Radio-Kritik

Hilflose Heiler: Wenn der Arzt krank wird

Kranke Ärzte sind im Gesundheitssystem nicht vorgesehen. Streiken Körper und Psyche, verweigern Mediziner sich oft das, was sie ihren Patienten empfehlen. Ein hörenswertes Radio-Feature lässt Betroffene zu Wort kommen - und fragt, warum das Problem tabuisiert wird.

Von Florian StaeckFlorian Staeck Veröffentlicht:

NEU-ISENBURG. Ist der Krankenversicherte krank, geht er zum Arzt. Ist der Arzt krank - wohin geht er dann? Im Zweifelsfall zu keinem Arzt, sondern er oder sie arbeitet weiter, bis es nicht mehr geht. "Heilen macht krank oder der Arzt als Patient", hieß ein Radiofeature im "Deutschlandfunk" am Dienstagabend.

Beeindruckend war das 45-minütige Feature besonders in den Passagen, in denen betroffene Ärztinnen und Ärzte anonym zu Wort kamen. Da ist der Hausarzt, der morgens bis spätabends in seiner Praxis wie ein Besessener arbeitete.

Alarmsignale des Körpers wurden mit Alkohol betäubt, die Fahne mit Pfefferminzbonbons und Kaugummi vertuscht. Bis er an seinem Schreibtisch zusammenbrach.

Ärzte, so berichtet die Autorin Dorothea Brummerloh, leiden häufiger an Depressionen und Suchterkrankungen als Angehörige anderer Berufe, die Suizidrate ist doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Sie zitiert Studien, denen zufolge ein Drittel aller Assistenzärzte im ersten Berufsjahr an depressiven Störungen leidet.

"Jeder Arzt braucht einen Arzt"

Es gebe eine "goldene Regel", sagt der Chefarzt der Oberbergklinik Weserbergland, Dr. Hermann Paulus: "Jeder Arzt braucht einen Arzt". Er schlage die Hände über dem Kopf zusammen, "wenn ich sehe, in welchem Zustand Kollegen noch Patienten behandelt haben". Die Klinik hat sich auf die Behandlung von Ärzten mit Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert.

Das ist der Fall eins 35-jährigen Anästhesisten, der mit Elan in einer Klinik der Maximalversorgung seine Karriere startete. Tilidin, ein schmerzstillendes Opiat, half ihm, nach Bereitschaftsdiensten in der Nacht "herunterzufahren". Das Betäubungsmittel zweigte er bei Operationen ab, hinzu kamen Kokain, Cannabis und "Unmengen Alkohol".

Er habe nicht gesehen, "dass ich ein so großes Problem habe", wird er zitiert. Der Chefarzt Paulus skizziert den Mechanismus: Wer Burn-out hat, bekommt soziales Mitleid, wer von sich sagt, er habe Depressionen, der wird behandelt, "als wenn das ansteckend wäre", so Paulus.

Das Feature verdeutlicht in vielen Einspielungen von betroffenen Ärzten, dass die hohe Prävalenz von Depressionen und Suchterkrankungen sich nicht allein aus berufsspezifischer Sozialisation oder übersteigertem Karrieredrang erklären lässt, sondern dass vielmehr im System etwas faul ist.

Hat niemand in der Klinik die stecknadelkopfgroßen Pupillen des Anästhesisten bemerkt, fragt die Autorin. Gab es keine Fürsorgepflicht der Vorgesetzten?

Anpassung, bis es nicht mehr geht

Klinikärzte versuchten sich in Zeiten steigender Arbeitsbelastung ständig anzupassen und lebten dabei vom Prinzip Hoffnung, sagt Dr. Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer. Man gehe zehn oder zwölf Jahre "durch die Mühlen", um schließlich Oberarzt oder Chefarzt zu werden: "Diese Hoffnung hält viele aufrecht."

Nach einer mehr als 20 Jahre dauernden Phase der "Kommerzialisierung brauchen wir jetzt eine Phase der Humanisierung des Gesundheitswesens: Es sind nämlich Menschen im System und beileibe nicht nur auf der Seite der Patienten", so Jonitz.

Ob in Klinik oder Praxis: Sollen Ärzte langfristig gesund bleiben, dann müssen, so die Autorin, "Arbeitsaufwand und Bezahlung, Zeit für die Patienten und Verwaltungsaufwand ins Gleichgewicht gebracht werden".

Hoffnung auf Besserung sieht Rudolf Henke, Vorsitzender des Marburger Bundes, bei der jungen Ärztegeneration, gerne als "Generation Y" bezeichnet. Diese jungen Mediziner schauten sich die (schlechten) Arbeitsverhältnisse in Kliniken nur ein halbes Jahr lang an und wechselten dann den Job. Klinikträger, die diese Entwicklung nicht zur Kenntnis nähmen, "werden im Wettbewerb zwischen Krankenhäusern erbarmungslos abgestraft", so Henke.

Das Radio-Feature ist auf der Webseite des Deutschlandfunks noch einige Tage abrufbar, ebenso eine pdf-Datei mit dem Textmanuskript: http://tinyurl.com/op4n2lh

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