Zwillingsstudie

Keine erhöhte Krebsgefahr für Diabetiker

Diabetiker im mittleren Lebensalter haben insgesamt kein erhöhtes Krebsrisiko. Rachen-, Dünndarm- und Lebertumoren treten bei ihnen im Alter aber deutlich häufiger auf. Dafür kommen Prostatakarzinome seltener vor.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Krebszellen: Eine Studie mit Zwillingen ergab, dass Männer mit Diabetes signifikant seltener an Tumoren erkrankten als Nichtdiabetiker dies taten.

Krebszellen: Eine Studie mit Zwillingen ergab, dass Männer mit Diabetes signifikant seltener an Tumoren erkrankten als Nichtdiabetiker dies taten.

© krishnacreations / stock.adobe.com

TIANJIN. Immer wieder finden Populations- und Beobachtungsstudien eine erhöhte Krebsrate unter Diabetikern. Relativ konsistent wird dabei eine erhöhte Leberkrebsrate beobachtet.

Bei anderen Tumoren sind die Daten recht widersprüchlich. Eine Metaanalyse von 45 Studien ergab für Diabetiker eine um 14 Prozent reduzierte Rate von Prostatatumoren.

Andererseits scheinen Diabetiker nach Resultaten einiger Untersuchungen vermehrt an Tumoren der Brust, des Endometriums, der Niere und der Blase sowie des Mund-Rachen-Raums zu erkranken, jedoch konnte dies nur ein Teil der Studien bestätigen.

Möglicherweise liegt das an unterschiedlichen Populationen, am divergierenden Alter der Teilnehmer oder verschiedene Nachbeobachtungszeiten.

Ein Teil solcher Probleme lässt sich mit Zwillingsstudien vermeiden. Zwillinge haben einen sehr ähnlichen genetischen Hintergrund und sind in ihrer Kindheit meist den gleichen Umwelteinflüssen ausgesetzt. Daher ist das schwedische Zwillingsregister immer wieder eine gern genutzte Adresse für epidemiologische Betrachtungen.

18 Prozent weniger Tumoren bei Männern mit Diabetes

Forscher um Cuiping Bao von der Universität in Tianjin haben sich die Registerdaten nun zunutze gemacht, um das Krebsrisiko von Diabetikern besser zu verstehen. Genau genommen wollten sie schauen, welche Tumoren bei Personen mit einer Diabetesdiagnose im mittleren Lebensalter (vor dem 65. Lebensjahr) gehäuft im Alter (nach dem 65. Lebensjahr) auftreten (Int J Cancer 2018; online 8. März.).

Zu diesem Zweck analysierten sie Angaben der "Screening Across the Lifespan Twin Study (SALT)". Für das Projekt waren zwischen 1998 und 2002 alle noch lebenden Zwillinge des Registers, die vor 1959 zur Welt gekommen waren, telefonisch interviewt worden.

Von knapp 45.000 Zwillingen aus dieser Kohorte stellten sich 25.100 für ein umfangreiches Gespräch zu Verfügung. Diabetesdiagnosen wurden anhand von Patientenregistern verifiziert. 22 Prozent der Teilnehmer waren eineiige Zwillinge.

Die Forscher um Bao schauten nun anhand von Registerdaten, wie viele der Teilnehmer bis zum Jahr 2014 im Alter an einem Tumor erkrankt waren.

Von den Teilnehmern hatten zum Zeitpunkt der Befragung 7 Prozent einen Diabetes im mittleren Lebensalter entwickelt. Bei rund 21 Prozent aller Befragten wurde anschließend ein Tumor im späteren Alter festgestellt. Diabetiker waren etwas häufiger männlich und dicker, zudem rauchten und tranken sie mehr als Nichtdiabetiker.

Männer mit Diabetes erkrankten signifikant seltener als Nichtdiabetiker

Wurden solche Angaben berücksichtigt, zeigte sich unter den Diabetikern im mittleren Alter keine erhöhte Krebsrate im Alter – die Rate war sogar um nichtsignifikante 7 Prozent reduziert.

Männer mit Diabetes erkrankten signifikant seltener an Tumoren als Nichtdiabetiker (minus 18 Prozent). Dies ließ sich vor allem auf die reduzierte Rate von Prostatakarzinomen zurückführen, sie war um 52 Prozent geringer.

Einzelne Tumoren traten bei Diabetikern insgesamt jedoch signifikant häufiger auf. Dazu zählten Pharyngealtumoren, Dünndarmtumoren sowie Lebertumoren – diese wurden jeweils 10,6-fach, 5,8-fach und 2,4-fach häufiger diagnostiziert.

Männer mit Diabetes litten rund 15-fach häufiger an Pharyngealtumoren als Nichtdiabetiker, Lebertumoren traten rund vierfach häufiger auf. Unter Frauen mit Diabetes ergab sich für keine der 27 analysierten Tumorentitäten eine signifikant erhöhte Rate, was auch an den geringen Fallzahlen liegen könnte.

Insgesamt deutete sich jedoch ein Dosiseffekt an: Je früher der Diabetes auftrat, umso höher die Krebsrate im Alter.

Bis zu 90 Prozent weniger Prostatatumoren

Eine Analyse der einzelnen Zwillingspaare war aufgrund der geringen Fallzahlen nur für Prostatakarzinome möglich. Hier bestätigte sich der Zusammenhang: Zwillinge mit Diabetes erkrankten sogar zu 90 Prozent seltener an einem Prostatatumor als ihre nichtdiabetischen Geschwister, was in diesem Fall gegen einen nennenswerten genetischen Zusammenhang spricht.

Als mögliche Erklärung sehen Bao und Mitarbeiter den niedrigen Testosteronspiegel bei Diabetikern, zudem könnten Diabetesmedikamente das Wachstum von Tumorzellen in der Prostata hemmen.

Was lässt sich nun aus der Untersuchung folgern? Glaubt man den Daten, müssen sich Diabetiker insgesamt keine Sorgen über ein erhöhtes Krebsrisiko machen, Männer profitieren sogar von einer reduzierten Prostatakrebsgefahr.

Ein recht schwaches Warnsignal ergibt sich allenfalls für die Diabetesdauer und das Krebsrisiko. Dieses müsste jedoch in größeren Studien überprüft werden. Bei Männern fällt das hohe Pharyngeal- und Leberkrebsrisiko auf, allerdings sind die Fallzahlen hier sehr gering.

Mehr zum Thema

Diabetes mellitus & E-Health

Insulintherapie mit Automaten – Warum dauert es so lange?

Extreme Gewichtsreduktion

Diabetesremission durch Diät kann auch Hochdruck heilen

Hormonelle Schwankungen

VDBD mahnt spezifische Beratung für Frauen mit Diabetes an

Das könnte Sie auch interessieren
GLP-1-RA: mehr Dosierungen für mehr Therapiemöglichkeiten

Typ-2-Diabetes

GLP-1-RA: mehr Dosierungen für mehr Therapiemöglichkeiten

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Ab sofort: zusätzliche Blutzuckerkontrolle durch Dosissteigerungen

Dulaglutid bei Typ-2-Diabetes

Ab sofort: zusätzliche Blutzuckerkontrolle durch Dosissteigerungen

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Management tumorassoziierter VTE

CME-Fortbildung

Management tumorassoziierter VTE

Anzeige | Leo Pharma GmbH
CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

Empfehlungen

CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

Anzeige | Leo Pharma GmbH
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Nachmittags: das schnelle Telegramm. Am Morgen: Ihr individuell zusammengestellter Themenmix.

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Krisenmanagement in der Corona-Pandemie mit einem hochkarätig besetztem Podium: Ursula von der Leyen, Helge Braun, Christian Drosten, Jens Spahn, Alena Buyx und HSK-Präsident Karl Max Einhäupl.

Startschuss

Hauptstadtkongress – die Eröffnung im Live-Stream

Rosa Sparschwein steht auf Eisscholle: Bröckelndes Eis: Wie lässt sich das drohende Defizit bei den Kassenfinanzen auffangen? Es braucht Ideen neben einer Anhebung der Zusatzbeiträge.

Studie

Krankenkassenfinanzen steuern auf Rekorddefizit zu