Viel Geld für Nichts

Die gute Mär vom schlechten Gluten

Immer mehr Menschen glauben, an einer Glutenunverträglichkeit zu leiden. Das beschert sowohl der Lebensmittelindustrie als auch den Herstellern von Schnelltests Millionen. Doch eine glutenfreie Ernährung kann bei Gesunden eine Mangelernährung provozieren.

Von Anne BäurleAnne Bäurle Veröffentlicht:
Viele Menschen glauben, an Glutenunverträglichkeit zu leiden – zu Unrecht.

Viele Menschen glauben, an Glutenunverträglichkeit zu leiden – zu Unrecht.

© Peter Endig / dpa

Glutenunverträglichkeit ganz einfach von zu Hause aus diagnostizieren – viele Tests versprechen das. Ein kleiner Piks, ein bisschen Blut, ins Labor geschickt oder vor Ort getestet, und das Ergebnis ist da.

Damit treffen die Schnelltests einen Nerv, denn immer mehr Menschen meinen, an einer Glutenunverträglichkeit zu leiden – und wollen das auch bestätigt haben. Neun Prozent der Deutschen gaben 2014 bei einer Umfrage an, an einer Glutenunverträglichkeit oder Glutenintoleranz zu leiden – tatsächlich schätzen Experten die Häufigkeit einer Glutenunverträglichkeit in der Bevölkerung deutlich geringer ein, nämlich bei bis zu einem Prozent.

In den USA zeigt sich der Trend zur selbsteingeschätzten Glutenunverträglichkeit noch deutlicher. So ergab eine Umfrage im Jahr 2012, dass 28 Prozent der befragten US-Amerikaner glauben, an einer Glutenunverträglichkeit zu leiden.

Schnelltests aus der Apotheke

Mehr als 640 Millionen Euro wurden in Deutschland im vergangenen Jahr mit den sogenannten OTC (over the counter)-Schnelltests umgesetzt. Dabei legten Tests zur Blutzuckermessung deutlich weniger zu als die sogenannten "Innovativen Tests" wie Schnelltests für Lebensmittelunverträglichkeiten –bei ihnen lag der Zuwachs bei 31 Prozent, so die Ergebnisse der Unternehmensberatung Kreutz, Fischer und Partner aus Wien.

Die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft (DZG) weist allerdings darauf hin, dass "Schnelltests aus der Apotheke letztendlich keine zuverlässigen Ergebnisse liefern." Nur eine Magenspiegelung mit Dünndarmbiopsie bringe Sicherheit, es sei daher entscheidend, dass ein Facharzt die abschließende Diagnose Zöliakie stelle und die Behandlung durchführe.

 In aller Regel gehörten mindestens sechs Dünndarmbiopsien zur histologischen Klassifikation nach Marsh vor glutenfreier Diät zum diagnostischen Standard einer Zöliakie, betont die Landesärztekammer Hessen.

"Wichtig ist auch, dass sich ein Patient nach einem vermeintlich positiven Ergebnis durch einen Schnelltest nicht vorsorglich glutenfrei ernährt, bis er einen Spezialisten aufsucht", so die DZG. Das verfälsche das Ergebnis.

"Ernähren sich gesunde Menschen rein vorsorglich glutenfrei, kann dies im schlimmsten Fall zu Fehlernährung und Mangelerscheinungen führen", wird Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der DZG, in einer Mitteilung der Gesellschaft zitiert. Auch Verbraucherschützer warnen, eine glutenfreie Ernährung könne bei gesunden Menschen eine Mangelernährung provozieren. Und Experten berichten, bei vielen Patienten sei eine glutenfreie Ernährung überflüssig.

Eine glutenfreie Ernährung ist für Betroffene bisher die einzige Möglichkeit, die Symptome dauerhaft zu lindern. Ausgelöst wird die Glutenunverträglichkeit bei genetisch vorbelasteten Menschen durch den Verzehr von Gluten in Weizen, Gerste, Roggen oder Dinkel.

In der Folge zeigen die Betroffenen häufig entzündliche, autoimmune Dünndarmerkrankung mit systemischer Manifestationsmöglichkeit. Die Erkrankung kann sich in jedem Alter zeigen. Heute wird sie etwa zu gleichen Teilen bei Erwachsenen und Kindern diagnostiziert.

Gesundheit gehört zum guten Ton

Helfen kann den Zöliakie-Patienten nur der Verzicht auf Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel, Kamut, Emmer, Einkorn, Grünkern und den daraus hergestellten Fertigprodukten wie Nudeln – oder eben der Griff zu glutenfreien Lebensmitteln. Für Betroffene erleichtern die Lebensmittel den Alltag deutlich, keine Frage.

Doch was ist mit den all den Anderen, die zu glutenfreien Lebensmitteln greifen? Immerhin wurden in Deutschland laut dem Statistikportal statista 2014 / 2015 innerhalb eines Jahres etwa 10.218 Tonnen glutenfreier Produkte verkauft.

Gesundheit gehört heute zum guten Ton. Viele Verbraucher kaufen glutenfreie Nahrungsmittel mit dem Gedanken, sich damit gesund zu ernähren: Der Inhaltsstoff Gluten hat ein ähnlich ungesundes Image wie Fett und Kohlenhydrate.

Daran ist die Lebensmittelindustrie nicht ganz unschuldig – verkauft sie doch die Lebensmittel mit der durchgestrichenen Getreideähre meist gleich neben den Bioprodukten. Da liegt die Assoziation mit gesundheitsbewussten Lebensmitteln nahe. Positiver Nebeneffekt: Neben den im Vergleich zu üblichen Lebensmitteln oft teureren Bio-Produkten fällt der hohe Preis für glutenfreie Lebensmittel nur wenig auf. So hat die Verbraucherzentrale Hamburg festgestellt, dass ein als gluten- und laktose-frei deklariertes Schwarzbrot 383 Prozent teurer war als ein normales Schwarzbrot.

Mit der Zeit ist so ein beständig wachsender Markt an Spezialnahrungsmitteln entstanden, für wenige Erkrankte – und für Viele, die glauben, sich mit glutenfreien Lebensmitteln etwas Gutes zu tun.

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