Prospektive Multicenter-Studie

DOAK-Pause vor der Op – Sind zwei Tage nicht genug?

Wann sollte ein DOAK abgesetzt werden, damit während einer elektiven Op nur eine minimale gerinnungshemmende Wirkung besteht? Mit dieser Frage hat sich eine prospektive Multicenterstudie befasst.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Chirurgischer Eingriff mit hohem Blutungsrisiko: DOAKs sollten rechtzeitig abgesetzt werden.

Chirurgischer Eingriff mit hohem Blutungsrisiko: DOAKs sollten rechtzeitig abgesetzt werden.

© hin255 / stock.adobe.com

PARIS. Chirurgische Eingriffe mit geringem Blutungsrisiko stellen für Patienten, die dauerhaft mit direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) behandelt werden, kein Problem dar; die Behandlung wird in der Regel fortgesetzt oder gegebenenfalls für 24 Stunden unterbrochen. Heikler ist die Frage nach dem Aussetzen von DOAK vor geplanten Operationen mit hohem Blutungsrisiko. Hier hängt die Dauer der Unterbrechung von der Eliminationshalbwertszeit und der Nierenfunktion ab; für Dabigatran werden zwei bis sieben und für Apixaban und Rivaroxaban zwei bis fünf Tage Pausieren vor dem Eingriff empfohlen.

Studie mit 422 Patienten

Laut einem Ärzteteam um Anne Godier von der Universität Paris Descartes ist ein Abstand von zwei Tagen jedoch nicht ausreichend, um eine minimale antikoagulatorische Aktivität garantieren zu können. In ihrer prospektiven Multizenterstudie CORIDA (COncentration of RIvaroxaban, Dabigatran and Apixaban) hat sich dafür bei den meisten Patienten ein zeitlicher Abstand von drei Tagen als ideal herausgestellt (Eur Heart J 2017, 38(31): 2431–2439).

An der Studie beteiligten sich 422 Patienten mit einer DOAK-Dauertherapie (55 Prozent Rivaroxaban, 31 Prozent Dabigatran, 14 Prozent Apixaban), davon 95 Prozent mit Vorhofflimmern, bei denen eine Operation anstand. Die DOAK wurden im Median 66 Stunden vor dem Eingriff abgesetzt, das Intervall betrug minimal eine und maximal 218 Stunden.

Die Messung der DOAK-Konzentration unmittelbar vor der Op ergab Werte zwischen < 30 ng/ml und 527 ng/ml. Ein Spiegel < 30 ng/ml ist zwar als Grenzwert nicht validiert, wird aber laut Godier und Kollegen von zahlreichen Experten als sicher im Hinblick auf eine Operation betrachtet. In diesem Zielbereich waren nur 62 Prozent der Patienten nach einer DOAK-Pause von 25 bis 48 Stunden, aber 95 Prozent derer mit einem Intervall von 49 bis 72 Stunden. Ein Abstand von 72 Stunden sagte eine DOAK-Konzentration < 30 ng/ml mit einer Spezifität von 91 Prozent voraus.

Ob eine DOAK-Konzentration < 30 ng/ml erreicht wurde, hing aber auch von weiteren Faktoren ab. Einen eigenständigen ungünstigen Einfluss hatten eine Kreatinin-Clearance < 50 ml/min, eine Antiarrhythmikatherapie und unerwarteterweise auch ein perioperatives Bridging. Bei separater Betrachtung der DOAK wirkte sich eine Nierenfunktionseinschränkung nur bei Dabigatran-Patienten nachteilig aus. Von den Effekten einer Kotherapie mit Antiarrhythmika waren dagegen nur Patienten mit Apixaban oder Rivaroxaban betroffen.

Blutungen bei sieben Prozent

Die üblichen Gerinnungstests erwiesen sich als nicht geeignet zur Abschätzung der DOAK-Konzentration. So hatte die Kombination aus normaler Thromboplastinzeit und normaler aktivierter partieller Thromboplastinzeit bei einer Absetzdauer von weniger als 48 Stunden und bei Apixaban-Anwendung keinen guten positiven Vorhersagewert. Umgekehrt lag etwa trotz erhöhter Thrombinzeit oder Anti-Xa-Aktivität > 0,1 U/ml in der Hälfte der Fälle der DOAK-Spiegel < 30 ng/ml.

Perioperative Blutungen traten bei sieben Prozent der Patienten auf. Als unabhängige Risikofaktoren erwiesen sich Eingriffe mit hohem Blutungsrisiko, eine thrombozytenhemmende Therapie und eine Kreatinin-Clearance < 50 ml/min. Die DOAK-Konzentration hatte keinen Einfluss, was den Autoren zufolge zum Teil an den meist niedrigen Werten liegen könnte. Sie weisen auch explizit darauf hin, dass die Studie nicht dazu angelegt war, den Zusammenhang zwischen DOAK und Blutungen beurteilen zu können. Thromboembolische Komplikationen wurden nicht beobachtet.

"Die wichtigste praktische Implikation ist, dass eine letzte DOAK-Einnahme drei Tage vor einem elektiven Eingriff mit hohem Blutungsrisiko bei fast allen Patienten eine minimale perioperative Konzentration sicherstellt, ohne die Notwendigkeit von Labortests", so die Autoren. Eine längere Unterbrechung der DOAK-Therapie sollte erwogen werden, wenn Dabigatran-Patienten eine – auch nur mäßige – Nierenfunktionseinschränkung hätten oder wenn Patienten unter Apixaban oder Rivaroxaban zusätzlich Antiarrhythmika erhielten.

Die Ärzte um Godier betonen allerdings, dass die Ergebnisse noch in größeren prospektiven Studien mit klinischen Endpunkten (thrombotische bzw. Blutungskomplikationen) verifiziert werden müssten. Eine solche Untersuchung ist die noch laufende Studie mit dem Akronym PAUSE (Perioperative Anticoagulant Use for Surgery Evaluation Study).

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München

Herzinsuffizienz

HFpEF: Sport hilft – wenn er durchgezogen wird

Das könnte Sie auch interessieren
Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

© DG FotoStock / shutterstock

Update

Neue Podcast-Folgen

Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Herz mit aufgemalter Spritze neben Arm

© Ratana21 / shutterstock

Studie im Fokus

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Prävention durch Influenzaimpfung?

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Junge Frau spricht mit einer Freundin im Bus

© skynesher | E+ | Geytty Images

Update

Impflücken bei Chronikern

Chronisch krank? Grippeimpfung kann Leben retten

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

© David Pereiras | iStock (Symboldbild mit Fotomodell)

Dermatomykosen

Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

© Irina Tiumentseva | iStock

Onychomykosen

Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Tab. 1: Verbesserung wichtiger Endpunkte nach 24-wöchiger randomisierter Behandlung mit Vimseltinib vs. Placebo (MOTION-Studie)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1]

Tenosynoviale Riesenzelltumoren

Erste zugelassene systemische Therapie zeigt überzeugende Langzeiteffekte

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Deciphera Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Robert Koch-Institut

Impfkalender für 2026: Die Neuerungen im Überblick

Medizinische Rehabilitation

Wie Ärzte beim beim Reha-Antrag unterstützen können

Lesetipps
Diabetespatientin spritzt sich Insulin mit Insulinpen

© Goffkein / stock.adobe.com

Wenig bekannte Insulinkomplikation

Vorsicht bei Insulininjektionen: Nicht immer dieselbe Stelle nehmen

Eine kalorienarme, pflanzenbasierte Kost für mehrere Tage am Stück pro Monat kann Patienten und Patientinnen mit Morbus Crohn bei der Remission helfen.

© rh2010 / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Morbus Crohn: In nur fünf Tagen per Diät zur Remission?