Hirnentwicklung

Autismus beim Kind durch mütterliche Autoantikörper?

Autoantikörper in der Schwangerschaft können einer Studie zufolge Verhaltensstörungen beim Kind auslösen.

Veröffentlicht: 02.10.2019, 09:37 Uhr

BERLIN. Autoantikörper, die in der Schwangerschaft gebildet werden, könnten beim Ungeborenen zu einer Beeinträchtigung der Hirnentwicklung und in Folge zu Autismus, Schizophrenie und ADHS führen.

Darauf deuten Untersuchungen des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Charité – Universitätsmedizin Berlin hin, die auf Laborversuchen und Befunden am Menschen beruhen (Ann Neurol 2019; online 20. Juli).

Die Studie, geleitet von Privatdozent Dr. Harald Prüß, konzentrierte sich auf Autoantikörper gegen den NMDA-Rezeptor, der ja für die Verschaltung von Nervenzellen und für eine normale Hirnentwicklung unerlässlich ist. „Der NMDA-Rezeptor-Antikörper ist ein relativ häufiger Autoantikörper. Daten aus Blutspenden lassen vermuten, dass bis zu einem Prozent der Bevölkerung diesen speziellen Autoantikörper im Blut tragen. Die Ursachen dafür sind weitgehend unklar“, wird Prüß in einer Mitteilung des DZNE zitiert.

Schwere Entzündungen können entstehen

Gelangt dieser Autoantikörper ins Gehirn, können schwere Entzündungen entstehen. Allerdings ist die Blut-Hirn-Schranke für Antikörper in der Regel kaum passierbar, es sei denn, diese Barriere ist beschädigt oder wie beim Embryo noch nicht voll ausgebildet.

„Wir gingen der Hypothese nach, dass NMDA-Rezeptor-Antikörper ins Gehirn des Embryos gelangen und in dieser wichtigen Phase der Hirnentwicklung zu zwar subtilen, aber nachhaltigen Störungen führen“, so Prüß.

In der Tat zeigte sich bei Mäusen, dass die mütterlichen Autoantikörper in hohem Maße das Gehirn des Embryos erreichten. In Folge kam es zum Abbau von NMDA-Rezeptoren, veränderten physiologischen Funktionen und gestörter neuronaler Entwicklung. Die Nachkommen zeigten Verhaltensauffälligkeiten und manche Hirnbereiche waren im Vergleich zu gesunden Tieren kleiner ausgebildet.

„Diese bislang unbekannte Form Trächtigkeits-assoziierter Hirnerkrankungen erinnert an psychiatrische Störungen, die durch Röteln- oder Windpocken-Erreger ausgelöst werden. Auch bei solchen Infektionen kommt es nur kurzzeitig zu einer Einwirkung auf das Gehirn, die aber lebenslange Folgen haben kann“, so Prüß.

Blut-Hirn-Schranke schützt wohl Mütter

Beim Menschen legen erste Analysen von Daten von 225 Müttern nahe, dass die Autoantikörper tatsächlich gehäuft bei Frauen mit einem Kind mit neurobiologischer Entwicklungsstörung oder psychiatrischer Erkrankung vorkommen. Die Mütter scheinen durch die Blut-Hirn-Schranke geschützt zu sein.

„Weitere Studien sind nötig, um den Zusammenhang zwischen mütterlichen NMDA-Rezeptor-Antikörpern und psychiatrischen Erkrankungen beim Menschen zu erhärten“, betont Prüß. „Sollten zukünftige Forschungsergebnisse unsere These jedoch bekräftigen, müsste eine Suche nach solchen Antikörpern bei Schwangeren in die Vorsorge aufgenommen werden. Dann könnte man gegebenenfalls eine Behandlung zur Entfernung der Autoantikörper einleiten, um die ansonsten wohl lebenslangen gesundheitlichen Auswirkungen auf das Kind zu verhindern.“ (eb)

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