Die Kunst des "Entschreibens"

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich davor, Medikamente abzusetzen – obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler sind diesem Phänomen nachgegangen und haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden.

Dr. Robert BublakVon Dr. Robert Bublak Veröffentlicht:
Die Medikation von Patienten sollte regelmäßig überprüft werden – und auch mal eine Arznei abgesetzt.

Die Medikation von Patienten sollte regelmäßig überprüft werden – und auch mal eine Arznei abgesetzt.

© Schlierner / Fotolia

AUCKLAND. Folgt man den Zahlen in der medizinischen Literatur, gehen bis zu 10 Prozent der Klinikeinweisungen auf Probleme zurück, die mit einer medikamentösen Behandlung in Verbindung stehen. Der größte Teil davon wäre durch eine vorsichtigere Rezeptierpraxis zu verhindern.

Polypharmazie ist ein Hauptrisikofaktor, davon betroffen sind besonders ältere Patienten. Zu solcher Vorsicht am Rezeptblock gehört es, die Medikation von Patienten immer wieder zu überprüfen und Mittel abzusetzen, deren Nachteile den Nutzen überwiegen.

Solches "Entschreiben" (im Englischen als "deprescribing" bezeichnet) gehört seit je zu den Aufgaben von Ärzten. Mit Blick auf die Patienten existiert dazu einiges Studienmaterial, schon weil sie es sind, die von den unerwünschten Effekten betroffen sind.

Es ist aber noch wenig darüber bekannt, wie sich das Tablettenreduzieren aus Sicht der Mediziner darstellt.

Neuseeländische Forscher gehen auf den Grund

Ein Forscherteam um Katharine Wallis vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Auckland, Neuseeland, hat in einer qualitativ-explorativen Studie 24 Hausärzte zu dem Thema befragt (Ann Fam Med 2017 15: 302-303).

Generell waren die Mediziner sich durchaus einig, dass das Absetzen von Medikamenten für ein sicheres Verordnungsverhalten wichtig ist. Dort, wo es dem Patienten nütze, sei das Absetzen Pflicht. Allerdings sagten die Ärzte auch, es gebe viele Hindernisse auf diesem Weg – und wenig Anreize, ihn zu beschreiten.

Das Design der Untersuchung erlaubt keine Quantifizierungen. Im Wesentlichen aber kristallisieren sich zwei Hindernisse heraus, die dem Absetzen von verordneten Mitteln entgegenstehen.

"Ärztliche Verordnungskultur"

Das eine könnte man als "ärztliche Verordnungskultur" bezeichnen. Hier spielt die Furcht eine Rolle, ein schlechter Arzt zu sein und dem Patienten womöglich zu schaden, wenn man ihm seine Medikamente nimmt. Aber es ist auch von der Scheu die Rede, eine Therapie zu beenden, die ein Kollege begonnen hat.

Das zweite, größere Hindernis steht aufseiten der Patienten. Die Mediziner geben an, oft gar nicht genau zu wissen, welche Medikamente ihre Patienten nehmen, da der Austausch von Informationen unter den verschreibenden Kollegen stocke.

Zudem gehe es darum, mit den Patienten und deren Umgebung eine Beziehung aufzubauen – das Absetzen von Medikamenten könne ein Gefühl vermitteln, der Arzt habe den Betreffenden aufgegeben. Er wolle lieber sparen; als das Beste für ihn herauszuholen.

Eine Pille gegen jedes Übel?

Die Patienten seien jedoch der Ansicht, dass es gegen jedes Übel eine Pille geben müsse – ein Strom von Erwartungen.

Hinzu kommt die Unsicherheit im Wissen, wie multimorbide ältere Patienten zu behandeln, wie die verfügbaren Erkenntnisse in eine optimale Verschreibungspraxis umzusetzen seien. Solche Unsicherheit erzeugt Angst. Wer Angst hat, schreibt aber lieber noch ein weiteres Medikament aufs Rezept, als eines aus der Liste zu streichen.

Die Ärzte in der Studie präsentierten eigene Vorschläge, wie sich die Lage verbessern ließe. Dazu gehört es ihrer Ansicht nach, in Leitlinien auch das Absetzen von Medikamenten aufzunehmen. Groß ist der Wunsch nach mehr Information und Training.

Einer der Hausärzte formuliert es so: "Wissen Sie, das Rezepteschreiben wird umfangreich gelehrt. Aber das Absetzen von Medikamenten ist kein Thema, das von Anfang an angesprochen würde. Ich kann mich nicht erinnern, dass es dazu während meiner Ausbildung eine Lehrveranstaltung gegeben hätte."

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