Schutz oder Schaden

Die zwei Gesichter eines B-Vitamins

Fördern Folat und Folsäure das Darmkrebs-Wachstum oder schützen sie davor? Antworten auf diese Fragen fallen komplex aus.

Veröffentlicht: 01.03.2017, 05:00 Uhr
Die zwei Gesichter eines B-Vitamins

Folat kommt vor allem in grünem Blattgemüse – etwa Spinat – vor.

© Elena Elisseeva / panthermedia.net

In vielen Ländern werden Getreideprodukte mit Folsäure angereichert, und Frauen im gebärfähigen Alter wird die Supplementierung empfohlen, um Neuralrohrdefekten bei Neugeborenen vorzubeugen. In Europa habe man bislang Abstand von flächendeckenden Folsäure-Anreicherungsprogrammen genommen, weil ein dadurch erhöhtes Krebsrisiko nicht ausgeschlossen werden könne, schreiben Dr. Anke Weißenborn und Kollegen vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Bundesgesundheitsblatt (2017; 60: 332-340).

So war im Zusammenhang mit solchen Programmen in den USA und in Kanada in den 1990er-Jahren eine vorübergehende Zunahme von Kolorektalkarzinomen beobachtet worden. Insgesamt hat sich dieser Trend aber nicht bestätigt, im Gegenteil, die Erkrankungs- und Sterberaten sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken.

Folat

Der essenzielle Nährstoff kommt vor allem in grünem Blattgemüse (folium – lat.: Blatt), Getreide, Tomaten oder manchen tierischen Nahrungsmitteln wie Leber oder Niere vor.

Er ist hitze- und lichtempfindlich.

Folat für die Embryonalentwicklung und das Wachstum wichtig. Es ist involviert in die Zellteilung, die Regulation der Genexpression, DNA-Reparaturprozesse, den Metabolismus verschiedener Aminosäuren.

Folsäure ist die hitzestabile synthetische Form des B-Vitamins.

Weißenborn und ihre Kollegen von der Abteilung Lebensmittelsicherheit beim BfR machen zunächst darauf aufmerksam, dass natürliches Folat und die synthetische Folsäure mit Blick auf deren Aufnahme und Verstoffwechselung nicht gleichzusetzen sind. Natürliche Folate werden im Darm hydrolysiert und als Monoglutamate aufgenommen. Folsäure ist vollständig oxidiert und muss zunächst durch das Enzym DHFR (Dihydrofolat-Reduktase) reduziert und anschließend metabolisiert werden, bevor sie über Pfortader und Leber in den Kreislauf gelangt.

"Sowohl der menschliche Darm als auch die Leber verfügen nur über geringe DHFR-Aktivitäten mit hohen individuellen Schwankungen", so Weißenborn und Mitarbeiter. Ein Teil der resorbierten Folsäure gelange daher unmetabolisiert in die Leber und, wenn die Sättigungskonzentration erreicht ist, in den Kreislauf. Noch sei unklar, welche physiologischen Folgen dies habe. Nahrungsfolat ist nicht mit unerwünschten Effekten assoziiert.

Im Mittelpunkt des derzeitigen Forschungsinteresses steht daher Folsäure. Beobachtungsstudien und Interventionsstudien zu Folat/Folsäure und Kolorektalkrebs (CRC) haben immer wieder zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt. So ließen niedrige Folatspiegel in Beobachtungsstudien mal ein verringertes CRC-Risiko, mal einen inversen Zusammenhang und mal keinen Zusammenhang erkennen. Auch Interventionsstudien zur Primär- und Sekundärprävention deuten auf einen komplexen Zusammenhang hin. Ob ein tumorprotektiver oder tumorfördernder Effekt auftritt, scheint unter anderem von der Dosis und der individuellen Stoffwechsellage abzuhängen. Im Moment deuten nach BfR-Angaben die verfügbaren Humandaten darauf hin, dass die Aufnahme von Nahrungsfolat und Folatäquivalenten in Höhe von 200 bis 600 Mikrogramm pro Tag im Vergleich zu geringeren Aufnahmen mit einem verringerten CRC-Risiko verbunden ist. Wer bereits adäquat versorgt ist, kann keinen positiven Effekt auf das CRC-Risiko erwarten. Vielmehr geht aus molekularbiologischen Untersuchungen und Tierstudien hervor, dass hohe Folsäuredosen das Risiko sogar erhöhen könnten. (ner)

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