Reproduktionsmedizin

Ein Kind mit drei genetischen Eltern

Eine Mitochondrien-Ersatztherapie hat einem Paar geholfen, ein gesundes Baby zu bekommen. Das Kind kam in Mexiko zur Welt, wo die Technik - im Gegensatz zu den USA - nicht verboten ist. Experten äußern allerdings ethische Bedenken gegenüber dem Verfahren.

Von Andrea Barthélémy Veröffentlicht:
Vor der In-vitro-Fertilisation wurde der unbefruchtete Kern einer der Eizelle der Mutter in eine entkernte Spender-Eizelle mit gesunden Mitochondrien eingesetzt.

Vor der In-vitro-Fertilisation wurde der unbefruchtete Kern einer der Eizelle der Mutter in eine entkernte Spender-Eizelle mit gesunden Mitochondrien eingesetzt.

© Dmytro Sukharevskyy / fotolia.com

Unter Federführung US-amerikanischer Ärzte ist erstmals ein Baby zur Welt gekommen, das mittels Kerntransfer drei genetische Eltern hat. Die Mutter des bereits am sechsten April geborenen Jungen hat eine seltene mitochondriale Erbkrankheit.

Sie hatte bereits mehrere Kinder vor und nach der Geburt verloren, an die sie das Leigh-Syndrom (subakute nekrotisierende Enzephalomyelopathie) weitergegeben hatte. Zwanzig Jahre lang hatte das Paar versucht, Kinder zu bekommen.

Mittels einer neuartigen Technik entfernten die Ärzte nun den gereiften, aber noch unbefruchteten Kern einer mütterlichen Eizelle. Dieser sei in eine entkernte Spender-Eizelle mit gesunden Mitochondrien eingesetzt worden, berichten John Zhang und Kollegen im Fachjournal "Fertility and Sterility" (Fertil Steril 2016; 106: e375–e376).

Die entstandene Zelle sei im Labor schließlich mittels intrazytoplasmatischer Spermieninjektion mit dem Samen des Vaters befruchtet worden. Die britische Zeitschrift "New Scientist" hatte zuerst über den Fall berichtet. Zhang, der normalerweise am New Hope Fertility Center in New York arbeitet, hatte die aus Jordanien stammenden Eltern in Mexiko behandelt, weil die umstrittene Technik dort anders als in den USA nicht verboten ist.

Mitochondrien-Ersatz in Großbritannien erlaubt

Die Behandlung von Frauen mit Mitochondropathien mithilfe eines Mitochondrien-Ersatzes, sorgte bereits vor einem Jahr für Aufsehen, als Großbritannien den Einsatz eines solchen Verfahrens gesetzlich erlaubte. Kliniken können hier bei der zuständigen Behörde (Human Fertilisation and Embryology AUTHORity) Anträge für die Lizenz zur Anwendung dieser Therapiestrategie in ihren Einrichtungen stellen.

Zusätzlich müssen sie für jede Patientin, für die eine Mitochondrien-Spende vorgesehen ist, einen Antrag stellen. Bei jeder Eizell-Spenderin muss dabei sichergestellt sein, dass ihre Mitochondrien keine pathogenetisch bedeutsamen Mutationen haben.

Nur ein Prozent mutierter Mitochondrien

Anders als bei dem Verfahren, dass vor Kurzem in Mexiko durchgeführt wurde, wird in Großbritannien allerdings sowohl die Spender- als auch die mütterliche Eizelle vor dem Zellkerntransfer befruchtet. Dabei werden Embryonen in einem sehr frühen Entwicklungsstadium verworfen, was die Eltern des nun geborenen Kindes aus Glaubensgründen ablehnten.

Mit dem neuen Verfahren entstanden 2015 fünf Embryonen, von denen sich einer normal entwickelte und der Mutter eingesetzt wurde. Nach normaler neunmonatiger Schwangerschaft kam der kleine Junge zur Welt.

Zhang und sein Team testeten das Baby und entdeckten bei ihm nur ein Prozent mutierter Mitochondrien. Nach Hoffnung der Ärzte dürfte diese Menge zu gering sein, um Probleme zu machen.

Reaktionen der Fachwelt verhalten

Während der im "New Scientist"-Bericht zitierte Dr. Dusko Ilic vom King's College London die Geburt des Drei-Eltern-Kindes als "revolutionär" bezeichnete, fielen andere Reaktionen aus der Fachwelt wegen ethischer Bedenken gegenüber dem Verfahren zumeist verhalten aus.

Die Reproduktionsmedizinerin Professor Christine Wrenzycki von der Uni Gießen sagte, mit dieser Technik sei es medizinisch wohl möglich, Frauen mit Funktionsstörungen der Mitochondrien zu einem gesunden Kind zu verhelfen. "Ethisch wird die Beteiligung von drei Elternteilen – zweier Mütter und eines Vaters – kontrovers diskutiert."

Professor Klaus Reinhardt von der Technischen Universität Dresden gibt zu bedenken, dass es für das nun benutzte Verfahren keine Risikoabschätzung gebe und bisherige Hinweise an Tiermodellen und menschlichen Zellen zumindest zweideutig seien "Für eine Gentherapie ist das ein sehr unbefriedigender Zustand".

Andere Kritiker befürchten, dass die Wechselwirkung zwischen der DNA des Zellkerns und der Mitochondrien gestört werden könnte. Eine solche Wechselwirkung wurde unter anderem in Mäusen als auch in Fibroblasten von Menschen nachgewiesen.

Der kleine Junge ist nicht das erste Baby mit drei genetischen Eltern. Bekannt geworden war zum Beispiel Alana Saarinen, die ebenfalls Gene von ihrem Vater und von zwei Frauen trägt, allerdings wurde damals eine andere Technik verwendet.

Dabei wurden die Mitochondrien nachträglich in die befruchtete Eizelle gegeben (Zytoplasmatransfer). Die Technik ist nach Sicherheits- und Ethikbedenken 2002 in den USA verboten worden, in Deutschland war sie nie erlaubt. (dpa/Mitarbeit: grz)

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Kommentare
Wolfgang P. Bayerl 30.09.201609:53 Uhr

Prävention bzw. Therapie von Mitochondriopathien

ist ebenso ein Meilenstein, wie die erfolgreiche Behandlung von tödlichen Leukämien.

Thomas Georg Schätzler 28.09.201614:15 Uhr

Respektable Versuchsanordnung?

Der Elsevier-Verlag formuliert es spektakulär als "Late-breaking abstract" in der Fachzeitschrift "Fertility and Sterility":

"First live birth using human oocytes reconstituted by spindle nuclear transfer for mitochondrial DNA mutation causing Leigh syndrome" von J. Zhang et al. Allerdings o h n e jeglichen "abstract" zu übermitteln.

Nach mehreren Fehlgeburten und zwei am Leigh-Syndrom verstorbenen Kindern, wurde ein Weg gefunden, das mitochondrial übertragene Leigh-Syndrom auszuschalten, indem der die Haupt-Erbinformationen tragende Nucleus der Eizelle der Ehefrau in das gesunde Mitochondrien-Milieu einer von dieser Erbkrankheit freien Spenderin transplantiert wurde.

Für die vielen im Nucleus der Eizelle begründeten Erkrankungen ist dieses Verfahren nicht anwendbar.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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