Binnen zehn Jahren

Doppelt so viele Fehltage wegen psychischer Störungen

Psychische Probleme sorgen für viele Fehltage in Deutschland. Ihre Zahl hat sich binnen zehn Jahren verdoppelt, so das Bundesarbeitsministerium. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm.

Veröffentlicht: 26.03.2019, 10:26 Uhr
Doppelt so viele Fehltage wegen psychischer Störungen

Die Krankschreibungen wegen psychischer Störungen haben 2017 für geschätzte wirtschaftliche Ausfallkosten von 33,9 Milliarden Euro gesorgt, so das Bundesarbeitsministerium.

© nmann77 / stock.adobe.com

BERLIN. Die Zahl der Krankentage wegen psychischer Belastungen ist 2017 erstmals um zwei Prozent im Vergleich zu 2016 zurückgegangen. Im Zeitraum von 2007 bis 2017 hatten sich diese Ausfalltage dagegen auf 107 Millionen Fehltage mehr als verdoppelt.

Das geht aus der Regierungsantwort auf eine parlamentarische Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag hervor.

2017 gingen bei Männern 21 Prozent aller Ausfalltage auf psychische Störungen oder Verhaltensstörungen zurück, bei Frauen waren es 14 Prozent.

Mehr Frühverrentungen

Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Produktionsausfall und nicht realisierte Bruttowertschöpfung sind hoch: 2017 waren dies insgesamt 33,9 Milliarden Euro, im Jahr 2007 belief sich die Summe noch auf 12,4 Milliarden Euro.

Die Entwicklung des Krankheitsgeschehens spiegelt sich in den Zahlen zur Frühverrentung wider. Vor zwei Jahren sind 71.303 Frauen und Männer mit der Diagnose „psychischer Störungen“ frühzeitig in Rente gegangen, zehn Jahre zuvor hatte die Zahl noch bei 53.888 gelegen.

Zuletzt wurde fast jede zweite Frau (49,3 Prozent) wegen einer F-Diagnose frühverrentet, bei Männern waren es 36,7 Prozent (Gesamt: 43 Prozent). Zum Vergleich: Vor 20 Jahren (1997) erfolgte noch jede fünfte Frühverrentung auf Basis einer solchen Diagnose.

"Multifaktorielles Ursachengeschehen"

Das Bundesarbeitsministerium zitiert in der Antwort aus Befragungen von Erwerbstätigen durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), wonach „zwischen Ende der 90er und Mitte der 200er Jahre eine erhebliche Steigerung der Belastungswerte“ in der Arbeitswelt stattgefunden habe. Die genauen Ursachen für diese Entwicklung seien jedoch „schwer empirisch zu ermitteln“.

Psychischen Belastungen liege ein „multifaktorielles Ursachengeschehen“ zugrunde. Aus den vorliegenden Erkenntnissen lasse sich daher „keine hinreichend konkreten Gestaltungsanforderungen ableiten (...), die in einer Arbeitschutzverordnung geregelt werden können“.

Entsprechend reserviert zeigt sich die Regierung mit Blick auf eine „Anti-Stress-Verordnung“, die von den Arbeitgebern abgelehnt wird. Hier sehe man „weiterhin Prüfbedarf“. „Betriebliche Gestaltungslösungen“ könnten eher zu einem Ausgleich von Anforderungen und vorhandenen Ressourcen beitragen als ein regulativer Ansatz.

Das sieht Jutta Krellmann, arbeitspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion, anders. Sie spricht sich für eine Anti-Stress-Verordnung aus, da Beschäftigte „über ihre Belastungsgrenze getrieben“ würden.

Während der daraus erwachsene ökonomische Schaden immer größer werde, schaue die „Bundesregierung Däumchen drehend zu“, kritisiert sie. (fst)

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 26.03.2019 um 16:39 Uhr.

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Nach der Zerschlagung der Arbeitslosenversicherung, des Kündigungsschutzes und der Zusammenlegung von Sozialhilfeempfängern und Empfängern von Arbeitslosenhilfe zu Hartz VI Empfängern (ALG II) durch die „Schröder-Regierung“ im Jahr 2002, stiegen die statistisch vom Bundesarbeitsministerium ermittelten Fehltage von Jahr zu Jahr erheblich an.

Nicht nur Billiglöhner, EinEurojoper, und Leiharbeiter sorgten fortan für den steilen Anstieg der statistisch erhobenen Fehltage. Auch die zunehmende Automatisierung, Prozessoptimierung und Digitalisierung in der beruflichen Arbeitswelt führten in den letzten zwei Jahrzehnten zu hohen psychischen Störungen bei der Kernbelegschaft vieler Unternehmen und Institutionen.

Der volkswirtschaftliche Schaden, natürlich nur statistisch ermittelbar, mag zwar immer größer werden aber demgegenüber stehen die hohe Wertschöpfung der Unternehmen, der Institutionen und der Kapitaleigner und gerade deshalb ist auch der statistisch ermittelte volkswirtschaftliche Schaden, durch Fehltage wegen psychischer Störungen, für die Bundesregierung ein vernachlässigbarer Faktor.

Dr. Ernst Albert Göbel

Belastungsgrenze

Man möge mir nachsehen, dass ich nicht verstanden habe, womit die ""Beschäftigte(n) „über ihre Belastungsgrenze getrieben“" werden. Als ich vor 60 Jahren in der Schweiz als Krankenpfleger gearbeitet habe, betrug die regelmäßige Arbeitszeit von 07 bis 13 und von 15 bis 20 Uhr, also 55 Wochenstunden. Später, nach dem Studium betrug die Regelarbeitszeit 48 Wochenstunden PLUS Bereitschaftsdienste. Die Wochenarbeitszeit wurde dann schrittweise auf 38,5 Stunden gesenkt und darf heute MIT Bereitschaftsdiensten, wenn ich recht informiert bin, höchstens 56 Stunden betragen. Wo ist also die "Belastungsgrenze" und wer oder was "treibt" darüber? Sollte man vielleicht sogar wieder die Regelarbeitszeit erhöhen??

Dr. Karlheinz Bayer

eine Kausalitätsforschung wäre angebracht


Ist das Wort "Fehltage" zutreffend?
Wahrscheinlich nicht.
Vielmehr, es sind Krankheitstage, und es kommt zum Ausdruck, daß es krankmachende Faktoren gibt, die nicht-somatisch en Ursprungs sind.

Es ist alles richtig, was in dem Artikel steht, und trotzdem ist es nicht ganz richtig.

Zum einen haben sich Arbeitgeber und Krankenkassen in den zurückliegenden Jahren auf die Schnekel geklopft, wann immer die "Bundesarbeitslosenzahl" gefallen ist. Daß manche Arbeitnehmer krank zur Arbeit gegangen sind oder sich sogar Urlaub genommen haben, um nicht krank zu werden, wird außer Acht gelassen. Hat sich jemals jemand Gedanken machen wollen, woher diese Gesundmacherei besteht? Hätte man, dann hätte man nicht unterstellt, die Medizin sei so erfolgreich, daß sie sogar Krankmeldungen bemeiden kann, vielmehr hätte man erkannt, daß es interessierte Kreise gibt, welche via Medizin Krankmeldungen bekämpfen suchen.

Es wäre sinnvoll, würde man die Gesamtzahl der Arbeitsunfähigkeitstage betrachten, und sehen, ob diese Zahl angestiegen ist, oder nicht "nur" der Anteil der psychischen Erkrankungen in ihr.

Und das führt zur nächsten Feststellung:
mittlerweile akzeptieren mehr und mehr Mitbürger, daß man eine Diagnose nach der psychischen Erkrankung auch auf die AU-Bescheinigung schreibt.
Streß am Arbeitsplatz oder gar Mobbing am Arbeitsplatz wird von den Patienten inzwischen ebenso wie vom MDK als gegeben angesehen, und es muß nicht mit Herzattacken, Kreislaufstörungen oder Migräne "geschönt" werden.

Es ist so, wie man inzwischen mehr und mehr Fäkalausdrücke benutzen darf, wenn es um Fäkalien geht. Eine gute Entwicklung hin zu mehr Ehrlichkeit.


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