Aktuelle Studiendaten
Immunprophylaxe mit inaktivierten Erregern
Orale Langzeitantibiosen bei rezidivierenden Harnwegsinfekten bergen Risiken und gehen oft mit unzureichender Compliance einher. Sie sind der parenteralen Immunprophylaxe nicht überlegen, langfristig sogar unterlegen.
Veröffentlicht:Immunprophylaxe mit inaktivierten Erregern
Aktuelle Ergebnisse einer unverblindeten, nicht randomisierten Studie bei 173 Patientinnen mit rezidivierenden HWI verdeutlichen die Effektivität einer Impfung mit einem Immunprophylaktikum, das die häufigsten Erreger von rezidivierenden HWI in inaktivierter Form enthält (StroVac®) [5]. Die Patientinnen erhielten entweder drei intramuskuläre Injektionen des Immuntherapeutikums im Abstand von jeweils einer Woche (Gruppe A, n = 124) oder eine Langzeitantibiose mit täglich 100 mg Nitrofurantoin über drei Monate (Gruppe B, n = 49). Innerhalb der Therapiearme A und B wurde unterschieden zwischen einer Subgruppe mit ausschließlich unkomplizierten HWI (ohne Risiko) und der Gesamtgruppe, die auch komplizierte HWI (mit Risiko) einschließt. Die Patientinnen der Gruppe A konnten zwölf Monate nach der Grundimmunisierung eine Booster-Impfung erhalten. Der Beobachtungszeitraum betrug zwei Jahre.
Die Patientinnen konnten zu Studienbeginn frei eine der beiden Therapien wählen. Auffällig war, dass sich deutlich mehr Patientinnen für das Immuntherapeutikum entschieden, so Nestler. Die meisten dieser Patientinnen hatten bereits schlechte Erfahrungen mit Antibiotika gemacht und berichteten z. B. über Diarrhoe oder auch vaginale Pilzinfektionen.
Deutlich verringerte Rezidivrate
In der Studie lag der Therapieerfolg, definiert als maximal eine HWI in zwölf Monaten, im ersten Behandlungsjahr in beiden Therapiearmen A und B auf annähernd gleichem Niveau. Die Hälfte der Patientinnen hatte keine HWI im ersten Jahr und jede dritte nur eine HWI. Im zweiten Jahr lag die Erfolgsrate in Gruppe A um 42 Prozent höher als in Gruppe B (87,9 versus 61,50 Prozent für die Subgruppe ohne Risikofaktoren, p = 0,03; s. Abb.). Das Immuntherapeutikum führte somit zu einer anhaltenden Verringerung der Rezidivrate. Nach einem Jahr erhielten 77 Patientinnen eine Booster-Impfung, die bei 91 Prozent erfolgreich war.
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Auch ökonomisch betrachtet ist die Impfung von Vorteil, gehen die geringeren Infektionen doch mit deutlich weniger Arbeitsausfallzeiten einher, so Nestler.
In der Studie kam es bei 15 Prozent der Patientinnen nach der Injektion zu vorübergehenden lokalen Schwellungen an der Injektionsstelle, unter Nitrofurantoin traten bei 29 Prozent Diarrhoe und Bauchschmerzen auf.
Impfung: Vorteil hohe Compliance
In mehreren Studien wurde die Compliance der Patientinnen und Patienten in Bezug auf die orale Langzeitprophylaxe mit Antibiotika untersucht [10–12]. Erstaunlich war: Obwohl die Betroffenen regelmäßig in die Sprechstunde kamen, hatten im Durchschnitt nur 34 Prozent die Medikation immer eingenommen, 5 bis 21 Prozent nahmen sie nie ein. Die Hälfte aller Durchbruchinfektionen unter prophylaktischer Langzeitantibiose resultierte aus mangelnder Compliance und zeigt, dass diese Form der Prophylaxe nicht funktioniert, erläuterte Vahlensieck.
„Wir brauchen ein Präparat, das auch tatsächlich angewendet wird,“ forderte Nestler. Drei Impfungen akzeptieren die Patientinnen. „Wir impfen in der Praxis an den Tagen 1, 8 und 15 und sind nach zwei Wochen fertig mit der Therapie. Nach einem Jahr erfolgt eine Booster-Impfung.“ Die Compliance ist sehr gut, die Nebenwirkungen sind gering. Die Langzeitantibiose sei heutzutage nicht mehr der primäre Schritt in der Therapie oder Prophylaxe von rezidivierenden HWI, gab Nestler zu bedenken. Das parenterale Immuntherapeutikum ist das einzige zur Verfügung stehende nicht orale Mittel zur Prophylaxe in Deutschland.
Noch keine Kassenleistung
Die aktuellen S3-Leitlinien zu HWI [4] liegen den Krankenkassen vor. Dennoch werden von den Kassen aktuell nur die Kosten für Antibiotika übernommen, so Vahlensieck, alle anderen Empfehlungen der Leitlinien werden nicht erstattet.
Die Kosten für alle drei Impfungen betragen in Summe etwa 150 Euro (108 Euro für die Impfstoffe plus etwa 40 Euro für die ärztliche Leistung). Wenn man die Kosten den Patientinnen erläutert und die Vorteile der Impfung richtig darstellt, dann sollte eine Ausgabe von 150 Euro, was über ein Jahr gesehen Tagestherapiekosten von nur ca. 40 Cent bedeutet, für die Betroffenen nicht der entscheidende Punkt sein, sagte Vahlensieck.
Aktivierung des Immunsystems
Schutz aufgrund breiter Erregerabdeckung
Die Injektionssuspension StroVac enthält inaktivierte Stämme von Escherichia coli, Morganella morganii, Proteus mirabilis, Klebsiella pneumoniae und Enterococcus faecalis [13]. Das Präparat deckt damit einen großen Teil der Keime ab, die Harnwegsinfektionen verursachen. Diese sind Escherichia coli (77 Prozent), Proteus mirabilis (5 Prozent), Klebsiella pneumoniae (3 Prozent), Enteroccocus faecalis (3 Prozent) und Staphylococcus saprophyticus (3 Prozent) [4].
Der Wirkmechanismus ist bislang nicht ganz geklärt. Jedoch kommt es zu einem Anstieg des sekretorischen Immunglobulins A (sIgA) im Urin, einem unspezifischen IgG-Anstieg im Serum und Urin und zu einer Aktivierung von Makrophagen. sIgA reduziert die Bindung von bakteriellen Adhäsinen an die Wirtszellrezeptoren, hemmt die Haftungsfähigkeit sowie die Motilität der Bakterien und erleichtert so den Zugriff durch Phagozyten. Diese immunologischen Effekte gehen einher mit klinischen Erfolgen.
[4] Interdisziplinäre S3-Leitlinie zu ambulant erworbenen Harnwegsinfektionen, AWMF 043/44, Stand: 04/2017
[5] Nestler S et al., Int Urol Nephrol 2021, 53: 2267–2272
[10] Westenfelder M et al., Infection 1987, 15: 20–24
[11] Westenfelder M et al., Aktuel Urol 1987, 18 (Suppl): 6–9
[12] Vahlensieck W, Westenfelder M, Int Urol Nephrol 1992, 24: 3–10
[13] Fachinformation StroVac®, aktueller Stand
Impressum
Expertengespräch
„Rezidivierende Harnwegsinfekte“
Wiesbaden 19.5.2022.
Diese Veranstaltung erfolgte in Kooperation mit Springer Medizin und Dermapharm.
Bericht: Dr. Henrike Ottenjann, München
Artikel gedruckt in: Ärzte Zeitung Nr. 53, 20. Juli 2022
Mit freundlicher Unterstützung der Dermapharm AG, Grünwald
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