Sinkende Sterberaten

Die erstaunlichen Schnell-Effekte einer sauberen Luft

Wo Luftverschmutzung vermieden wird, gehen die medizinischen Notfälle drastisch zurück – und das schon binnen kurzer Zeit. Die Studienautoren sind selbst von diesen Ergebnissen überrascht.

Von Wolfgang Geissel Veröffentlicht: 06.12.2019, 13:47 Uhr
Die erstaunlichen Schnell-Effekte einer sauberen Luft

Wenn der Switch nur so einfach wäre: Luftreinhalte-Programme haben aber offenbar einen schnellen gesundheitlichen Effekt.

© nirutft / stock.adobe.com

Wird Luftverschmutzung reduziert, dann geht das mit einer schnellen und dramatischen Abnahme von Krankheits-Ereignissen und Todesfällen einher. Beispiele dazu hat das Umwelt-Komitee des „Forum of International Respiratory Societies“ (FIRS) in dem Review-Artikel „Health Benefits of Air Pollution Reduction“ zusammengestellt (Ann Amer Thor Soc 2019; 16: 1478). Darin wurden Interventionen zur Luftreinhaltung und deren Nutzen analysiert. „Mit bemerkenswerten Ergebnissen“, wie die American Thoracic Society (ATS) in einer Mitteilung betont.

Nach den Angaben ging nach dem Start von Rauchverboten in Irland binnen einer Woche die Gesamtsterberate in dem Land um 13 Prozent zurück, die Mortalität durch ischämische Herzerkrankungen sank in der Zeit um 26 Prozent, durch Schlaganfall um 32 Prozent und durch COPD um 38 Prozent. Interessanterweise hatten Nichtraucher dabei den größten Benefit, betont die ATS.

„Wir wussten vom gesundheitlichen Nutzen der Maßnahmen gegen Luftschadstoffe. Aber das Ausmaß und die relativ kurze Zeit, in der dieser Nutzen eintritt, hat uns dann doch überrascht“, wird der Hauptautor der Studie, Professor Dean Schraufnagel von der University of Illinois in Chicago, in der Mitteilung zitiert. „Unsere Ergebnisse deuten auf einen fast unmittelbaren und substanziellen Effekt auf die Gesundheit, der dadurch eintritt, dass Menschen weniger schmutziger Luft ausgesetzt werden“, so der Pneumologe und Intensivmediziner. Es sei daher von großer Bedeutung, dass Regierungen die WHO-Leitlinien gegen Luftverschmutzung unmittelbar umsetzen und überwachen.

Stahlwerk geschlossen, Sterberate geht zurück

Besonders auch die Industrie ist dabei für viele Anwohner eine große Belastung: Als ein Stahlwerk in Utah vorübergehend 13 Monate geschlossen wurde, gingen in der Region die Klinikeinweisungen wegen Pneumonie, Pleuritis, Bronchitis und Asthma auf die Hälfte zurück. Die Zahl der Krankheitstage von Schülern verringerte sich um 40 Prozent und mit jeder Reduktion von PM10-Feinstaub um 100 μg/m3 verringerte sich die Sterberate um 16 Prozent. Schwangere Frauen hatten während der Werksschließung zudem ein reduziertes Risiko für Frühgeburten.

Ähnlich dramatische Effekte gibt es auch bei der Eindämmung von Verkehr: So wurden in einer 17-tägigen Transport-Strategie während der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta unter anderem Teile der Stadt für den Verkehr gesperrt. Durch die Maßnahme sollten Athleten rechtzeitig ihre Wettkampfstätten erreichen können.

Als Nebeneffekt ging jedoch auch die Luftverschmutzung deutlich zurück. Die Folge: In den vier Wochen danach gingen in den Kliniken der Stadt die Besuche von Kindern mit Asthma um 40 Prozent zurück, die Besuche in Notfallambulanzen wegen Asthma reduzierten sich um 11 Prozent und die stationären Therapien wegen Asthma um 19 Prozent.

Ähnliche Effekt wurden während der Olympischen Spiele in Peking beobachtet, wo es ebenfalls Verkehrsbeschränkungen gab. Die Lungenfunktion von Patienten verbesserte sich binnen zwei Monaten, Arztbesuche wegen Asthma und auch die kardiovaskuläre Sterberate gingen zurück.

Beispiele gibt es auch aus Entwicklungsländern: Frauen in Nigeria profitierten während ihrer neunmonatigen Schwangerschaft von sauberen Küchenherden, mit denen Rauch und Schadstoffe in der Wohnung vermieden werden. Ihre Kinder hatten ein höheres Geburtsgewicht, Frühgeburten und die perinatale Sterblichkeit gingen zurück.

Hohes Wirtschaftswachstum trotz Umweltgesetz

Dass sich Industrieländer Maßnahmen zur Luftreinhaltung durchaus leisten können, zeigt der „Clean Air Act“ der US-Umweltbehörde EPA, betonen die Pneumologen. Durch das Gesetz wurde zwischen 1990 und 2015 in den USA der Ausstoß von Schadstoffen wie Feinstaub, Schwefel- und Stickoxiden sowie Kohlenmonoxid, volatilen organischen Verbindungen und Blei um 73 Prozent reduziert, gleichzeitig wuchs das Bruttoinlandsprodukt in den USA um das 2,5-fache.

Nach Schätzungen wurden durch die Maßnahmen 2 Billionen US-Dollar an Krankheitskosten eingespart, was die Kosten der Luftreinhaltung um das 32-fache übersteigt.

Diese Zahlen geben dem Pneumologen Schraufnagel Hoffnung: „Luftverschmutzung ist in den meisten Fällen ein vermeidbares Gesundheitsrisiko, das jeden betreffe. Urbanisierung, Industrialisierung, Klimawandel und das Wissen um die Risiken der Luftverschmutzung verdeutlichen die Dringlichkeit für Gegenmaßnahmen und führen den Menschen die Konsequenzen von Untätigkeit vor Augen.“ Glücklicherweise hat die Reduktion von Luftverschmutzung einen unmittelbaren und deutlichen Gesundheitsnutzen. Der Erfolg ist riesig: Gesetzliche Vorgaben können binnen weniger Wochen die Sterberaten eines ganzen Landes verringern. Und lokale Programme, etwa zur Verkehrsreduktion, verringern Gesundheitsprobleme prompt und deutlich oder verschaffen schnell Linderung, betont der Pneumologe.

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Kommentare
Buschmeyer

Als jemand, der, aus langjähriger Erfahrung, vielen Statistiken und so manchen Studien skeptisch gegenüber steht (cui bono?), möchte ich hier gerne Goethe zitieren: „Die Botschaft hör ich gern, allein mit fehlt der Glaube.“


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