Barmer-Studie

Arthrose-Patienten nutzen Physiotherapie zu selten

Nur jeder zweite Arthrose-Patient in Deutschland nimmt physiotherapeutische Leistungen in Anspruch, legen Daten von Barmer-Versicherten nahe. Gerade bei Patienten mit hoher Krankheitslast besteht in dieser Hinsicht noch erheblicher Nachholbedarf.

Von Elke Oberhofer Veröffentlicht: 04.08.2020, 08:40 Uhr
Arthrose im Kniegelenk: Bewegungsübungen können bei Patienten mit einer Knie- oder Hüftarthrose nicht nur Schmerzen reduzieren, sondern auch dazu beitragen, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten.

Arthrose im Kniegelenk: Bewegungsübungen können bei Patienten mit einer Knie- oder Hüftarthrose nicht nur Schmerzen reduzieren, sondern auch dazu beitragen, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten.

© psdesign1 / stock.adobe.com

Oldenburg. Dass Bewegungsübungen bei Patienten mit einer Knie- oder Hüftarthrose nicht nur Schmerzen reduzieren, sondern auch dazu beitragen, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten, ist mittlerweile durch hochrangige Studien belegt. In internationalen Leitlinien wird die Physiotherapie (PT), neben Gewichtsreduktion und analgetischen beziehungsweise antientzündlichen Medikamenten, als Kernelement der konservativen Arthrose-Therapie angesehen.

Allerdings lässt die Inanspruchnahme physiotherapeutischer Leistungen in Deutschland noch deutlich Luft nach oben, wie eine aktuelle Auswertung von Versicherungsdaten der Barmer nahelegt (Arthritis Care Res 2020; online 1. Juli).

Nach den Ergebnissen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Studie hatte im Auswertungsjahr 2016 nur jeder zweite von insgesamt 3564 Arthrose-Patienten zumindest einmal die Möglichkeit einer vom Arzt verschriebenen PT genutzt. Insgesamt waren 98 Prozent der Patienten in diesem Jahr mindestens einmal beim Allgemeinarzt gewesen.

Frauen nutzten Physiotherapie häufiger

Den Barmer-Daten zufolge hatte jeder Patient im entsprechenden Jahr im Schnitt rund vier PT-Rezepte eingelöst, die mittlere Zahl der Behandlungen lag bei knapp 25. Die Rezepte waren in den meisten Fällen (45 Prozent) vom Orthopäden ausgestellt worden, ein knappes Drittel stammte vom Allgemeinarzt, drei Prozent vom Rheumatologen. Die restlichen Verschreibungen entfielen auf andere Fachdisziplinen.

Frauen nutzten die Möglichkeit der PT deutlich häufiger als Männer (54 versus 43 Prozent). Das Team um Hannes Jacobs von der Abteilung Versorgungsforschung der Universität Oldenburg vermutet, dass das am Zeitaufwand liegt, den die Sitzungen erfordern.

Männer würden häufig Maßnahmen bevorzugen, die eine schnellere Schmerzlinderung versprechen; sie hätten möglicherweise auch aus beruflichen Gründen mehr Probleme, den Termin beim Physiotherapeuten zeitlich unterzubringen.

Unterschiede zwischen Ost und West

Überraschenderweise schienen weder das Alter der Patienten noch Begleiterkrankungen oder der BMI für die Inanspruchnahme der PT eine nennenswerte Rolle zu spielen.

Dagegen war das Haushaltseinkommen durchaus relevant (bei weniger als 1500 Euro monatlich sank die Teilnahme signifikant) und auch der Wohnort: In den östlichen Bundesländern erhielten 59 Prozent und in den südlichen Ländern 52 Prozent der Arthrose-Patienten eine Physiotherapie, aber nur 48 Prozent der im Norden und 42 Prozent der im Westen ansässigen Patienten.

Im Osten Deutschlands ging der Trend außerdem deutlich mehr zur manuellen oder Thermotherapie; klassische Bewegungsübungen wurden hier deutlich seltener verschrieben als in anderen Bundesländern. Signifikant mit einer Inanspruchnahme assoziiert waren außerdem folgende Faktoren:

  • ein höherer Krankheitsstatus (gemessen als Punktwert im WOMAC-Score; dieser misst auf einer Skala von 0 bis 100 Schmerzen, Gelenksteife und Funktion, wobei höhere Werte schlechteren Ergebnissen entsprechen) und
  • eine höhere Krankheitsaktivität (definiert über die Zahl und Lokalisation der chronisch schmerzhaften Gelenke).

Von der Gruppe mit den höchsten Punktwerten im WOMAC-Score und von den Patienten mit mehr als vier chronisch schmerzhaften Gelenken hatten jeweils deutlich über 60 Prozent im Auswertungsjahr mindestens ein PT-Rezept eingelöst.

Nachholbedarf bei schwer Betroffenen

Umgekehrt heißt das laut Jacobs und Kollegen aber auch, dass etwa ein Drittel der am schwersten Betroffenen, also Patienten mit erheblicher funktioneller Beeinträchtigung und/oder starken Schmerzen, innerhalb eines Jahres nicht ein einziges Mal beim Physiotherapeuten gewesen war.

Damit sei nicht nur die Chance auf Schmerzlinderung gesunken, sondern auch die Aussicht auf eine bessere Beweglichkeit und damit eine bessere Lebensqualität.

Es wäre daher wünschenswert, so die Autoren, „dass die PT, die in den aktuellen Leitlinien mit als erste Wahl im Rahmen des konservativen Arthrosemanagements gilt, in Zukunft besser genutzt wird“.

Dazu sollten vor allem Männer, Patienten mit niedrigem Einkommen und solche mit hoher Krankheitslast und funktionellen Einschränkungen ermutigt werden.

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