Psychiatrie

Kinder tragen ADHS nur selten ins Erwachsenenalter

Wer als Kind ein ADHS bekommt, ist es als Erwachsener meist wieder los. Umgekehrt hatten die meisten betroffenen Erwachsenen als Kind noch keine ADHS-Diagnose.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Hausaufgaben: Nur eines der Problemfelder für Kinder mit ADHS.

Hausaufgaben: Nur eines der Problemfelder für Kinder mit ADHS.

© Tatyana Gladskih / stock.adobe.com

WIESBADEN. Die Rechnung ist recht simpel: Im Erwachsenenalter ist die ADHS-Prävalenz mit 2–3 Prozent nur halb so hoch wie bei Kindern und Jugendlichen mit 5–6 Prozent. Daraus haben viele Experten in der Vergangenheit den Schluss gezogen, dass bei rund der Hälfte der Kinder mit ADHS die Krankheit bis ins Erwachsenenalter persistiert.

Neuere Untersuchungen legen jedoch einen anderen Zusammenhang nahe: Erwachsene und Kinder mit ADHS sind in der Regel völlig unterschiedliche Personen. Bei Erwachsenen mit ADHS ist die Erkrankung zumeist sehr spät aufgetreten, hat Professor Paul Plener vom Universitätsklinikum Ulm beim Psychiatrie Update berichtete. Umgekehrt wird die Krankheit bei betroffenen Kindern kaum noch beobachtet, sobald sie ihre Jugend hinter sich haben.

Kaum Überlappung

Plener verwies auf eine Langzeitstudie, in der 1037 Einwohner des Ortes Dunedin in Neuseeland von der Geburt bis zum 38. Lebensjahr untersucht worden waren. Dabei zeigte sich: Mit einer Prävalenz von 6 Prozent wurde ein ADHS im Kindes- und Jugendalter doppelt so häufig beobachtet wie im Erwachsenenalter (3 Prozent). Schauten sich die Forscher der Studie jedoch die einzelnen ADHS-Kranken genauer an, fanden sie kaum eine Überlappung: 90 Prozent der Erwachsenen mit ADHS waren als Kind noch nicht erkrankt, umgekehrt hatten nur 5 Prozent derjenigen mit ADHS im Kindes- und Jugendalter die Erkrankung auch als 38-Jährige. Das Erwachsenen-ADHS war hier sehr häufig mit Suchtmittelmissbrauch und anderen psychischen Störungen assoziiert.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen die Autoren einer brasilianischen Untersuchung. Sie beziehen sich auf eine Geburtskohorte in der Stadt Pelotas. Von über 5200 Personen hatten im Alter von elf Jahren 9 Prozent eine ADHS-Diagnose erhalten, 12 Prozent waren es mit 18–19 Jahren. Wurden jedoch Begleiterkrankungen berücksichtigt, die mit ADHS-Symptomen verbunden sind, reduzierte sich der Anteil auf 6 Prozent. Und nur 17 Prozent derjenigen, die eine ADHS im Kindesalter entwickelt hatten, trugen die Erkrankung auch als Erwachsene, umgekehrt waren nur 13 Prozent der Erwachsenen mit ADHS bereits als Kind erkrankt gewesen. Auch diese Studie, so Plener, spreche dafür, dass Kindheits- und Erwachsenen-ADHS zwei unterschiedliche Krankheitsentitäten sind.

Vergleichbare Zahlen liefert eine britische Studie mit über 2200 Zwillingen: Die unter 12-Jährigen waren zu 12 Prozent an ADHS erkrankt, die 18-Jährigen zu 8 Prozent. Nur jedes fünfte Kind mit ADHS war noch als junger Erwachsener betroffen. "Das ist deutlich weniger, als man bislang angenommen hatte", sagte Plener. Auch hier hatten die meisten Erwachsenen mit ADHS als Kind noch keine Diagnose, zwei Drittel von ihnen waren als Kind völlig unauffällig. In dieser Studie entwickelten nur 2,6 Prozent der Kinder ein ADHS, das bis ins Erwachsenenalter persistierte, und das waren vor allem diejenigen, die als Kinder oder Jugendliche eine besonders ausgeprägte Erkrankung sowie einen geringen IQ aufwiesen.

Gibt es ein spät beginnendes ADHS?

Schließlich kommt eine erneute Analyse der Multimodal-Treatment-Study (MTA) zu dem Schluss, dass von 239 Kindern mit ADHS 95 Prozent als Erwachsene keine Krankheitssymptome mehr hatten. Die Kinder waren vom 10. bis zum 25. Lebensjahr achtmal psychiatrisch untersucht worden.

Auch hier waren die ADHS-Symptome unter Erwachsenen zumeist in einem späten Alter aufgetreten und dabei fast immer mit dem Konsum von Alkohol und Drogen verbunden oder auf andere psychische Störungen zurückzuführen. Die Autoren der Re-Analyse stellen daher die Frage, ob ein spät beginnendes ADHS überhaupt existiere oder ob die Symptome nicht vielmehr Begleiterscheinung anderer psychischer Probleme seien.

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