Ein Jahr Ebola-Krise

Kein schnelles Ende in Sicht

In vielen von Ebola betroffenen Ländern sind kaum Fortschritte erkennbar. Experten erwarten auch nicht, dass sich das im neuen Jahr so schnell ändern wird.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Schild vor einem Haus im West Point-Slum in Monrovia (Liberia).

Schild vor einem Haus im West Point-Slum in Monrovia (Liberia).

© Ahmed Jallanzo / epa / dpa

NEU-ISENBURG. Es ist still geworden um die Epidemie, die vor einem Jahr in dem kleinen Dorf Meliandou im Südosten von Guinea begann und lange Zeit unbemerkt blieb - zu lange, um sie später noch aufzuhalten.

Doch die Ruhe ist trügerisch und vielleicht sogar gefährlich: Denn die wirksamste Waffe gegen Ebola ist noch immer das Wissen um die Existenz und die Verbreitungswege des Erregers.

Dieses Wissen bahnt sich nur mühsam seinen Weg durch die betroffenen Gebiete, und nur langsam kommt auch die Hilfe voran. Doch immerhin zeigen die internationalen Bemühungen zur Eindämmung von Ebola jetzt deutliche Erfolge.

Vergessen wir Ebola, stehen diese Erfolge auf dem Spiel.

Epidemie ist noch lange nicht gestoppt

Der Weg des Ebola-Virus

Die Ebola-Epidemie in Westafrika sorgt für Tausende infizierte Menschen - und Tausende Tote. Der Ausbruch geht auf ein zweijähriges Mädchen zurück. Zur Chronologie des Ausbruchs.

Wie prekär die Lage in den drei betroffenen westafrikanischen Ländern noch immer ist, lässt sich an den aktuellen Zahlen der WHO ablesen: Sie erfasste bis zum 14. Dezember 18.600 Erkrankte und knapp 7000 Tote.

Damit sind die schlimmsten Horrorszenarien bisher zwar ausgeblieben, aber die Epidemie ist noch lange nicht gestoppt.

Die derzeit wohl beste Nachricht ist mathematischer Natur: Die Erkrankungszahlen nehmen linear statt exponentiell zu, in den vergangenen drei Wochen sind nur noch 1700 Infizierte hinzugekommen.

Die Chancen, Ebola in den Griff zu bekommen, sind damit deutlich gestiegen.

Vor allem im bislang am schwersten betroffenen Land Liberia ist das Virus auf dem Rückzug. Dort haben die Behörden in den vergangenen drei Wochen nur noch 185 Neuinfektionen registriert.

Der Höhepunkt der Epidemie wurde offenbar im September erreicht, seither sinken die Infektionszahlen. In den Provinzen Lofa und Montserrado mit der Hauptstadt Monrovia kommt es zu immer weniger Neuerkrankungen - hier lag der Schwerpunkt der EbolaEpidemie.

70 Prozent der Erkrankten werden nun isoliert

Die Hauptgründe für den Rückgang sind nach Auffassung der WHO und der US-Seuchenbehörde CDC die zahlreichen neuen Ebola-Behandlungszentren sowie die Schutzvorschriften bei Beerdigungen.

Anfang November standen in Liberia immerhin etwa 700 Betten für Ebolakranke zur Verfügung, Ende November wurden bereits in allen drei betroffenen Ländern mehr als 70 Prozent der Ebolakranken in Isolation behandelt, mehr als 70 Prozent der Ebolatoten konnten von speziell ausgebildeten Teams beerdigt werden.

Damit waren Anfang Dezember zwei wichtige Ziele im Kampf gegen das Virus erreicht: Wenn die meisten der Erkrankten und Toten niemanden mehr anstecken können, sollte die Epidemie in sich zusammenbrechen.

Genau das ist inzwischen auch in vielen Regionen passiert. Aber die Angaben sind Durchschnittswerte, sie werden nicht überall erreicht.

Und hier liegt ein gravierendes Problem: Währen die größten Brandherde weitgehend gelöscht sind, frisst sich das Virus durch bisher nicht oder kaum betroffene und oft abgelegene Regionen: Hier flammen immer wieder neue Infektionsherde auf.

Und diese könnten, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, erneut zu großflächigen Bränden eskalieren.

Ein solches Szenario lässt sich derzeit in Sierra Leone beobachten. Drei von vier Neuinfektionen der vergangenen drei Wochen stammen aus diesem Land, das inzwischen die meisten Ebolakranken aufweist.

Mit über 400 Fällen pro Woche ist der Höhepunkt der Epidemie hier womöglich noch nicht erreicht. Selbst in der Hauptstadt Freetown werden jede Woche noch zwischen 100 und 200 neue Ebolafälle registriert.

Die WHO verstärkt daher ihre Aktivitäten in den stark betroffenen Gebieten des Landes und hat die Operation "Western Area Surge" ausgerufen: Neue Behandlungszentren, die Schulung von Mitarbeitern im Gesundheitswesen und ein epidemiologischer Crash-Kurs für Behörden sollen der Epidemie Einhalt gebieten.

Hilfe reicht bei weitem nicht

Wenig Fortschritte bei der Eindämmung gibt es bislang auch in Guinea. Dort hat der Ausbruch zwar nie das Ausmaß wie in den beiden Nachbarländern erreicht, doch die Zahl der Neuinfektionen fluktuiert seit August zwischen 75 und 150 pro Woche - ohne erkennbaren Auf- oder Abwärtstrend.

Unterm Strich deutet sich also vor allem in Liberia eine Entspannung an, nicht aber in Guinea und Sierra Leone. CDC-Direktor Tom Frieden warnte daher vor Kurzem in einem Statement davor, bei den Anstrengungen im Kampf gegen die Epidemie nachzulassen.

"Wir können damit nicht aufhören, bis wir die letzte Übertragungskette unterbrochen haben."

Vor allem solle man sich von zurückgehenden Infektionszahlen nicht täuschen lassen - das Virus breitet sich wellenartig aus, immer wieder sind Phasen mit wenigen Neuinfektionen zu beobachten, auf die ein neuer, gewaltiger Schub folgt.

Großteil der Hilfsmittel noch nicht eingetroffen

Experten rechnen daher nicht mit einem schnellen Ende der Epidemie in Westafrika. Wann sich der letzte Mensch mit dem Virus infiziert und wie viele noch erkranken, hängt auch davon ab, wie schnell die internationale Hilfe greift.

Noch immer ist ein Großteil der zugesagten Gelder und Hilfsmittel nicht eingetroffen, noch immer mangelt es an Behandlungs- und Isolierstationen.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon appellierte daher vor Kurzem bei einem Treffen in Washington, im Kampf gegen die Seuche noch einen Zahn zuzulegen.

"Falls wir unser Engagement verstärken, können wir den Ausbruch bis Mitte nächsten Jahres beenden." Allerdings müsste die internationale Gemeinschaft dafür die Zahl der Ärzteteams, freiwilligen Helfer und Isolierstationen im Krisengebiet verfünffachen.

Ebola, so viel ist sicher, wird uns auch im kommenden Jahr noch viel beschäftigen.

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