auch ein 50-jähriger Bauarbeiter aus Florida. Mit vier bis fünf Energydrinks täglich wollte er seinen beschwerlichen Arbeitsalltag etwas aufpeppen. Letztlich hat er sich damit aber fast die Leber ruiniert.

Der Mann stellte sich in einer Klinik mit ausgeprägter Gelbsucht, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen vor, berichten Ärzte um Dr. Jennifer Harb von der Universität in Gainesville (Harb JN et al. Rare cause of acute hepatitis: a common energy drink. BMJ Case Rep, online 1.)

Zuerst an Erkältung gedacht

Zunächst habe er noch an eine Erkältung gedacht, als sich sein Haut gelb und sein Urin dunkel färbten, habe er jedoch eine ernsthafte Erkrankung erwogen und die Hilfe der Ärzte beansprucht.

Der Patient verneinte Leberprobleme in der Vergangenheit, auch seien solche in seiner Familie nicht aufgetreten. Er gab an, weder illegale Drogen noch Tabak oder übermäßig Alkohol zu konsumieren, auch habe er in letzter Zeit weder rezeptpflichtige noch rezeptfreie Medikamente eingenommen.

An seiner Ernährung habe er ebenfalls nichts geändert – mit einer Ausnahme: Seit drei Wochen trinke er täglich vier bis fünf Energydrinks.

Gelbsucht diagnostiziert

Die Ärzte bestätigten einen skleralen Ikterus und eine allgemeine Gelbsucht, zudem ertasteten sie einen harten rechten Oberbauch, fanden aber keinen Aszites, keine Asterixis oder andere Zeichen einer chronischen Lebererkrankung.

Laboruntersuchungen ergaben stark erhöhte Aminotransferase-Werte (AST: 1800 U/l, ALT: 1200 U/l), enorme Bilirubinkonzentrationen (10 mg/dl), aber auch deutlich zu hohe Werte für Vitamin B12 (>2000 pg/ml) und Folsäure (>20 ng/ml). Die Nierenfunktion war hingegen nicht eingeschränkt.

Im Ultraschall erwies sich die Leber als echogen, aber ohne Zirrhose, die Gallenblasenwand war verdickt, was die Ärzte auf die vorliegende akute Hepatitis zurückführten. Diese konnten sie mit einer Leberbiopsie bestätigen, dabei zeigten sich bereits Nekrosen und eine Cholestase.

HCV plus Vitamin B3 als Ursache?

Bei Antikörpertests fand das Team um Harb zwar Hinweise auf eine HCV-Infektion, die Antikörpertiter sprachen aber eher für eine chronische und nicht für eine akute Erkrankung.

Andere typische Hepatitisursachen wie eine ischämisch bedingte Verletzung, eine Autoimmunerkrankung oder einen Morbus Wilson konnten die Ärzte ausschließen, auch für eine alkohol- oder medikamentenbedingte Toxizität fanden sie keine Hinweise, sodass sie den Grund im Überkonsum von Energydrinks vermuteten.

Für einen exzessiven Konsum sprachen neben den Patientenangaben auch die hohen Vitamin-B12- und Folsäurewerte. Oft enthalten Energydrinks hohe Konzentrationen solcher Substanzen.

Absetzen des Getränks brachte Besserung

Drei Tage nach dem Absetzen der Drinks gingen die Beschwerden zurück, die Transaminase- und Bilirubinwerte verdoppelten sich jedoch vom ersten bis zum vierten Tag nach der Klinikeinweisung und sanken dann ebenfalls. Auffällig war das disproportionale AST/ALT-Verhältnis von etwa 2:1.

Aus Angst vor einem Leberversagen behielten die Ärzte den Patienten sechs Tage in der Klinik. Bei einer Kontrolle zwei Wochen später waren die Leberwerte wieder im Normbereich.

Energydrinks enthalten viel Koffein, Phenylalanin, Citicolin, Taurin, N-Acetyl-Tyrosin und B-Vitamine. Als hepatotoxisch ist davon nur Vitamin B3 (Niacin) bekannt. Allerdings werden Transaminaseerhöhungen erst bei Dosen jenseits der 500 mg/d erwartet, der Patient kam aber durch die Energydrinks allenfalls auf 160–200 mg/d.

HCV und Energy Drinks wohl fatale Kombination

Möglicherweise waren hier seine chronische HCV-Infektion von Bedeutung oder aber Interaktionen mit weiteren Inhaltsstoffen der Drinks, die in der Regel diverse Kräuterauszüge enthalten.

Patienten mit bestehenden Leberschädigungen sollten daher lieber einen zurückhaltenden Konsum von niacinreichen Energydrinks pflegen, raten Harb und Mitarbeiter.

Generell empfehlen sie Ärzten, nach dem Konsum von Supplementen, kräuterhaltigen Produkten und Arzneien sowie Energydrinks zu fragen, wenn sich keine klaren Ursachen für eine akute Hepatitis aufspüren lassen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Preisträger gekürt

Das sind die Gewinner des Galenus-von-Pergamon-Preises 2026

Das könnte Sie auch interessieren
Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

© robertprzybysz | iStock

Persistierende Onychomykosen

Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

© Domepitipat | iStock

Lebensqualität zurückgewinnen

Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Pityriasis versicolor

© iStock / C5C

Kleienpilzflechte im Sommer

Pityriasis versicolor sicher erkennen und gezielt behandeln

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

© Kateryna_Kon / stock.adobe.com

PPAR-Isoform-Selektivität: wissenschaftliche Grundlagen und klinische Relevanz

Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Planegg-Martinsried
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Klassifikation von Herztönen nach Auskultation

Zusammenarbeit Mensch und KI: Das Vertrauen kann täuschen

Vergleich der Kreise

Wo MRSA-Infektionen besonders häufig sind

Kongress in Chicago

Herzkongress AHA 2026: Diese Studien könnten die Praxis verändern

Lesetipps
Eine Frau leidet unter Schwindel, hält sich mit der einen Hand an der Tür fest und ihre andere Hand liegt auf der Stirn.

© Tunatura/stock.adobe.com

Neurologin gibt Tipps

So gehen Sie bei Schwindel richtig vor

Richterhammer und Klemmbrett

© Andrii / Stock.adobe.com

Interview

EU AI Act: Was die neuen Transparenzpflichten für Praxen bedeuten