Mamma-Karzinom

Mammografie - ist Vorsorge nur vorverlegte Sorge?

BERLIN (gvg). Ein Auftritt des Journalisten Dr. Werner Bartens in der Talkshow von Johannes B. Kerner hat die Debatte um Sinn und Unsinn des Mammografie-Screening erneut befeuert. Gegen eine einseitig-epidemiologische Argumentation wendet sich Dr. Gerold Hecht vom Referenzzentrum Bremen.

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Die Debatte um den Nutzen der Mammografie geht weiter.

Die Debatte um den Nutzen der Mammografie geht weiter.

© Foto: Kooperationsgemeinschaft Mammografie

Bartens ist Autor mehrerer medizinkritischer Bücher, darunter das "Ärztehasserbuch" und zuletzt "Sprechstunde: Woran die Medizin krankt". In Kerners Talkshow Mitte Mai äußerte er sich skeptisch zum Nutzen von Vorsorge und Früherkennung. Vorsorge sei häufig "vorverlegte Sorge". Die These, wonach "schnell erkannt und früh behandelt" auch ein längeres Leben bedeute, sei in dieser Pauschalität nicht richtig.

Bartens plädierte dafür, Diagnostik erst bei Beschwerden zu machen und nannte etwa die Mammografie: Ohne Screening stürben in zehn Jahren 4 von 1000 Frauen an Brustkrebs, mit Screening 3 Frauen. Dieser geringe Nutzen werde erkauft mit im selben Zeitraum 150 unklaren, falsch positiven oder falsch negativen Befunden, die die Frauen verunsicherten oder in falscher Sicherheit wiegten.

"Unnötige Brustoperationen gibt es kaum noch."

Dr. Gerold Hecht, Leiter des Referenzzentrums für das Mammografie-Screening in Bremen, sieht dieses Jonglieren mit Zahlen kritisch: "Was dabei häufig übersehen wird ist, wo wir bei der Mammadiagnostik herkommen", so Hecht im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Es gab Brustoperationen in großer Zahl, um verdächtige Befunde abzuklären, und bei der Hälfte dieser Operationen war der Befund benigne." Das hat sich geändert: "Wir können heute die Krebsdiagnose bei 98 Prozent der Patientinnen präoperativ sichern. Unnötige Operationen gibt es kaum noch." Denn heute seien Werkzeug und Kompetenz für eine ultraschallgesteuerte Feinnadelbiopsie flächendeckend verfügbar. "Durch das Screening-Programm hat sich ganz klar auch die kurative Mammografie verbessert", sagt Hecht.

Feinnadelbiopsien führen mitunter zu schmerzhaften Blutergüssen, aber weitere Komplikationen sind extrem selten: "Ich selbst habe bei 250 Biopsien pro Jahr seit 2001 keine einzige Frau gehabt, bei der wir wegen einer Komplikation bei der Biopsie operieren mussten. Das sind absolute Ausnahmefälle", so der Experte.

Die These, dass beim Screening ein geringer Nutzen mit großer Verunsicherung erkauft werde, hält Hecht für realitätsfern. Die meisten Frauen seien dankbar, wenn unklare Befunde abgeklärt würden. Derzeit würden in der ersten Screening-Runde vier bis fünf Prozent der Frauen zur zunächst nicht invasiven Abklärung eines unklaren Befunds einbestellt. Bei etwa der Hälfte erfolge eine Biopsie, die wiederum bei der Hälfte keinen Karzinomnachweis erbringe. Ab der zweiten Screening-Runde reduziert sich die Zahl der einbestellten Frauen Studienergebnissen zufolge auf etwa 2,5 Prozent.

Zum Argument, dass die "Vorverlegung" einer Krebsdiagnose gerade bei alten Menschen nicht immer klinisch relevant sei, sagt Hecht: "Aber auch hier muss man sich die Zahlen schon genau ansehen. Das Screening-Programm endet im Alter von 70 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung einer heute 70-jährigen liegt aber schon bei 84 Jahren. Das ist ein Zeitraum, bei dem auch ein langsam wachsendes Karzinom in der Regel noch relevant wird."

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