Medikamente

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. In den Fokus geraten auch Medikamente, die für ganz andere Erkrankungen zugelassen sind.

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Ein Drittel der schwer und mittelgradig psychisch Kranken spricht nicht auf die etablierten Psychopharmaka an.

Ein Drittel der schwer und mittelgradig psychisch Kranken spricht nicht auf die etablierten Psychopharmaka an.

© lolostock/iStock

Auf die etablierten Klassen von Psychopharmaka sprechen ja immerhin etwa zwei Drittel der Patienten mit schweren und mittelgradigen Verlaufsformen psychischer Erkrankungen an. Für das übrige Drittel richtet sich die Hoffnung auf neue Wirkstoffklassen. In der Pharmazeutischen Industrie, in der derzeit nur vergleichsweise geringe Entwicklungsaktivitäten auf psychische Erkrankungen entfallen, könne es bald einen neuen Schub für mehr Innovationen geben, berichtet nun der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa).

Die Grundlage dafür seien unter anderem Fortschritte in der Erforschung neuro-epigenetischer Prozesse, der molekularen Aufklärung von Signalwegen und bei bildgebenden Diagnoseverfahren, heißt es in der Mitteilung. Anlass dazu war das Symposium "Neue Targets und Therapieansätze bei psychischen Erkrankungen" der Paul-Martini-Stiftung (PMS) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

In manchen Fällen zeigten neue Einsichten in die Pathophysiologie psychischer Erkrankungen auch, dass für bestimmte Indikationen zugelassene Medikamente erfolgreich auch für ein anderes Therapiegebiet umgewidmet werden könnten ("Repurposing").

Als Beispiele für neue Therapieansätze listet der vfa auf:

  • Bei Schizophrenie das Diuretikum Spironolacton und als Add-On-Medikation nichtsteroidale Antiphlogistika sowie das Antibiotikum Minocyclin. Schließlich werden auch Medikamente erprobt, die die glutamaterge oder GABAerge Neurotransmission zum Ziel haben. Zudem hatte Erythropoietin bei Patienten mit Schizophrenie oder affektiven Störungen positive Wirkungen auf die Kognition.
  • Bei Depressionen ist für Minocyclin auch eine antidepressive Anwendung vorstellbar, da bei dieser Erkrankung aktivierte Mikroglia wohl eine Bedeutung haben. Eine weitere Option ist das von einem Narkosemittel abgeleitete S-Ketamin. Zudem könnten neue anxiolytische Medikamente am Translokator-Protein (TSPO) ansetzen. Der daran bindende experimentelle Wirkstoff XBD173 zeigt in Probandenstudien im Unterschied zu Benzodiazepinen eine anxiolytische Wirkung ohne Sedierung oder Absetzphänomene auf. Folgen des Risikofaktors Stress lassen sich möglicherweise mit Antagonisten des Chaperon-Proteins FKBP5 inhibieren, wie Tierversuchen ergeben haben. Ein wichtiger Ansatzpunkt für Therapien bei Depression könnten auch das Ceramid-System und das darin aktive Enzym Acid Sphingomyelinase (ASM) sein. Dafür spricht, dass viele tri- und tetrazyklische Antidepressiva dieses Enzym hemmen und dass eine hohe Ceramid-Konzentration im Tiermodell zu depressionsähnlichem Verhalten führt.
  • Bei Persönlichkeitsstörungen oder sozialen Ängsten könnte das bisher in der Geburtsmedizin eingesetzte Hormon Oxytocin eine Option werden. Allerdings ist die Wirkung bei Männern und Frauen zum Teil konträr.
  • Bei Suchterkrankungen und ihrer Entstehung haben das Belohnungssystem und die Ausbildung automatisierter Gewohnheiten eine zentrale Bedeutung. An der Abhängigkeitsentwicklung sind zudem epigenetische Prozesse beteiligt. Diese Erkenntnisse könnten zu neuen Biomarkern für Sucht und zu individualisierten Behandlungen führen.
  • Bei Alkoholabhängigkeit im Speziellen muss das zur Therapie bei Spastiken zugelassene Baclofen weiter erforscht werden, ebenso die Eignung bestimmter Antiepileptika.
  • Wichtig ist nach Ansicht des vfa auch, psychischen Krankheiten künftig besser vorzubeugen. Dafür wesentliche Faktoren seien in bestimmten Umweltfaktoren, die auf das sich entwickelnde Gehirn einwirken, gefunden worden. Daraus ließen sich primärpräventive Ansätze ableiten. "Bei Autoimmun- und Krebserkrankungen ist es in den letzten Jahren durch Aufklärung der molekularen Pathomechanismen gelungen, wesentlich wirksamere Therapien zu entwickeln", wird Professor Stefan Endres, LMU München zitiert. Er hat das Symposium gemeinsam mit Professor Peter Falkai – ebenfalls LMU München – geleitet. Auch die Psychiatrie sei diesbezüglich auf einem guten Weg. Dies mache Hoffnung, auch Patienten mit bisher therapierefraktären Erkrankungen künftig helfen zu können – immer in bestmöglicher Abstimmung und Ergänzung zu nicht-medikamentösen Therapien. (eb)
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