Ernährungsmedizin

Neue Wege zu Schlankheit und Fitness

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DÜSSELDORF. 80 Prozent der Erkrankungen an den Herzkranzgefäßen sind theoretisch vermeidbar, haben Berechnungen ergeben. Was dafür in erster Linie getan werden muss, ist seit langem klar: nicht rauchen, ausreichend bewegen und richtig essen. Was aber ist beim Essen richtig? Darüber gibt es kontroverse Ansichten. Manche Präventionsmediziner fordern gar einen Paradigmenwechsel.

Von Thomas Meißner

Ein Belastungs-EKG ist nötig fürs Aufstellen eines Trainingsplans.

Ein Belastungs-EKG ist nötig fürs Aufstellen eines Trainingsplans.

© Foto: Bilderbox

Der Präventivmediziner und Internist Dr. Johannes Scholl aus Rüdesheim am Rhein setzt auf Hausärzte. Er findet, sie könnten präventivmedizinisch mehr tun als bisher und sich damit zugleich ein weiteres wirtschaftliches Standbein schaffen.

Scholl vertritt ein besonderes Konzept: Statt fettarm gilt für ihn: Auf das richtige Fett kommt es an. In den vergangenen Jahren haben sich nach seiner Meinung die Ansichten zu einer herzgesunden Kost geändert, weg von einer fettarmen, kohlenhy-dratreichen, hin zu einer moderat fett- und eiweißreichen, kohlenhydratreduzierten Ernährung.

Jedoch: in den Empfehlungen deutscher Fachgesellschaften hat sich das bisher nicht niedergeschlagen. Diesen Sachverhalt kritisiert Scholl, der erster Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin ist.

Bei fettarmer Ernährung sinkt auch das HDL-Cholesterin

Seit Langem ist bekannt, dass die fettarme Ernährung nicht nur das Gesamt-, sondern auch das HDL-Cholesterin im Blut senkt. Es sinkt also auch das "gute Cholesterin", das die Blutgefäße vor Ablagerungen schützt. Außerdem: "Wer wenig Fett isst, nimmt meist vermehrt Kohlenhydrate auf", sagt Scholl. Vor allem beim metabolischen Syndrom, der gesundheitlich ungünstigen Konstellation aus mehreren Risikofaktoren für Herzerkrankungen, die bei etwa 20 Millionen Menschen in Deutschland besteht, führt dies unmittelbar nach der Mahlzeit zu einer hohen Zuckerkonzentration im Blut. Dadurch steigt das Risiko für Erkrankungen der Herzkranzgefäße und für Diabetes mellitus.

Manche Ernährungsexperten fordern Paradigmenwechsel

"Es ist höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel in den Ernährungs­empfehlungen", zitiert Scholl das Plädoyer des Ernährungsexperten der Harvard-Universität in Boston in Massachusetts, Dr. Frank B. Hu. Der setzt auf die LOGI-Ernährung aus Harvard. Sie habe sich präventivmedizinisch als optimal herausgestellt, so Scholl. LOGI steht für "LOw Glycemic and Insulinemic" - also für niedrigen Blutzucker und für niedrige Insulinspiegel. Mit dem LOGI-Konzept wird die Fettverbrennung gefördert und das Verhältnis von schlechtem LDL-Cholesterin zu gutem HDL verbessert.

LOGI meint eine Ernährung mit sehr viel Obst und Gemüse, aber wenig klassischen Kohlenhydraten wie Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis oder gar Süßigkeiten. Ein Schwerpunkt liegt auf den hochwertigen Fetten mit einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Weiterhin gibt es reichlich Eiweiß als Sattmacher in Form von Hülsenfrüchten, magerem Fleisch, Geflügel und Fisch.

Die Energiedichte von LOGI ist so niedrig, dass man sich satt essen kann, ohne zuzunehmen (www.logi-methode.de). Bei direkten Vergleichen mit "Low-Fat" schneidet LOGI bei den Stoffwechselveränderungen eindeutig besser ab, betont der Internist Scholl. Auch zum Thema Fitness hat der Kollege etwas ungewöhnliche Ansichten: "Dicke Fitte haben ein niedrigeres KHK-Risiko als schlanke Unfitte." Also: Lieber dick und fit als ein schlanker Stubenhocker.

Wie setzt man dies in die Praxis um? In Kursen der Deutschen Akademie für Präventivmedizin (www.akaprev.de) oder bei Workshops der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin (www.dgsp.de) lernen Ärzte etwa, wie man für dicke Diabetiker ein maßgeschneidertes Trainingsprogramm erarbeitet. Dazu ist zunächst eine Leistungsdiagnostik erforderlich, die als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) angeboten werden kann, das heißt, Patienten müssen sie selbst bezahlen. Alles, was dazu nötig ist ist in vielen Praxen vorhanden, eine Ergometrie-Einheit (Fahrrad und EKG) und ein kleines Laktatmessgerät. Der Zeitaufwand für die Erstellung eines Trainingsplans betrage etwa eine Stunde pro Patient, sagt Scholl.

Maßstab für die Therapie sollte stets das Gesamtrisiko sein

Allerdings: Ganz ohne Medikamente geht es bei der Vorbeugung kardiovaskulärer Ereignisse oft nicht. Es dürfe aber nicht darum gehen, durch eine Therapie einzelne Laborparameter zu korrigieren, etwa das Gesamtcholesterin. Stets muss das Gesamtrisiko des Patienten Maßstab für die Therapie sein. Zur Berechnung des absoluten Zehnjahres-Herz-Risikos gibt es Formeln (etwa den Framingham- oder PROCAM-Score). Dabei werden die klassischen Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchen, hoher Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker berücksichtigt.

Die Entscheidung zur medikamentösen Therapie richtet sich nach der Höhe des Risikos. So sollte bei erhöhten Cholesterinwerten zur Vorbeugung medikamentös behandelt werden, wenn das berechnete Risiko, innerhalb von zehn Jahren eine Herzkranzgefäßerkrankung zu bekommen, über 20 Prozent liegt. Und erst ab einem Risiko von 15 Prozent überwiegt bei Dauerbehandlung mit 100 mg Acetylsalicylsäure (ASS) der Nutzen den potenziellen Schaden, der zum Beispiel durch Magenprobleme entsteht

Die Intima-Media-Dicke liefert Infos zusätzlich zu Scores

Über solche Scores hinaus erhält man mit der Messung der Innenschichtdicke der Halsschlagader (Intima-Media-Dicke, IMT) per Ultraschall weitere wichtige Informationen. So empfiehlt die Europäische Gesellschaft für Kardiologie bei erhöhten IMT-Werten den jeweiligen Patienten eine Risikokategorie höher einzustufen als mit einem Score ermittelt wurde.

Auch diese Messung müssen Patienten selbst bezahlen. Hat also ein Patient im Framingham-Score ein 15-prozentiges Risiko, in zehn Jahren an den Herzkranzgefäßen zu erkranken und ist zusätzlich die IMT deutlich erhöht, dann sollte er auch bereits bei lediglich moderat erhöhten Cholesterin-Werten ein Medikament verordnet bekommen, das die Blutfettwerte senkt.

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