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Leitartikel zur Grippeschutzimpfung

Kinder impfen, um Alte zu schützen?

Die Briten wollen künftig alle Kinder ab zwei Jahren gegen Influenza impfen. Damit sollen vor allem Risikogruppen vor schweren Krankheitsverläufen bewahrt werden. In Deutschland hält die STIKO solche Empfehlungen bisher nicht für nötig.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Das nasale Grippe-Impfspray könnte die Akzeptanz der saisonalen Impfung verbessern.

Das nasale Grippe-Impfspray könnte die Akzeptanz der saisonalen Impfung verbessern.

© dpa

Es ist eine kostspielige Maßnahme, aber die Gesundheitsexperten des britischen Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) gehen davon aus, dass sie sich rechnen wird: Spätestens ab 2015 soll allen 2- bis 17-Jährigen jährlich die nasale Influenzaimpfung angeboten werden.

Dieses Jahr wird - aus logistischen Gründen - erst einmal mit den zwei- und dreijährigen Kindern begonnen.

Ansonsten gesunde Kinder über zwei Jahren sind im Fall einer Influenzainfektion zwar nicht besonders komplikationsgefährdet, aber sie sind besonders gefährlich für andere, vor allem für Patienten mit Risikofaktoren.

Kinder sind nämlich wahre Virusschleudern. Weil sie im Kindergarten oder im Klassenzimmer mit vielen anderen Kindern engen Kontakt haben und es mit den Hygieneregeln oft nicht so genau nehmen, fördern sie den Austausch von Viren, die sie dann in die Familien tragen.

Werden gesunde Kinder geimpft, senkt man daher auch die Ansteckungsgefahr für andere.

Risikogruppen hätten den größten Nutzen

"Der größte Nutzen (des neuen Impfprogramms) wird in dem Schutz für Säuglinge, ältere Menschen und Risikogruppen wie Asthma-, MS- oder Herzpatienten bestehen", so ein Sprecher des JCVI.

Selbst wenn nur 30 Prozent der Kinder die Impfung erhalten würden, könnten damit nach Einschätzung des JCVI rund 2000 Todesfälle pro Jahr verhindert werden.

Auf Bevölkerungsebene gilt die Impfung von Schulkindern als erfolgversprechender als die von älteren Menschen: Einer Modellrechnung zufolge lassen sich mit einer Impfrate von 20 Prozent bei den 5- bis 18-Jährigen mehr influenzabedingte Todesfälle bei über 65-Jährigen verhindern als mit einer Impfquote von über 90 Prozent bei den Senioren (Science 2006; 311: 615).

Programme schon in USA, Kanada und Finnland

Die Briten stehen mit ihrem Impfprogramm nicht alleine. In den USA besteht schon länger eine generelle Impfempfehlung, und zwar bereits ab sechs Monaten. Gleiches gilt für Kanada.

In Europa wird eine allgemeine Grippeimpfung für Kinder zum Beispiel in Finnland bereits praktiziert, die Belgier haben gerade entsprechende Pläne bekannt gegeben.

Auch die Sächsische Impfkommission empfiehlt seit 2010 die Grippeschutzimpfung für alle ab dem vollendeten sechsten Lebensmonat.

Die WHO hat ebenfalls 2012 in einem Positionspapier vorgeschlagen, bei Vorhandensein entsprechender Ressourcen die Grippeimpfung auf Kinder zwischen sechs Monaten und 5 Jahren auszudehnen.

STIKO hält an geltenden Empfehlungen fest

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hält dagegen an den geltenden Empfehlungen zur saisonalen Grippeimpfung fest. Danach sollen lediglich Kinder und Jugendliche mit einer chronischen Erkrankung geimpft werden, und zwar bei Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren vorzugsweise mit dem nasalen Impfstoff.

Eine explizite Empfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche wird nicht ausgesprochen, weil "die Erkrankung hier in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen verläuft", so die STIKO.

Dabei gibt es durchaus Argumente, die Zielgruppen für die Grippeimpfung auch in Deutschland zu erweitern: Die Impfquoten bei Älteren und chronisch Kranken sind nämlich durchweg zu niedrig.

Von der Rate von 75 Prozent, die die WHO empfiehlt, ist man weit entfernt. Und selbst mit einer Grippeimpfung wird bei kranken älteren Menschen oft nur ein Schutz von 30 bis 50 Prozent erzielt.

Diese Risikogruppen für eine Influenzainfektion könnten deswegen von einer Verbesserung der Herdenimmunität deutlich profitieren. Warum also nicht alle Kinder impfen?

Zunächst einmal, weil die generelle Impfung von Kindern unter diesem Aspekt auch ein ethisches Problem aufwirft. Die Kinder sollen ja vornehmlich nicht zum eigenen, sondern zum Wohle anderer geimpft werden- und werden dafür den potenziellen Nebenwirkungen einer Grippeimpfung ausgesetzt.

Zu berücksichtigen ist besonders die Akzeptanz

Die sind zwar meistens harmlos, in sehr seltenen Fällen wurde aber auch ein Guillain-Barré-Syndrom beobachtet.

Wie gut die jährliche Impfung von den Eltern akzeptiert würde, ist daher fraglich. Und eben daran knüpft sich ein weiteres ernst zu nehmendes Problem: Nicht wenige Eltern haben ohnehin das Gefühl, dass ihren Kindern schon zu viele Impfungen zugemutet werden.

 Eine zusätzliche jährliche Impfung könnte ihre Abneigung verstärken. Wenn dies zur Folge hätte, dass so wichtige Schutzimpfungen wie die gegen Masern unterbleiben, dann hätte die Grippeimpfung für alle Kinder einen hohen Preis.

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