Innovativ und herausragend

Fünfmal ausgezeichnet mit der Galenus-Medaille

Vier Arzneimittel und ein Forscherteam haben in diesem Jahr den Galenus-von-Pergamon-Preis erhalten. Wir stellen Sie Ihnen im einzelnen vor.

Veröffentlicht: 20.10.2019, 21:53 Uhr
Fünfmal ausgezeichnet mit der Galenus-Medaille

Schutz vor Herpes zoster für 37 Millionen Menschen in Deutschland: Mag. Sabine Hackl, Marketing Director Vaccines, und Dr. Johannes Hain, Senior Medical Director von GSK (m.), mit Yve Fehring (h.) und Thomas Rachel vom BMBF.

© David Vogt

Kategorie Primary Care: Shingrix bringt Schutz vor Herpes zoster

Shingrix, ein adjuvantierter Subunit-Totimpfstoff gegen Herpes zoster von GlaxoSmithKline, erhält den Galenus-Preis 2019.

Die Vakzine Shingrix schützt nach zwei intramuskulären Injektionen im Abstand von zwei Monaten Personen im Alter über 50 Jahren anhaltend vor Herpes zoster und postzosterischer Neuralgie. Die Immunreaktion wird durch ein rekombinantes Oberflächenantigen des Varizella-zoster-Virus hervorgerufen, das Glykoprotein E (gE). Es bilden sich gE-spezifische Antikörper sowie CD4-positive T-Gedächtniszellen und B-Gedächtniszellen. Der Verstärkung der Immunantwort dient das Adjuvans AS01B, ein Liposombasiertes Adjuvanssystem. Es besteht aus dem Lipopolysaccharidderivat MPL und QS-21, einem Saponin aus Baumrinde. Sie verstärken synergistisch die CD4+-T-Zell-Immunantwort und die humorale Immunantwort.

Die Wirksamkeit der Vakzine wurde Placebo-kontrolliert geprüft. Die Probanden wurden über einen Zeitraum von knapp vier Jahren beobachtet. Ergebnis: Bei über 50-Jährigen wurde unabhängig vom Alter eine Reduktion des Herpes-zoster-Risikos um mehr als 90 Prozent erreicht. Dies galt auch für Menschen jenseits des 70. oder 80. Lebensjahres. Auch die Zahl der postzosterischen Neuralgien ging deutlich zurück.

Professor Erland Erdmann von der Galenus-Jury begründete die Entscheidung damit, dass der Totimpfstoff zusammen mit einem innovativen Adjuvanssystem tatsächlich zu lang anhaltender Immunität, auch bei über 80-Jährigen führt. „Die in der Jury, die schon etwas älter sind, haben sofort nachgeguckt, wo sie diesen Impfstoff wohl demnächst herbekommen. Sie sehen, wir waren überzeugt!“

„Das Schöne ist, dass Deutschland neben USA und Kanada zu den wenigen Ländern gehört, die diesen Impfstoff zur Verfügung gestellt haben. Potenziell können wir in Deutschland 37 Millionen Menschen schützen“, sagte Mag. Sabine Hackl, Marketing Director Vaccines von GSK.


Kategorie Specialist Care: Reagila® - Neue Chance bei Schizophrenie

Reagila® (Cariprazin) von Recordati, ein neues atypisches Antipsychotikum zur Schizophrenie-Therapie, wird mit dem Galenus-Preis 2019 geehrt.

Fünfmal ausgezeichnet mit der Galenus-Medaille

Zweimal CAR-T-Zelltherapie unter den Bewerbern, gleichauf im Ziel auch als Gewinner (v.l.n.r.): Dr. Bettina Bauer, Geschäftsführerin, und Torben Zachmann, Senior Director Cell Therapy von Kite / Gilead, sowie Dr. Alexandra Skorupa, Medical Head Cell & Gene Therapy, und Markus Karmasin, Business Unit Head Cell & Gene Therapy, von Novartis präsentieren stolz die Medaillen und Urkunden des Preises in der Kategorie Orphan Drugs. Rechts der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel, im Hintergrund Professor Erland Erdmann, Vorsitzender der Galenus-Jury.

© David Vogt

Negativsymptome wie Gefühlsverflachung, Antriebsminderung und Anhedonie können in allen Stadien der Schizophrenie auftreten und lassen sich mit den bisher verfügbaren Antipsychotika der ersten und zweiten Generation kaum in den Griff bekommen. Während Positivsymptome wie Wahnvorstellungen und Halluzination nach der Akutphase in der Regel remittieren, bleiben die Negativsymptome meistens bestehen. Oft sind sie mit sozialem Rückzug und Einschränkungen der persönlichen und beruflichen Leistungsfähigkeit verknüpft.

Cariprazin schließt die bisher bestehende Lücke in der Versorgung von Schizophrenie-Patienten mit überwiegender Negativ-Symptomatik. In Studien ließen sich mit dieser Arznei nicht nur Positivsymptome deutlich verringern: Bei Patienten mit überwiegend Negativsymptomen ergab sich im direkten Vergleich mit einer Risperidon-Therapie ein deutlicher Vorteil für Cariprazin.

Cariprazin greift in die gestörte dopaminvermittelte Signalübertragung im Gehirn ein. Die Arznei ist ein Partialagonist an D2- und D3-Dopaminrezeptoren mit hoher Affinität zum D3-Rezeptor. D3-Rezeptoren sind vor allem in Gehirnbereichen zu finden, die für die Negativ- und kognitiven Symptome bei Schizophrenie relevant sind.

Professor Erland Erdmann, der Vorsitzende der Galenus-Jury, hob bei der Preisverleihung hervor, man habe zum ersten Mal ein Antipsychotikum für die Auszeichnung mit dem Galenus-Preis ausgewählt. „Der Durchbruch ist, dass die Patienten, die Negativ-Symptomatik haben – die sprachlos sind, die sozial zurückgezogen sind – zurückkommen können in das, was wir Leben nennen“, erklärte Jörg Camp, Brand Manager Reagila® von Recordati.


Kategorie Orphan Drugs: Kymriah® und Yescarta® erhalten Preis

Der Galenus-Preis für Arzneien für seltene Krankheiten wird doppelt vergeben: an Kymriah® (Tisagenlecleucel) vom Unternehmen Novartis und an Yescarta® (Axicabtagen-Ciloleucel) von Kite und Gilead.

Fünfmal ausgezeichnet mit der Galenus-Medaille

„Schizophrenie-Patienten mit Negativ-Symptomatik können zurückkommen in das, was wir Leben nennen“: Jörg Camp von Recordati mit Staatssekretär Thomas Rachel und dem Vorsitzenden der Galenus-Jury Professor Erland Erdmann (v.l.n.r.).

© David Vogt

Die beiden in der Kategorie Orphan Drugs ausgezeichneten Innovationen Kymriah® und Yescarta® ermöglichen bei definierten Gruppen von Leukämie- beziehungsweise LymphomPatienten eine CAR-T-Zelltherapie.

Galenus-Jury-Vorsitzender Professor Erland Erdmann lobte vor allem das Potenzial des Therapieprinzips der personalisierten CAR-T-Zelltherapie, das bisher zwar „noch nur für sehr wenige Patienten nutzbar ist, aber eines Tages wird es ein Prinzip sein, das für viele Erkrankungen gilt. Hier ist ein Durchbruch geschafft worden.“

Markus Karmasin und Dr. Alexandra Skorupa vom Unternehmen Novartis erläuterten das aufwändige Verfahren der Therapie, für die erst 20 Zentren in Deutschland zugelassenen seien, weil dafür besondere Voraussetzungen für das Personal und die Räumlichkeiten zu erfüllen seien. Therapeutisch gebe es für die Erkrankten nach Versagen der üblichen Therapieformen „keine Alternative mehr“.

Bei der CAR-T-Zelltherapie werden T-Zellen aus dem Blut des Patienten isoliert und mithilfe eines viralen Vektors genetisch verändert, dann vervielfacht und dem Patienten reinfundiert. Durch die Genmanipulation bilden die T-Zellen an der Oberfläche einen CAR-Rezeptor (Chimeric Antigen Receptor) zur Erkennung eines spezifischen Oberflächenantigens auf den Krebszellen. Erkennen die CAR-T-Zellen dieses Oberflächenantigen, werden sie aktiviert und töten die Krebszellen ab.

Entsprechend der in den Zulassungsstudien berücksichtigten Patienten überschneiden sich die Indikationen der beiden Zelltherapien teilweise.

  • Tisagenlecleucel ist zugelassen zur Therapie bei akuter lymphoblastischer B-Zell-Leukämie (ALL) und bei diffus großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL).

Aus den beiden zentralen multizentrischen Studien ELIANA und JULIET liegen mittlerweile Langzeitdaten vor. Die der Studie ELIANA belegen zum Beispiel für Tisagenlecleucel bei pädiatrischen Patienten mit r/r B-Zell-ALL (Rezidiv nach Transplantation oder zweites oder späteres Rezidiv) ein anhaltendes Ansprechen bei den meisten Patienten. Die Remissionsrate betrug 82 Prozent drei Monate nach der Infusion. Das rezidivfreie Überleben nach 24 Monaten betrug 62 Prozent, die mediane Remissionsdauer und das mediane Gesamtüberleben blieben unerreicht.

Bei 98 Prozent der Patienten mit Komplettremission oder Komplettremission mit unvollständiger hämatologischer Erholung, die auf die Therapie angesprochen hatten, war keine minimale Resterkrankung im Knochenmark mehr nachweisbar. Die Gesamtüberlebensrate betrug nach 24 Monaten im Mittel 66 Prozent.

Die Analyse der Langzeitdaten in JULIET bei Patienten mit r/r DLBCL ergab, dass die Wahrscheinlichkeit, rezidivfrei zu bleiben, nach sechs Monaten 66 Prozent betrug und im Untersuchungszeitraum nach zwölf und 18 Monaten konsistent bei 64 Prozent blieb. Das mediane Gesamtüberleben nach der Zelltherapie betrug 11,1 Monate und wurde von Patienten mit einer Komplettremission bislang nicht erreicht. Die Wahrscheinlichkeit des Gesamtüberlebens betrug nach zwölf Monaten 48 Prozent und nach 18 Monaten 43 Prozent.

  • Axicabtagen-Ciloleucel ist zugelassen zur Therapie bei diffus großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL) und bei primär mediastinalem großzelligem B-Zell-Lymphom (PMBCL).

Basis der Zulassung ist die offene, multizentrische, einarmige Phase-I/II-Studie ZUMA-1. In der Studie erhielten 108 Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem B-Zell-NHL die Zelltherapie.

Die Wirksamkeit wurde in Phase II bei 101 Patienten mit DLBCL, PMBCL oder aus einem follikulären Lymphom entstandenen DLBCL geprüft. Die Patienten hatten bereits zwei oder mehr systemische Vortherapien erhalten.

Für die Phase-I/II-Teile der Studie liegen mittlerweile Zwei-JahresDaten vor. Von den 101 Patienten des Phase-II-Teils der Studie hatten 83 Prozent ein objektives Therapieansprechen, und bei 58 Prozent wurde eine Komplettremission beobachtet. Die mediane Dauer des Ansprechens betrug 11,1 Monate. Das progressionsfreie Überleben für alle 108 behandelten Patienten lag für die Gesamtgruppe bei median 5,9 Monaten, für Patienten mit Komplettremission war es noch nicht erreicht.

Bei 23 von den 60 Patienten, die einen Monat nach der Infusion kein vollständiges Ansprechen auf Axicabtagen-Ciloleucel gezeigt hatten, war es nach bis zu 15 Monaten doch noch zu einer Komplettremission gekommen. Das mediane Gesamtüberleben war nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 27,1 Monaten noch nicht erreicht. Nach zwei Jahren waren noch 39 Prozent der Patienten krankheitsfrei.

Dr. Bettina Bauer und Torben Zachmann von Kite / Gilead wiesen auf die „teils lebensbedrohlichen Nebenwirkungen der Therapie“ hin. „Man muss sie ernst nehmen, man muss sie in Kauf nehmen, aber man kann sie beherrschen“, sagte Zachmann weiter. Auch dafür benötige man die hoch spezialisierten Zentren.


Kategorie Grundlagenforschung: Stammzellen ohne Abstoßungsreaktion

Professor Sonja Schrepfer vom Universitären Herz- und Gefäßzentrum am UKE Hamburg erhält für die Entwicklung hypoimmunogener Stammzellen den Forschungspreis.

Fünfmal ausgezeichnet mit der Galenus-Medaille

Eine glückliche Gewinnerin: Professor Sonja Schrepfer (Mitte) nimmt den Galenus-Forschungspreis von Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, und Jury-Mitglied Professor Marianne Dieterich entgegen.

© David Vogt

Induzierte pluripotente Stammzellen (iPSC) sind eine unerschöpfliche Quelle zur zellbasierten Reparatur von Organen des Spenders. Doch der Weg von Herstellung bis Transplantation ist langwierig. Der Alternative aus vorgefertigten Zell- oder Gewebepräparaten von Fremdspendern steht das Immunsystem des Empfängers im Weg, das die Spenderzellen als fremd erkennt und Abstoßungsreaktionen verursacht. Bislang jedenfalls.

Denn Professor Sonja Schrepfer und ihr Team am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg entwickelten eine Methode, mit der iPSC die Eigenschaft verlieren, Immunantworten im Empfängerorganismus auszulösen. Dazu schalten sie die Gene des Haupthistokompatibilitätskomplexes MHC I und II ab und verstärken die Bildung des Oberflächenproteins CD47. Gelungen ist Schrepfer, die in Hamburg das „Transplant and Stem Cell Immunobiology Lab“ leitet, das in Mäusen. Doch die Aussicht ist enorm: Grundsätzlich ließen sich so allerhand Organe und Gewebe reparieren. „Bahnbrechend“ nannte denn auch Professor Marianne Dieterich von der Galenus-Jury die Arbeit. Auch von „Science Fiction“, die in wenigen Jahren Realität werden könnte, war bei der Preisverleihung die Rede.

Schrepfer jedoch nennt ihre Forschung „gar nicht so bahnbrechend, weil es schon in der Natur existiert: in der Schwangerschaft.“ Dort hat sie sich den Mechanismus abgeschaut. Ihre Arbeit sei erst durch Crispr/Cas9 möglich geworden. Der hiesigen Forschungspolitik dankte sie in Berlin deswegen, „dass an Technologien, die nach Science Fiction klingen, geglaubt wird, und dass sie gefördert werden“. (eb/ger)

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