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Nach Schlaganfall

Harnsäure hilft dem Hirn von Frauen

Mit rasch infundierter Harnsäure verdoppeln sich bei Frauen mit ischämischem Schlaganfall die Chancen auf ein Leben ohne zusätzliche Behinderungen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Behinderungen lassen sich häufig vermeiden, wenn Frauen mit Schlaganfall zur Lyse auch eine Harnsäureinfusion erhalten.

Behinderungen lassen sich häufig vermeiden, wenn Frauen mit Schlaganfall zur Lyse auch eine Harnsäureinfusion erhalten.

© britta60 / fotolia.com

BARCELONA. Nach besseren Möglichkeiten, die Folgen eines ischämischen Schlaganfalls zu mindern, wird seit Langem vergeblich gesucht.

Bisher konnte sich neben der raschen Thrombolyse per rt-PA oder der Thrombektomie kein Verfahren etablieren, das zu einer nachweisbaren Reduktion der Mortalität und Morbidität führt.

Für eine gewisse Überraschung sorgten jedoch Ergebnisse der Phase-IIb-Studie URICO-ICTUS (Efficacy Study of Combined Treatment With Uric Acid and rtPA in Acute Ischemic Stroke), die vor eineinhalb Jahren auf der internationalen Schlaganfalltagung in San Diego, USA, vorgestellt wurden.

Ein Team um Dr. Ángel Chamorro aus Barcelona hatte 411 Patienten mit frischem ischämischem Schlaganfall behandelt. Alle Patienten befanden sich im Zeitfenster für eine Lyse und erhielten diese alleine oder in Kombination mit Harnsäure.

Von dem starken Antioxidans versprachen sich die Ärzte eine Reduktion des oxidativen Stresses in den betroffenen Hirnarealen und damit eine bessere Prognose.

Signifikanzniveau verfehlt

Tatsächlich waren nach 90 Tagen 39 Prozent der Patienten mit rt-PA plus Harnsäure weitgehend ohne neue Behinderungen (mRS-Wert 0-1), aber nur 33 Prozent mit alleiniger rt-PALyse. Der relative Unterschied von 23 Prozent verfehlte jedoch knapp das Signifikanzniveau.

Auffallend war damals, dass nur Frauen von der Therapie zu profitieren schienen, nicht aber Männer. Das schreit nach einer erneuten Analyse der Daten mit Blick auf die beiden Geschlechter. Eine solche haben Ärzte um den Direktor des Schlaganfallzentrums in Barcelona nun vorgelegt.

In ihrer neuen Analyse verglichen sie gezielt den Therapieerfolg bei den 206 Frauen und 205 Männern, die an der Studie teilgenommen hatten (Stroke 2015; 46: 2162-7). 111 der Frauen und 110 der Männer hatten zusätzlich zur I. v.-Lyse noch 1000 mg Harnsäure infundiert bekommen, die übrigen Placebo.

Ein gutes Ergebnis nach 90 Tagen, definiert als mRS-Wert von 0 bis 1 oder aber 2, falls schon vor dem Schlaganfall leichte Behinderungen bestanden, erzielten bei den Frauen in der Harnsäuregruppe 42 Prozent, mit Placebo 29 Prozent.

Bei den Männern gab es dagegen nur einen minimalen Unterschied: 36 Prozent mit Harnsäure und 34 Prozent mit Placebo erreichten ein gutes Ergebnis ohne neue Behinderungen.

Nur Frauen scheinen zu profitieren

Werden einige Faktoren wie Alter und NIHSS-Wert (National Institute of Stroke Scale) berücksichtigt, dann ist nach den Berechnungen der spanischen Ärzte die Chance auf ein gutes Ergebnis bei Frauen nach Schlaganfall mit Harnsäure rund doppelt so hoch wie mit Placebo (Odds Ratio: 2,1), bei Männern gibt es dagegen keine nennenswerten Unterschiede.

In dieses Bild passt, dass die Infarktausdehnung nach 72 Stunden bei den Frauen unter Harnsäure deutlich geringer war als bei denen unter Placebo, bei den Männern gab es jedoch auch hier keine signifikanten Unterschiede.

Wie lassen sich die geschlechtsspezifischen Differenzen nun erklären? Die Forscher fanden bei den Frauen mit Schlaganfall insgesamt etwas niedrigere Harnsäurewerte, vor allem aber geringere Allantoin-Konzentrationen als bei Männern.

Allantoin entsteht, wenn Harnsäure von freien Radikalen degradiert wird. Dieser Mechanismus scheint bei Männern besser zu klappen.

Bei Frauen mit einer Harnsäuretherapie steigen jedoch nicht nur die Harnsäurewerte in den ersten sechs bis zwölf Stunden auf ähnliche oder sogar höhere Niveaus als bei Männern mit Harnsäurebehandlung; auch die Allantoinkonzentration schießt in die Höhe.

Mehr freie Radikale eingefangen

Insgesamt war bei Frauen mit Harnsäuretherapie das Verhältnis von Allantoin- zur Harnsäure-Konzentration höher als bei den entsprechend behandelten Männern. Dies mag den etwas besseren Erfolg der Therapie erklären: Es wurden bei Frauen offenbar mehr freie Radikale eingefangen.

Die Ärzte um Chamorro gehen davon aus, dass Frauen nach einem Schlaganfall mehr freie Radikale produzieren oder zumindest empfindlicher auf diese reagieren als Männer und daher eher von einer antioxidativen Therapie mit Harnsäure profitieren.

Vielleicht erklärt dies auch, weshalb Frauen ohne Harnsäuretherapie nach einem Schlaganfall eine schlechtere Prognose haben als Männer.

Die Ergebnisse müssten nun in größeren prospektiven Studien bestätigt werden. Immerhin scheint die Harnsäuretherapie nicht zu schaden: Die Rate intrakranieller Blutungen, die Sterberate und die Rate an Gichterkrankungen waren in allen Therapiegruppen nicht signifikant verschieden.

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