Impflücken

Experten warnen vor einer Rückkehr der Diphtherie

Diphtherie ist in Deutschland selten geworden. Jetzt wächst das Krankheitsrisiko aber wieder, warnen Experten. Viele Erwachsene haben keinen aktuellen Impfschutz mehr.

Wolfgang GeisselVon Wolfgang Geissel Veröffentlicht:
Sorgenkind in der EU ist derzeit Lettland. Dort zirkuliert das Diphtherie-Bakterium seit zwei Jahrzehnten wieder.

Sorgenkind in der EU ist derzeit Lettland. Dort zirkuliert das Diphtherie-Bakterium seit zwei Jahrzehnten wieder.

© Novartis Behring

NEU-ISENBURG. Europaweit nimmt die Zahl der eingeschleppten Diphtherie-Fälle wieder zu, warnt der "Impfbrief online". So berichtete das European Center for Disease Prevention and Control (ECDC) über kutane Diphtherie bei sieben Flüchtlingen, die 2015 in Dänemark, Deutschland oder Schweden betreut wurden. In Spanien erkrankte im selben Jahr ein ungeimpftes sechsjähriges Kind an Diphtherie, und im vergangenen Jahr starb in Belgien ein ungeimpftes dreijähriges Kind mit tschechischen Wurzeln durch toxinbildende Rachendiphtherie. In Deutschland wurden 2015 insgesamt 14 Erkrankungen gemeldet, davon 12 Fälle von kutaner Diphtherie; in Europa waren es von 2009 bis 2014 insgesamt 142 Diphtherie-Fälle.

Sorgenkind in der EU ist dabei Lettland. Dort zirkuliert das Diphtherie-Bakterium seit zwei Jahrzehnten wieder. 1994 bis 2014 wurden in dem baltischen Staat insgesamt 1515 Erkrankungen inklusive 110 Todesfällen gemeldet. In Lettland hatte es von 1965 bis 1985 keine Fälle von Diphtherie mehr gegeben. Die Infektionen waren aber bei dem Ausbruch Anfang der 1990er Jahre in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion wieder aufgeflammt.

Wegen großer Impflücken habe man die Situation seither nicht mehr unter Kontrolle bekommen, berichtet das ECDC (Euro Surveill. 2016; 21 (48): pii=30414). So seien 2014 nur 59 Prozent der Erwachsenen und 86 Prozent der 15-Jährigen geimpft gewesen. Um die Zirkulation des Erregers zu unterbrechen, empfiehlt die WHO aber Impfraten von mindestens 90 Prozent bei Kindern und 75 Prozent bei Erwachsenen.

Diese Raten werden zur Zeit auch in Deutschland nicht erfüllt. Zwar gab es 2014 bei Erstklässlern eine hohe Impfquote von über 95 Prozent. Schlecht sieht es aber bei den Erwachsenen aus: 81 Prozent von ihnen gaben in der DEGS1-Studie zwar an, mindestens einmal im Leben gegen Diphtherie geimpft zu sein. Aber nur 57 Prozent von ihnen haben einen sicheren Schutz, weil sie in den letzten zehn Jahren geimpft worden sind. Auf die gute Herdenimmunität bei Kindern sollte man sich dabei nicht verlassen: Die Impfung schützt zwar vor Erkrankung, verhindert aber nicht komplett, dass Impflinge zu Keimträgern werden und die Infektionen weitergeben können.

Auch das ist bedenklich: Diphtherie-Antitoxin ist in größeren Mengen nur schwer oder auch gar nicht mehr zu beschaffen, warnt das ECDC. Das Mittel muss Patienten aber schnellstmöglich verabreicht werden, um das Toxin im Blutkreislauf zu neutralisieren. Schon 48 Stunden nach Beginn der Symptome ist die Schutzwirkung eingeschränkt. Für das kranke Kind in Spanien musste 2015 das Antitoxin schließlich in Frankreich und Russland beschafft werden.

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Kommentare
Thomas Georg Schätzler 22.02.201713:12 Uhr

Hausärztlich unverständlich


In meiner hausärztlich-familienmedizinischen Facharzt-Praxis für Allgemeinmedizin wird seit Praxisgründung 1992 alle 10 Jahre gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis geimpft; und bei vorhandener Grundimmunisierung alle 20 Jahre zusätzlich gegen Polio immunisiert.

Die zentralen Aufnahmeeinrichtungen impfen alle Migranten unabhängig von ihrem Asylstatus.

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Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Stefan Graf 22.02.201707:12 Uhr

Kein Pardon für Impfverweigerung

Unfassbar, dass es selbst bei Diphterie und Tetanus im "deutschen Bildungsbürgertum" notorische Impfverweigerer gibt, die fadenscheinige "Anti-Vaxx"-Argumente kreieren. Wundstarrkrampf und Diphterie haben in füherer Zeit Millionen von Menschen dahingerafft. Die Wertschätzung der Standardimpfungen bedarf bei uns einer drastischen "Auffrischung". Gelingt das nicht, werden viele Unschuldige die Leidtragenden sein.

Dr. Stefan Graf

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