HINTERGRUND

Beim HerzAs-Projekt ist vernetzte Betreuung Trumpf

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:

Mit einem neuartigen Konzept wollen die AOK Westfalen-Lippe, der Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK), der Landesverband Praxisnetze Westfalen-Lippe (LPWL) und das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen die Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz verbessern.

Die Verknüpfung der Betreuung durch niedergelassene Haus- und Fachärzte mit der telemedizinischen Überwachung und der ausführlichen Schulung der Patienten sollen das Gespür für die Krankheit stärken. Die Aufnahme in das Projekt der integrierten Versorgung HerzAs ist auf ein Jahr begrenzt.

Patienten sollen zu Experten ihrer Erkrankung werden

"Wir hoffen, dass der Patient nach einem Jahr Experte seiner Sache ist", sagt Dr. Heinrich Körtke vom Institut für angewandte Telemedizin (IFAT) am Herz- und Diabeteszentrum. Ziel sei es, den Erkrankten einen Teil ihrer Selbstständigkeit wiederzugeben, sie mobiler zu machen und damit ihre Lebensqualität zu verbessern.

Patienten mit Herzschwäche, die im Jahr zuvor wegen der Herzerkrankung stationär behandelt wurden, werden vom niedergelassenen Kardiologen in das Integrationsprojekt eingeschrieben. Das speziell geschulte Personal der Kardiologen unterweist die Patienten in der Nutzung der telemedizinischen Geräte zur Gewichtskontrolle, zur Blutdruckmessung, zur Messung der Herztöne und im mobilen EKG.

Viermal gehen die Patienten zur Kontrolle zum Hausarzt

Im Verlauf des zwölfmonatigen Programms gehen die Patienten viermal zur Kontrolle zum Hausarzt und dreimal zum Kardiologen. Die Termine werden vom IFAT koordiniert. Das Institut wertet die telemedizinisch übermittelten Daten aus, etwa die tägliche Messung des Gewichts. Gibt es Klärungsbedarf, setzt sich ein Arzt mit dem Patienten in Verbindung und informiert den Kardiologen. Die IFAT-Ärzte intervenieren beispielsweise, wenn der Patienten innerhalb eines Tages ein Kilogramm an Gewicht zu- oder abnimmt.

Die IFAT-Mitarbeiter führen zudem regelmäßige Telefongespräche mit den Patienten, in denen es um Fragen wie Ernährungsgewohnheiten und Bewegung geht. "Über alle Äußerungen, die wir dem Patienten gegenüber tun, informieren wir den Kardiologen", sagt Körtke. In "HerzAs" lernten die Patienten, Faktoren wie Blutdruck, Ernährung und körperliche Aktivität zu beeinflussen, sagt Dr. Klaus Groger, Vize-Vorsitzender des BNK Westfalen-Lippe.

"Wenn sich ihre Herzschwäche trotz dieser Maßnahmen verschlechtert, fällt dies bei den engmaschigen Telefonkontakten und den telemedizinischen Messungen auf." Die Behandlung könnte dann frühzeitig beginnen. "Es ist wichtig, dass jeder Arzt beim IFAT anrufen und die kompletten Daten einfordern kann", betont Groger. Die Kardiologen und Hausärzte liefern alle behandlungsrelevanten Daten an das IFAT, das sie in einer zentralen Patientenakte bündelt.

Langfristig sollen alle Beteiligten über ein gemeinsames Portal Zugriff auf die Daten bekommen, an einer praktikablen und bezahlbaren Lösung wird noch gearbeitet. "Es ist unser Ziel, das Selbstmanagement der Patienten zu verbessern", sagt der Vorstandsvorsitzende der AOK Westfalen-Lippe Martin Litsch. Das könne Modellcharakter für viele andere Erkrankungen haben. Wichtig sei der AOK die Sicherstellung einer flächendeckenden ambulanten Versorgung gewesen. Es beteiligen sich rund 120 Kardiologen in Westfalen-Lippe.

Die Einbeziehung der Hausärzte läuft über den Landesverband Praxisnetze. "HerzAs bietet den Betroffenen durch die engmaschige Begleitung größtmögliche Sicherheit." Dadurch sinkt die Zahl der Selbsteinweisungen ins Krankenhaus zu Zeiten, in denen betreuende niedergelassene Ärzte nicht erreichbar sind, hofft Litsch. Die Kasse gibt pro Versichertem einen Betrag "im unteren vierstelligen Bereich" aus. Ein wesentlicher Teil fließt in das IFAT, das mit 35 Mitarbeitern - darunter elf Ärzte - eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung sicherstellt. Hinzu kommen Kosten für telemedizinische Geräte, die Patienten zur Verfügung gestellt werden, und die extrabudgetären Pauschalen für die Niedergelassenen.

STICHWORT

HerzAs

Die Förderung des Selbstmanagements bei Patienten mit Herzinsuffizienz ist der Kern der integrierten Versorgungsmodells HerzAs. Patienten werden im richtigen Umgang mit ihrer Krankheit geschult, Parameter wie Gewicht, Blutdruck und Herztöne regelmäßig telemedizinisch kontrolliert. In dem zwölf Monate laufenden Programm sollen die Patienten lernen, Symptome und Entwicklungen richtig einschätzen zu können.

Vertragspartner sind die AOK Westfalen-Lippe, der Bundesverband niedergelassener Kardiologen Westfalen-Lippe, der Landesverband Praxisnetze Westfalen-Lippe und das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen. Die KV Westfalen-Lippe (KVWL) war in die Entwicklung der Vereinbarung einbezogen, die Abrechnung und Abwicklung laufen über die KVWL Consult. (iss)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Selbstmanagement als Herzenssache

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