Multiple Sklerose

Keine Schübe mehr? Therapiestopp keine gute Idee

Bleiben Patienten unter einer MS-Basistherapie mehrere Jahre schubfrei, sollten sie die Medikation trotzdem nicht absetzen - denn dies kann schwerwiegende Folgen haben.

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Auch wenn über Jahre hinweg keine Schübe auftreten - MS-Patienten sollten auf die Einnahme ihrer Medikamente achten.

Auch wenn über Jahre hinweg keine Schübe auftreten - MS-Patienten sollten auf die Einnahme ihrer Medikamente achten.

© DOC RABE Media / Fotolia.com

BARCELONA. In den vergangenen Jahren wurden bei MS-Patienten immer geringere Schubraten beobachtet. Gründe sind vermutlich eine frühere Diagnose und ein früherer Therapiestart, zudem stehen immer wirksamere Medikamente zur Verfügung.

Für immer mehr Patienten stellt sich daher die Frage, ob sie die Medikation nicht wieder absetzen sollten, wenn sie über Jahre hinweg keine Schübe mehr haben.

In der Tat gebe es bislang wenig Belege, dass eine immunmodulatorische Behandlung bei denjenigen Patienten viel nützt, die über Jahre hinweg keine Krankheitsaktivität mehr zeigen, so Dr. Ilya Kister von der New York School of Medicine.

Günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis

Vor allem bei älteren Patienten, die generell eine niedrige Schubrate haben, sei fraglich, ob Immunmodulatoren noch ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis hätten, schließlich würden solche Patienten von den meisten klinischen Studien ausgeschlossen.

Auf der anderen Seite sei das Risiko für ein Wiederaufflammen der Krankheit bei denjenigen Patienten besonders groß, die vor der Therapie viele Schübe hatten und auch noch während der Behandlung eine gewisse Krankheitsaktivität zeigen, sagte Kister auf dem MS-Kongress ECTRIMS in Barcelona.

Da es bislang keine großen randomisiert-kontrollierten Studien zum Absetzen der MS-Basismedikation gibt, hat ein Team um Kister Daten des MSBase-Registers ausgewertet.

Sie suchten darin gezielt nach Patienten, die von sich aus die MS-Therapie beendet hatten, nachdem sie unter der Medikation mindestens fünf Jahre lang schubfrei gewesen waren.

Patienten, die aufgrund einer Schwangerschaft die Medikation abgesetzt hatten, wurden von der Analyse ausgeschlossen. Alle Patienten waren mit Beta-Interferonen oder Glatirameracetat über mindestens drei Jahre hinweg behandelt worden.

Neue Schübe bei über einem Drittel

Die US-Neurologen fanden insgesamt 426 MS-Kranke, die diese Kriterien erfüllten. Ihnen stellten sie die doppelte Anzahl von Patienten gegenüber, die ebenfalls seit mindestens fünf Jahren schubfrei waren, aber bei ihrer Behandlung blieben.

Sie achteten ferner darauf, dass es beim Alter, bei der Krankheitsdauer, dem EDSS-Wert und dem Geschlechterverhältnis keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen gab. Im Schnitt waren die Patienten 44 Jahre alt und seit knapp 14 Jahren erkrankt, rund 70 Prozent waren Frauen.

Wie sich herausstellte, entwickelte etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) in beiden Gruppen im Laufe der folgenden fünf Jahre neue Schübe. Insgesamt offenbarten sich zu keinem Zeitpunkt deutliche Unterschiede bei der Schubrate zwischen den Patienten, die ihre Medikation abgesetzt hatten, und denen, die dabei blieben.

ignifikante Differenzen konnten die Neurologen um Kister jedoch bei der Behinderungsprogression beobachten: Bei 31 Prozent kam es innerhalb von fünf Jahren nach dem Absetzen der Medikation zu einer Progression, die über mindestens drei Monate anhielt.

Bei den MS-Kranken mit fortgesetzter Therapie war der Anteil nur etwa halb so hoch. Nach zehn Jahren wurde bei rund der Hälfte der Therapiestopper eine Krankheitsprogression festgestellt, rund ein Viertel war es bei den Patienten mit fortgesetzter Therapie.

Die Hälfte der Abbrecher unternimmt einen zweiten Therapieversuch

Allerdings zeigte sich auch - wie vermutet - eine reduzierte Wirksamkeit der Immunmodulatoren bei älteren Patienten und solchen mit hohen EDSS-Werten: Bei ihnen war die Schubrate insgesamt niedriger, und solche Patienten begannen auch seltener nach dem Absetzen erneut eine Basistherapie als jüngere und weniger behinderte Patienten.

Insgesamt fing fast die Hälfte der Therapieabbrecher (48 Prozent) nach einiger Zeit wieder neu mit einer Basistherapie an, im Mittel nach 2,2 Jahren.

Da es sich um keine randomisiert-kontrollierte Studie handelte, müssen die Ergebnisse jedoch mit Vorsicht interpretiert werden. So ist bekannt, dass die Compliance bei den älteren injizierbaren Basistherapien nach einiger Zeit deutlich nachlässt, vor allem dann, wenn keine spürbare Krankheitsaktivität mehr vorliegt.

Es kann also sein, dass auch in der Gruppe mit fortgeführter Therapie nur wenige Patienten tatsächlich regelmäßig ihre Medikation injizierten. Dies würde die fehlenden Unterschiede bei den Schubraten erklären.

Progressionsrisiko im Blick

Auf der anderen Seite ist auch denkbar, dass vor allem solche Patienten die Medikation absetzen, die - aus welchen Gründen auch immer - ein geringeres Progressionsrisiko haben. Aus solchen Gründen müssten die Ergebnisse in kontrollierten Interventionsstudien bestätigt werden, so Kister.

Immerhin: Nach den wenigen bislang vorliegenden Daten scheint es mit Blick auf das Progressionsrisiko jedenfalls keine gute Idee zu sein, die MS-Medikation nach einigen schubfreien Jahren wieder abzusetzen. (mut)

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