Graue Zellen in Aktion

Neurologen setzen auf Bewegung

Beim Deutschen Neurologenkongress standen nicht nur neue Therapien im Fokus, sondern auch die Hirngesundheit: Langsam verstehen Forscher, wie geistige und körperliche Aktivität das Hirn fit halten.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Alles in Bewegung: Aktion hilft dem Hirn.

Alles in Bewegung: Aktion hilft dem Hirn.

© storm/Fotolia.com

DRESDEN. In der Neurologie ist tatsächlich viel in Bewegung. Das betrifft nicht nur neue Therapien, wie sie etwa bei MS anstehen, auch erkennen Forscher immer besser, was das Gehirn gesund hält und was es krank macht.

Prävention lohnt sich - das war eine der wichtigsten Botschaften auf dem Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Dresden. Und Prävention ist vor allem da wichtig, wo es in absehbarer Zeit noch keine kausal wirksamen Therapien geben wird - also vor allem bei neurodegenerativen Krankheiten.

Der Hirnforscher Professor Konrad Beyreuther aus Heidelberg erinnerte daran, dass nur etwa die Hälfte des Demenzrisikos durch genetische Faktoren bestimmt wird.

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Die anderen Hälfte lässt sich im Wesentlichen auf sieben Faktoren zurückführen: körperliche und geistige Inaktivität, Depressionen, Hypertonie sowie Übergewicht im mittleren Lebensalter, Rauchen und Diabetes. Wir haben es also in der Hand, ob jeder Dritte oder nur jeder Sechste von uns einmal an Alzheimer oder einer anderen Demenzform erkrankt.

Prävention ist jedoch nicht nur Wunschdenken, sie funktioniert tatsächlich, und offenbar machen wir schon vieles richtig, sagte Beyreuther.

So ist die Demenzinzidenz in der Rotterdam-Studie in den vergangen zwei Dekaden um ein Viertel gesunken, in einer schwedischen Studie sogar um 30 Prozent, und nach einer aktuellen Untersuchung gab es 2011 in Großbritannien ein Viertel weniger Demenzkranke als nach Berechnungen aus dem Jahr 1991 zu erwarten gewesen wären.

Gründe seien wahrscheinlich eine bessere Blutdruck- und Cholesterinkontrolle sowie ein aktiverer Lebensstil, vermutet der Hirnforscher.

Sport mit Hirnjogging kombinieren

Mehr körperliche Bewegung ist nach Studiendaten auch der wichtigste Einzelfaktor bei der Demenzprävention, doch am besten funktioniert die Kombination von körperlicher und geistiger Aktivität. Das zeigten auf dem Kongress eine ganze Reihe von Studien mit Mensch und Tier.

Professor Notger Müller vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Magdeburg verwies auf Untersuchungen, nach denen ein rein kognitives oder ein rein körperliches Training bei gesunden älteren Menschen die Kognition allenfalls stabilisieren, nicht aber verbessern kann.

Dagegen vermag die Kombination von beidem die geistige Leistung deutlich zu steigern. Daher überrascht es wenig, dass in der ebenfalls vorgestellten COGITO-Studie ein sehr intensives, aber rein kognitives Training bei älteren Personen nur moderate Effekte zeigte.

Einen Erklärungsversuch wagte Professor Gerd Kempermann vom DZNE Dresden. Körperliche und geistige Aktivität gehören für ihn zusammen. Das Nervensystem sei zur Bewegung entstanden, zur Jagd und zur Flucht. Lebewesen, die sich nicht bewegen, hätten allenfalls rudimentäre neurale Strukturen.

Wie geistiges und körperliches Training zusammenwirken, zeigen auch Tierversuche: Gestattet man Mäusen viel Sport, wird die Neurogenese im Hippocampus stimuliert. Die neugeborenen Nervenzellen überleben allerdings nur, wenn die Tiere auch kognitiv gefordert sind.

In einer reizarmen Umgebung sterben sie schnell wieder. Joggen auf dem Laufband oder stumpfsinniges Gewichtheben im Fitnessstudio dürften also für die Hirnleistung weniger bringen als eine Wanderung durchs Gebirge in freier Natur.

Paradigmenwechsel in MS-Therapie

Das Kongressmotto "Medizin in Bewegung" ist aber auch noch aus einem anderen Grund sehr treffend: Die MS-Therapie befindet sich in einem gewaltigen Umbruch. Kurz vor dem Kongress wurden mit Teriflunomid und Alemtuzumab zwei neue Wirkstoffe zugelassen.

Interessanterweise erlaubt die Zulassungsbehörde EMA bei beiden eine recht breite Anwendung und durchbricht damit die Einteilung in Basis- und Eskalationstherapie. "Das bedeutet wieder mehr Freiheit für die Therapeuten", so Professor Tjalf Ziemssen von der Universität Dresden.

Das oral anwendbare Teriflunomid wurde allgemein für Erwachsene mit schubförmiger MS zugelassen und kann daher auch schon breit als First-line-Therapie angewandt werden, beim monoklonalen Antikörper Alemtuzumab lautet die einzige Einschränkung, dass eine aktive MS vorliegen muss - definiert durch klinischen Befund oder Bildgebung.

Für eine Reihe weiterer MS-Arzneien wird in Kürze die Zulassung erwartet. Sollte diese ebenfalls recht breit gewährt werden, könnte es bald zu einem Paradigmenwechsel in der MS-Therapie kommen.

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