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Die Bevölkerung ist über Darmkrebs gut informiert, trotzdem geht die Zahl der Koloskopien leicht zurück. Das Ziel der Präventionsmediziner ist nun, die Schere zwischen Wissen und Handeln zu schließen.

Ärzte Zeitung: Wie hoch war die Teilnahmerate bei den Vorsorge-Koloskopien im vorigen Jahr?

Professor Jürgen Riemann: Es gibt eine leicht sinkende Tendenz. Die Zahl der Darmspiegelungen liegt seit ihrer Einführung als gesetzlich verankerte Vorsorgemaßnahme jährlich zwischen 500 000 und 600 000, das sind etwa drei bis fünf Prozent der Anspruchsberechtigten. Hochgerechnet wären das in zehn Jahren 30 Prozent.

Nach einer Allensbach-Umfrage im Auftrag der Stiftung LebensBlicke haben knapp die Hälfte aller Anspruchsberechtigten sich schon koloskopieren lassen. Somit tauchen viele Untersuchungen zur Vorsorge oder aus anderem Grund in den Erhebungen gar nicht auf. Wir sind also gar nicht schlecht dran. Das erklärt auch die deutlich sinkende Inzidenz und Mortalität beim Darmkrebs.

Ärzte Zeitung: Wie kann die Teilnahmequote gesteigert werden?

"Die meisten Menschen finden die Vorsorge gut, nehmen sie aber nicht in Anspruch." Professor Jürgen Riemann Vorsitzender der Stiftung LebensBlicke

Riemann: Das frühere Informationsdefizit ist durch die Aktivitäten auch der Stiftung LebensBlicke nahezu beseitigt, jetzt geht es um Motivation. Denn es gibt eine kognitive Dissonanz: 90 Prozent der Menschen wissen, dass es Darmkrebsvorsorge gibt und halten sie für gut. Aber für sich selbst nehmen sie sie nicht in Anspruch, weil sie das Gefühl haben, mir geht's gut, also habe ich nichts.

Ärzte Zeitung: Wie kann man die Menschen motivieren?

Riemann: Durch ein Einladungsverfahren wie beim Mammascreening. Bei einer Aktion der AOK Rheinland und Hamburg mit dem Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen hat sich herausgestellt: Die Menschen nehmen die Vorsorge stärker wahr, wenn sie persönlich aufgefordert werden und einen Termin bei einem Arzt in ihrer Nähe erhalten. Außerdem sind sie stärker zur Vorsorge bereit, wenn sie um ihren Geburtstag oder Weihnachten herum eingeladen werden, wie eine große skandinavische Studie ergeben hat. An solchen Tagen wird oft Bilanz gezogen - auch eine Gesundheitsbilanz. Ich plädiere für ein bundesweites Einladungsverfahren.

Ärzte Zeitung: Was könnten oder sollten die Hausärzte tun, um die Patienten stärker zu motivieren?

Riemann: Die Ansprache durch die Hausärzte ist extrem wichtig. Die Allensbach-Umfrage hat auch gezeigt, dass die Menschen gerne durch ihre Hausärzte angesprochen werden würden. Über 40 Prozent der über 50-jährigen haben angegeben, auf die Vorsorgekoloskopie noch nie aufmerksam gemacht worden zu sein. Mein Vorschlag wäre, einen Präventionspass einzuführen. So hätten die Menschen einen Überblick über das, was ihnen in welchem Alter an Leistungen zusteht.

Ärzte Zeitung: Wie halten Sie von der CT- oder MRT-Kolonografie?

Riemann: Das CT wird als Screening-Verfahren in absehbarer Zeit keine Rolle spielen. Die Daten sind zwar sehr gut, dagegen steht aber die Strahlenbelastung. Das sehen auch der GBA und das Bundesamt für Strahlenschutz so. Leider wird die CT-Kolonografie bereits als IGeL-Leistung zur Darmkrebsvorsorge angeboten. Das MRT könnte ein Weg sein, aber es fehlen die Daten. In einer großen Ludwigshafener Studie wird das Verfahren derzeit mit der Koloskopie verglichen.

Ärzte Zeitung: Dann bleibt noch die Kolon-Kapsel….

Riemann: Die Kapsel liefert exzellente Bilder, aber für eine Bewertung ist es noch zu früh. Meine Vision wäre, dass wir nur noch diejenigen Menschen koloskopieren, die tatsächlich einen Befund haben. Wenn man zehn Menschen untersucht, findet man ja statistisch nur bei drei bis vier eine Neoplasie. Die übrigen müssten durch einfachere Methoden herausgefiltert werden, zum Beispiel durch einen DNA-Test einer Blut- oder Stuhlprobe.

Ärzte Zeitung: Wie sind denn die Ergebnisse der Vorsorgekoloskopie?

Riemann: Bei einem Screening der asymptomatischen Bevölkerung findet man bei einem Prozent Karzinome und bei sechs bis acht Prozent Polypen mit schweren Dysplasien.

Die gute Botschaft lautet: Durch das Screening entdeckt man viele gefährliche Vorstufen und natürlich auch Karzinome in einem noch heilbarem Stadium.

Das Gespräch hat Ingeborg Bördlein geführt.

Zur Person

Professor Jürgen Riemann war von 1985 bis 2008 Direktor der Medizinischen Klinik C am Klinikum Ludwigshafen. 1997 hat er zur Aufklärung der Bevölkerung die Stiftung "LebensBlicke - Früherkennung Darmkrebs" gegründet, die er mit großem Engagement heute noch leitet. Am 12. Februar 2009 wurde er für seine Verdienste mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.

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