Der Mann, der sich selbst die Hand amputierte

NEW YORK (dpa). Seine unglaubliche Geschichte ging im Frühjahr vor zwei Jahren weltweit durch die Medien: Aron Ralston ist der Mann, der sich selbst die eingeklemmte Hand amputierte, um zu überleben. Über seine Leidensgeschichte nach einem Kletterunfall in Utah hat der heute 29jährige Amerikaner das Buch "Im Canyon - Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens" (Ullstein-Verlag) geschrieben.

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"Ich fühlte mich verpflichtet, die Geschichte zu erzählen, weil sie so gewaltig ist. Ich hatte so viele Reaktionen von Leuten, denen sie Mut gemacht hat. Und Zeitungsartikel sind so schnell vergessen", sagte Ralston der dpa über seine Motivation als Autor. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis er alles zu Papier gebracht hatte. In der Zeit heilte nicht nur sein verstümmelter Arm, sondern auch seine Seele.

Fünf Tage lang, von Ende April bis Anfang Mai 2003, hoffte Ralston in einem schmalen Canyon im Nationalpark von Utah auf Rettung: Bei einer Klettertour hatte sich ein tonnenschwerer Felsbrocken gelöst, ihm die rechte Hand zerschmettert und sie eingeklemmt.

Der versierte Wanderer, Bergsteiger und Skifahrer war wie so oft alleine unterwegs, hatte nirgends eine Nachricht hinterlassen. Er fror, hungerte, trank seinen eigenen Urin, verlor 18 Kilogramm Körpergewicht, halluzinierte und nahm auf seiner digitalen Videokamera Abschiedsbotschaften an Freunde und Familie auf. Er war sich sicher, er würde sterben.

Er durchtrennte den Unterarm mit einem Taschenmesser

Am sechsten Tag gab es für Aron Ralston keinen anderen Ausweg: Er brach sich selbst den Unterarmknochen und durchtrennte mit einem stumpfen Taschenmesser Muskeln, Sehnen und Fleisch. Mit großer Präzision und rückhaltlos erzählt er die einzelnen Stadien seiner Tortur.

Trotz oft aufkommender Panik, blieb er relativ klar und war sich auch zu jedem Zeitpunkt der Konsequenzen bewußt. "So unwirklich es aussieht, wie mein Arm im Sandstein wie in einen Handschuh verschwindet, so großartig fühle ich mich, daß ich endlich herausgefunden habe, wie ich ihn amputieren kann", schreibt er.

Endlich war er frei, aber noch nicht gerettet. Er mußte sich noch abseilen und mit dem amputierten Arm in einer selbst gefertigten Schlinge zehn Kilometer durch den "Horseshoe Canyon" laufen, bis er auf holländische Touristen traf. Sein erstes Wasser aus einer dreckigen Pfütze schmeckte himmlisch, wie er schreibt. Auf die eisgekühlte Margarita, von der er während seiner "Gefangenschaft" immer geträumt hatte, mußte er wegen der Medikamente und der Operation jedoch noch ein paar Monate warten.

Drei Monate vorher von einer Lawine begraben

Ein Trauma scheint der ehemalige Maschinenbauingenieur nicht davon getragen zu haben. Der Abenteurer ist hart im Nehmen. Im Februar 2003 war Ralston zusammen mit einem Kameraden von einer Lawine begraben worden. Beide buddelten sich unverletzt wieder ans Licht. "Im Canyon" beschreibt er noch weitere Abenteuer mit Bären, bei gefährlichen Wildwasser-Fahrten sowie in Eis und Schnee. Aber er beschreibt auch seine lebenslange Faszination für die unberührte Wildnis.

Aron Ralstons Prothese sieht eher wie ein Multifunktionswerkzeug aus. Bereits wenige Monate nach dem Unfall ging er schon wieder zum Klettern, ein halbes Jahr nach dem Unfall auch wieder ganz allein. Vor drei Wochen hat er das ehrgeizige Ziel erreicht, alle 4000er in den Staaten im Alleingang zu besteigen. Jetzt will er die höchsten Punkte in den 50 US-Bundesstaaten in 50 Tagen erklettern.

"Nach allem, was passiert ist, und all den Möglichkeiten, die mir noch offen stehen, fühle ich mich gesegnet. Ich war Teil eines Wunders, an dem eine Menge Menschen Anteil haben. Um nichts in der Welt würde ich das wieder hergeben, nicht einmal für meine rechte Hand", schreibt er in seinem Buch.

Aron Ralston: Im Canyon - Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens, Ullstein Verlag, 380 Seiten, 22 Euro, ISBN: 3-550-07620-7

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