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HINTERGRUND

Eindämmung der TB bis 2015? Die Ausbreitung in Afrika und Osteuropa gefährdet dieses Ziel

Von Thomas Müller Veröffentlicht:

Wenn das Robert-Koch-Institut alljährlich Mitte März die neusten Zahlen zu Tuberkulose-Erkrankungen (TB) in Deutschland bekannt gibt, klingt das stets wie eine frohe Botschaft: Seit Jahren gehen die Zahlen zurück, für das Jahr 2006 wurden erstmals in diesem Jahrzehnt weniger als 6000 Neuerkrankungen registriert (wir berichteten), zehn Jahre zuvor waren es noch fast doppelt so viele. Doch diese Zahlen sagen wenig über die Entwicklung im Rest der Welt aus. Im soeben veröffentlichten TB-Bericht der WHO ist von anderen Rekorden zu lesen. So stieg die Zahl der TB-Neuerkrankungen im Jahr 2006 auf weltweit 9,2 Millionen - für 2006 liegen jetzt erstmals verlässliche Daten vor. 2005 davor waren es noch 9,1 Millionen. Die Zahl der Menschen, die an TB starben, erreichte mit 1,7 Millionen ebenfalls einen neuen globalen Rekord, 2005 waren es noch etwa 120 000 weniger.

Seit 2003 sinkt die globale TB-Inzidenz geringfügig

Trotz dieser negativen Rekorde gibt es einen Hoffnungsschimmer. Die TB-Zahlen erreichten nur deshalb neue Höchststände, weil zugleich auch die Weltbevölkerung weiter gewachsen ist. Die TB-Inzidenz sinkt dagegen nach einem starken Anstieg in den 90er Jahren seit 2003 wieder leicht. Damit sieht die WHO gute Chancen, eines der Millenniumziele frühzeitig zu erreichen: Den Anstieg der TB-Inzidenz bis zum Jahr 2015 zu stoppen. Sogar ein weit ambitioniertes Ziel sieht die WHO in Reichweite: Danach sollen die TB-Sterberate und die Prävalenz bis zum Jahr 2015 halbiert werden - ausgehend von Werten des Jahres 1990.

Viele Regionen der Welt könnten dies nach dem derzeitigen Trend schaffen, doch in zwei Regionen breitet sich TB weiterhin stark aus: Afrika und Osteuropa. Lässt sich hier TB nicht eindämmen, werden auch die globalen Ziele verfehlt.

Dramatisch ist die Situation vor allem in Afrika südlich der Sahara. Hier zählt TB inzwischen zu den häufigsten Todesursachen in den Elendsvierteln. 12 der 15 Länder mit der höchsten TB-Inzidenz liegen in Schwarzafrika, das Schlusslicht bildet Swasiland mit einer Inzidenz von knapp 1100 pro 100 000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland erkranken jedes Jahr 6 von 100 000 Einwohnern neu an TB.

Insgesamt hat sich die TB-Inzidenz in Afrika seit 1990 mehr als verdoppelt und liegt jetzt im Schnitt bei etwa 360 pro 100 000 Einwohner. Ein Grund für die rasante Entwicklung ist die Ausbreitung von HIV. Bei einer HIV-Infektion steigt das Risiko für eine TB um etwa das 60-fache. Daher ist es kaum erstaunlich, dass in Ländern wie Ruanda drei Viertel der TB-Kranken zugleich auch Aids haben.

Migration erschwert kontrollierte TB-Therapie

Ein weiteres Problem: In Afrika ist die DOT-Strategie (directly observed treatment), bei der die langfristige Einnahme der Arzneien kontrolliert wird, offenbar nur schwer zu implementieren. Viele TB-Kranke müssen auf der Suche nach Jobs ständig ihren Wohnsitz wechseln und haben traditionell wenig Vertrauen oder Anbindung an örtliche Kliniken. Die sechs Monate dauernde Antibiose wird daher oft abgebrochen. Die Folge ist ein hoher Anteil resistenter Erreger. So tauchte 2006 in Südafrika bei HIV-Infizierten ein TB-Stamm auf, gegen den keines der verfügbaren Medikamente hilft. Er tötet die meisten Erkrankten innerhalb weniger Wochen.

Doch nicht nur in Afrika, auch in Europa gelingt der TB ein Comeback - wenngleich auf niedrigerem Niveau. Hier stieg die Inzidenz seit 1990 um etwa ein Drittel von 37 auf 49 pro 100 000 Einwohner. Der Anstieg geht ausschließlich zulasten osteuropäischer Länder und Länder der ehemaligen Sowjetunion, die in der WHO-Statistik Europa zugeordnet werden. Schlusslicht ist hier Tadschikistan mit einer Inzidenz von knapp 300 pro 100 000. Als Ursache für die hohe Inzidenz gilt der Zusammenbruch der Sowjetunion. Die immer noch anhaltenden wirtschaftlichen Probleme sowie eine weitgehende Auflösung staatlicher Gesundheitsstrukturen bahnen den Erregern den Weg. Und mehr noch als in Afrika sind hier Medikamenten-Resistenzen ein Problem. Nach WHO-Berichten traten 2006 weltweit bei 5,4 Prozent aller Neuerkrankungen multiresistente Stämme auf. In Ländern wie Moldawien liegt der Anteil bei 20 Prozent, in Baku in Aserbaidschan gar bei 25 Prozent. Solch hohe Anteile, schreibt die WHO, sind zuvor noch nie registriert worden.

Den WHO-Bericht zu TB gibt es unter www.who.int, Infos zu TB-Diagnose und Therapie beim RKI unter www.rki.de

STICHWORT

TB-Diagnose

Verdacht auf eine TB besteht etwa bei Husten über mehrere Wochen, Gewichtsverlust, Nachtschweiß sowie Müdigkeit, und zwar vor allem dann, wenn die Patienten bereits Kontakt mit TB-Kranken hatten oder aus Ländern mit hoher TB-Prävalenz (Afrika, Osteuropa) stammen oder dort Verwandte und Freunde besucht haben. Tuberkulintest und Röntgendiagnostik können weitere Hinweise liefern. Der Erregernachweis in Sputum oder Bronchialsekret erfolgt per Mikroskop (säurefeste Stäbchen) sowie per Kultur.

(mut)

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