Borderline-Syndrom

Dank Oxytocin gelassener bei Ärger?

Patientinnen mit Borderline-Syndrom schenken ärgerlichen Gesichtern unbewusst mehr Aufmerksamkeit als Gesunde. Ein körpereigenes Hormon mildert dies ab.

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HEIDELBERG. Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung reagieren höchst sensibel auf reale oder vermeintliche Zurückweisung durch ihre Mitmenschen. Das körpereigene Hormon Oxytocin kann die übersteigerte Sensibilität für kurze Zeit abmildern, wie eine Studie der Universitätsklinik für Allgemeine Psychiatrie Heidelberg nun gezeigt hat (Am J Psychiatry 2013; 170(10): 1169-1170).

Die Heidelberger Wissenschaftler entdeckten, dass Borderline-Patientinnen die Augen ärgerlicher Gesichter verstärkt fixieren und nicht etwa versuchen, dem feindseligen Gegenüber durch Wegschauen auszuweichen.

Diese unbewusste Reaktion geht mit einer im Vergleich zu gesunden Probanden erhöhten Aktivität in der Amygdala einher, in der Eindrücke emotional bewertet werden und Angst oder Wut auslösen können. Eingeatmetes Oxytocin normalisierte in der Studie Blickbewegungen und Gehirnaktivität der Patientinnen, heißt es in einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg.

Patienten mit Borderline-Syndrom leben in Folge traumatischer Erfahrungen in der Kindheit in der ständigen Sorge, von ihren Mitmenschen abgelehnt oder negativ beurteilt zu werden. Sie neigen daher dazu, Bemerkungen oder Gesichtsausdrücke in diesem Sinne zu interpretieren.

Die Ergebnisse der aktuellen Heidelberger Studie sprechen dafür, dass diese Überempfindlichkeit auf bedrohliche Signale bereits in einem sehr frühen, unbewussten Stadium der Informationsverarbeitung verankert ist.

Betroffene schenken Gesichtern, in denen sich Ärger widerspiegelt, unbewusst mehr Aufmerksamkeit als Gesunde dies tun: Sie schauen den Gesichtern schneller und häufiger in die Augen. Gleichzeitig erzeugt der bedrohliche Reiz auch eine heftigere Reaktion im Gehirn.

"Diese hohe Gehirnaktivität in bestimmten Bereichen der Amygdala könnte erklären, warum die Patienten empfindlicher und heftiger als Gesunde auf negative Signale ihrer Mitmenschen reagieren, häufig mit aggressivem Verhalten gegen sich oder andere", wird Studienleiterin Dr. Katja Bertsch, Wissenschaftlerin an der Universitätsklinik für Allgemeine Psychiatrie in der Mittteilung zitiert.

Für die Studie erhielten 40 Patientinnen und 41 gesunde Vergleichspersonen per Nasenspray Oxytocin oder ein Placebo. Anschließend wurden ihre Augenbewegungen erfasst und die Hirnaktivität mittels Magnetresonanztomographie dargestellt, während sie unterschiedliche Gesichtsausdrücke betrachteten.

In weiteren Studien gilt es nun unter anderem zu prüfen, welchen Einfluss diese Wirkung von Oxytocin auf die Gefühle der Probanden hat, ob sie sich sicherer fühlen und gelassener reagieren. Außerdem prüft die Heidelberger Arbeitsgruppe in einer gerade angelaufenen Untersuchung, ob Oxytocin sich dämpfend auf aggressives Verhalten auswirken könnte.

Zum Medikament eignet sich das Hormon, das bei Gesunden Angst- und Stresserleben im zwischenmenschlichen Austausch vermindert, trotz seiner positiven Wirkung derzeit noch nicht - die Halbwertszeit beträgt in der jetzigen Verabreichungsform als Spray lediglich 45 Minuten.

"Wir hoffen allerdings, Oxytocin in Zukunft begleitend zur Psychotherapie einsetzen zu können, damit die Patienten sich im Gespräch mit dem Therapeuten weniger bedroht fühlen, leichter Vertrauen aufbauen und die Therapie als hilfreich erleben", erklärt Dr. Bertsch. "Das muss aber noch genauer untersucht werden." (eb)

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